Volltextsuche über das Angebot:

6 ° / 3 ° Sprühregen

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Einheitsbarock im Fernsehen von einst - Händels „Admeto“ an der Oper Leipzig

Einheitsbarock im Fernsehen von einst - Händels „Admeto“ an der Oper Leipzig

Mit erheblichem Applaus bedachte das Publikum in der passabel besuchten Oper Leipzig die Premiere der Händel Oper „Admeto“. Die Regie der von Bettina Bartz und Werner Hintze ins Deutsche übertragenen Spielfassung lag in den Händen von Tobis Kratzer.

Voriger Artikel
Jürgen Vogel präsentiert in Leipzig den Film "Schwerkraft"
Nächster Artikel
Sebastian Krumbiegel stellt seine neue Band in Leipzig vor

König Admeto (Hagen Matzeit) erfährt per Orakelspruch von seinem Todesurteil.

Quelle: Volkmar Heinz

Leipzig. Es dirigierte Federico Maria Sardelli.

Eigentlich ist es eine schöne Idee: Da laufen immer mal wieder fünf Mitstreiter vom „Team ATEF“ mit Melodikas durchs Bild. Als Schicksalsboten, Unterweltler, Küchenpersonal, bärtige Grace-Kelly-Klone. Schaurig schnarrend grundieren sie Rezitative, verblüffend gut gerät ihnen sogar die Begleitung dieser oder jener Arie. Und da sie nun schon einmal zu fünft sind, müssen sie etwas zwanghaft auch Dave Brubecks „Take Five“ einflechten. Schließlich geben Florian Appel, Jochen Neurath, Stefan Temmingh, Martin Wettgas und Cheng Jie Zhang noch die Titelmelodie von „Miss Marple“ zu und zeigen so auch dem Allerletzten, wo Kratzer und Team Händels ungelenke Geschichte vom mehrfachen Sterben und kreuzweisen Lieben haben wollen: im Fernsehen.

Warum nicht? Da könnte man erstens wegzappen - und überdies blitzt momentweise tatsächlich die Möglichkeit auf, etwas daraus zu machen, den Einfall Idee werden zu lassen: Wenn Kathrin Göring als Orindo auf den Spuren der rüstigen Hobby-Ermittlerin durchs schwül-schwere Tudor-Mobiliar (Bühne und Kostüme: Rainer Sellmaier) streift, die bezaubernde Soula Parassidis als Alceste/Grace Kelly Herz-Schmerz-Rezeptoren anregt, Lars Arvidson sich als Meraspe/Butler vor Edgar Wallace verneigt, Axel Köhler im farblich kühnen Großkaro den versehrten Landlord gibt. Zusammengerührt ist das für hübschen Trash gut, und vielleicht wäre dies die richtige Haltung gegenüber einem Libretto, das nichts weiter liefern soll und will als Stichworte für die einschlägigen Affekte, denen Händel artig seine Arien widmete: Liebe, Eifersucht, Trauer, Rache, Zorn...

php2de40e0d50201003221522.jpg

Leipzig. Mit erheblichem Applaus bedachte das Publikum in der passabel besuchten Oper Leipzig die Premiere der Händel Oper „Admeto“. Die Regie der von Bettina Bartz und Werner Hintze ins Deutsche übertragenen Spielfassung lag in den Händen von Tobis Kratzer. Es dirigierte Federico Maria Sardelli.

Zur Bildergalerie

Doch dazu kann Kratzer sich nicht durchringen, und so bleiben die Bilder und die Gags aus der heilen TV-Welt von einst halbgare Dreingabe. Sie brechen nichts, beleben nichts, dekorieren und gliedern allenfalls die über weite, weite Strecken vorherrschende Langeweile. Vor allem die erste Halbzeit zieht sich gefühlt noch länger als die schon grenzwertigen gemessenen gut eineinhalb Stunden vermuten lassen.

Nach der Pause gibt es auf der nun von allem Dekor befreiten Bühne immerhin häufiger wirklich schöne Musik: Hagen Matzeits Altus rührt gleich mit der wundervollen Arie „Ja! Ja! Den Tod“ zu Tränen, Parassidis tut es ihm mit ihrem ätherischen Sopran in „Mein Los ist unbeständig“ nach, auch der zur Premiere indisponierte Axel Köhler ist nun besser, beinahe in gewohnter Form. Elena Tokar als Antigone ist nur noch in den Auszierungen der da-capo-Wiederholungen unsauber und insgesamt weniger scharf, Miklós Sebestién als Herkules leidlich kultiviert.

In solchen Momenten behaupten sich Händels vokale Linien sogar gegen die deutsche Übersetzung, die ansonsten nicht nur den aus der Sprachmelodie des Italienischen destillierten Rezitativen mit schiefen Betonungen, falschen Vokalfarben, holpriger Satzstellung und unangemessener Stilhöhe den Garaus macht.

phpyGMT2F20100322160114.jpg

Petra Burmeister ist eine der weingen Leute in Deutschland, die die Theorbe spielen können. Dieses mittelalterliche Instrument, hier als original Kopien nachgebaut, spielt zurzeit in Leipzig die Musik zur Oper "Admeto".

Quelle: Volkmar Heinz

Und was eigentlich ist dadurch gewonnen? Die Affekte sind ohnehin leicht zu erkennen, ein Handlungskontinuum, das den Gesetzen der Logik folgte, gibt es in dieser Oper vom Bodensatz des klassischen Mythos nicht. Übertitel lenken der Übersetzung und sehr anständigen Artikulation aller Beteiligten zum Trotz vom Bühnengeschehen ab. Willkommen also in der Musiktheater-Provinz von einst.

Aus dem Graben kommen schöne Bläserfarben, und hin und wieder sind die wenigen Mitglieder des Gewandhausorchesters und das singende Personal auf der Bühne sogar beieinander. Meist aber fügt sich auch der unerheblich im alles beherrschenden Dauermezzoforte vor sich hin plänkelnde gemütliche Einheitsbarock aus dem Graben in den das szenische Geschehen bestimmenden Affekt der Langeweile. Da helfen die wohl eher aus optischen Gründen ins Orchester integrierten Theorben klanglich nicht wirklich. Und schon gar nicht Sardellis ausladendes und offenhörlich allzu oft wenig hilfreiches Gerudere.

Am Schluss läuft noch einmal der Hausherr durchs Bild: Alexander von Maravic verhaftet als Polizist den unschuldigen Helden Herkules. Danach übernehmen Trasimede und Antigona die Herrschaft, und Kratzer setzt eine bemerkenswerte Pointe - die allerdings weitgehend wirkungslos verpufft, weil die guten drei Stunden zuvor sie nicht ansteuern, sondern sich von Einfall zu Einfall hangeln. Barockoper taugt also einstweilen auch nicht, der Oper Leipzig zu ästhetischer Identität zu verhelfen.

Weitere Vorstellungen: 25.3., 23.4., 30.5., 1. und 17.6., Karten und Infos unter Tel. 0341 1261261.

Peter Korfmacher

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
  • Leipziger Opernball 2017

    Schwungvoll im Dreivierteltakt: Hier finden Sie Infos und Fotos vom Leipziger Opernball 2017 unter dem Motto „Moskauer Nächte“ mehr

  • Panometer Leipzig - Dresden
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Titanic" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zu den Panoramen "Titanic" und "Dresden im Barock" mehr

  • Lachmesse Leipzig 2017

    Vom 15. bis 20. Oktober 2017 werden in Leipzig wieder massiv die Lachmuskeln gereizt. Über 180 Künstler kommen zur Lachmesse. mehr

  • Lichtfest Leipzig 2017

    Alljährlich am 9. Oktober erinnert das Lichtfest Leipzig auf dem Augustusplatz an die Ereignisse im Herbst 1989. Hier gibt es alle Infos. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

Eine neue Ausstellung in der Galerie des Neuen Augusteums widmet sich der Geschichte der Universitätskirche sowie der Entstehung des Neubaus. mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album 2
    Leipzig-Album 2

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr