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Kultur Einladung zum Leichenschmaus
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22:28 01.03.2018
Der Autor Tom Hillenbrand schickt sich an, den Bildschirm zu erobern: Eine Serie von „Drohnen Land“ ist in Planung, die Kieffer-Krimis werden mit Moritz Bleibtreu verfilmt. Quelle: Dirk Guldner
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Hamburg

Bei einem perfekten Spiegelei ist ein gerade eben angestocktes Eiweiß heilig. Es mit der eigenen Bratbutter zu übergießen käme allerdings einer Todsünde gleich: Gourmetköche machen selbst aus der Zubereitung eines simplen Eis eine Religion. Rund um die Eitelkeiten und Abgründe der Gastroszene arrangiert der ehemalige „Spiegel Online“-Redakteur Tom Hillenbrand seine kulinarischen Krimis.

Die Mördergeschichten mit dem luxemburgischen Sternekoch Xavier Kieffer als Ermittler landen regelmäßig auf der Bestsellerliste. Gerade ist der fünfte Band „Gefährliche Empfehlungen“ erschienen. Im Zentrum steht eine Ausgabe des renommierten Guide Gaban (Vorbild ist der Guide Michelin) aus dem Jahr 1939. Diese letzte Edition des Restaurantführers, ehe der Zweite Weltkrieg das große Schlemmen beendete, dient als Schlüssel für codierte Botschaften, die bis in der Gegenwart brisant sind. Inspiriert wurde der Autor bei einer Lesung in einem Landgasthof in der Eifel. In einem Regal mit alten Kochtöpfen fand er eine historische Ausgabe des Guide Michelin, blätterte gefesselt durch die eng beschriebenen Seiten mit Empfehlungen längst geschlossener Restaurants. Hillenbrand sagt: „Beim D-Day hatten die Generale den Restaurantführer im Gepäck.“ Denn das Kartenmaterial sei so detailliert gewesen und habe strategisch wichtige Punkte wie Flüsse und Kirchen verzeichnet, dass sowohl die Nationalsozialisten als auch die Alliierten den Guide nutzten.

Essen und Mord, damit bedient der 44-Jährige gleich zwei Lieblingsthemen der Leser. Das Dolce Vita erscheint im Angesicht des drohenden Endes noch attraktiver. Auch Lokalkolorit spielt in Zeiten boomender Regionalkrimis bei Hillenbrand eine große Rolle. Wie kam der gebürtige Hamburger darauf, seinem Koch ausgerechnet eine luxemburgische Vita zu geben? „Das war noch übrig, ansonsten ist doch schon jedes Alpental mit einem literarischen Ermittler besetzt“, meint Hillenbrand. 1997 hat er für ein EU-Praktikum einige Monate in dem Land gelebt. „Für die Deutschen ist Luxemburg exotisch. Viele wissen nicht einmal, welche Sprache dort gesprochen wird. Das Land ist winzig, aber wegen der EU und all der Banken zugleich international.“ In Luxemburg finde man die „ursprüngliche Fusionsküche“. Jeder Besatzer habe etwas dagelassen, die Spanier zum Beispiel den Kachkeis, einen zerflossenen Käse, wie es ihn auch in Tapasbars gibt. Hillenbrands unprätentiöser Hobbykriminologe Kieffer ist ein Kettenraucher, der die Utensilien seiner Feinschmeckerküche schon mal eben zur Einbrecherabwehr umzufunktionieren vermag.

Der Autor selbst kocht zwar gerne für Freunde, überlässt den Herd in der Öffentlichkeit aber lieber den Profis. Bei Lesungen unterhält der Autor seine Zuhörer mit der Geschichte, wie er im polnischen Frühstücksfernsehen live ein mehrgängiges luxemburgisches Menü kochen sollte. Er lehnte ab. Wenn er privat auf der Suche nach dem besten Burgerladen in der Nähe ist, vertraut Hillenbrand auf Portale wie Tripadvisor oder Yelp. „Restauranttipps haben sich demokratisiert. Der Guide Michelin, der seine Methodik geheim hält, ist aus der Zeit gefallen.“ Dennoch hat eine professionelle Bewertung seiner Meinung nach in der gehobenen Küche weiterhin ihre Berechtigung. „Wenn man bei der Recherche wie ich so oft in Nobelrestaurants speist, wird man schon ein wenig krüsch“, meint der Autor. Krüsch ist norddeutsch für mäkelig. Ihn interessiere dabei weniger, wie samtig das Süppchen schmecke, sondern eher die „Mechanik des Essens“, die professionelle Zubereitung in einer Großküche. Nach seinem Kieffer-Krimi „Rotes Gold“, in dem es um Thunfisch ging, konnte er zwei Jahre lang kein Sushi mehr essen, weil er zu intensive Einblicke in die Produktion hatte. Sein trockener Kommentar: „Unwissenheit schützt. Man versaut sich mit jedem Buch eine Küche.“ Als ehemaliger Wirtschaftsredakteur faszinieren ihn die ökonomischen Implikationen des Essens. „In einer globalisierten Welt wollen alle das derzeit angesagte Essen, alle verlangen nach Extra Vergine Öl oder der Beere des Tages.“

Nicht nur in der Gastronomie hat Hillenbrand ein Gespür für Trends und gesellschaftliche Entwicklungen: In seinem Krimi „Drohnen Land“ (veröffentlicht 2014, geschrieben vor 2013) nimmt er nicht nur die Enthüllungen von Edward Snowden voraus, sondern auch den Brexit. In dem Nahzukunftskrimi haben Medienfolien sperrige Computer abgelöst, Polizisten müssen sich nicht mehr selbst an den Tatort begeben, sondern ermitteln in einer 3-D-Spiegelung der Realität. Specs, eine Art erweiterte Google-Brille, sind so alltäglich wie heute das Smartphone. Sie zeichnen ständig Daten über Einkäufe, Aufenthaltsort und Kommunikation auf. Zusammen mit den Aufnahmen der allgegenwärtigen Drohnen ergibt sich so eine lückenlose Überwachung. Der moderne Bruder von George Orwells Dystopie „1984“ lässt besonders deshalb erschaudern, weil Hillenbrand in seiner Fiktion nur Entwicklungen weiterdenkt, die bereits in vollem Gang sind: Selbstfahrende Autos etwa werden bereits getestet. Dass das Taxi dann auch gleich wie im Roman die Tür verriegelt, wenn der Fahrgast auf einer Fahndungsliste steht, ist da nur noch eine Zusatzfunktion. Der Leser kann sich vorstellen, dass er eines Tages in der voll kontrollierten Welt von „Drohnen Land“ aufwacht und sich ähnlich nostalgisch an die Gegenwart erinnert wie ein Ü-40-Jähriger heute an seine vordigitale Jugend. Hillenbrand prognostiziert: „Die Ideen aus meinem Buch könnten in zehn Jahren Realität sein.“ Und er zitiert seinen Science-Fiction-Kollegen William Gibson: „Die Zukunft ist schon da. Sie ist bloß noch nicht gleichmäßig verteilt.“  

Und was werden wir in zehn Jahren essen? Hillenbrand prophezeit, dass Fleisch in naher Zukunft nur noch im Labor fabriziert werde, weil Massentierhaltung aus ökologischer Sicht einfach nicht mehr vertretbar sei. „Und es wird mal normal sein, Insekten zu essen, denn sie sind sehr proteinreich. Man muss nur eine schicke Panade drummachen, damit sie nicht wie Insekten aussehen.“ Wenn das mal nicht Mord und Totschlag gibt.

Von Nina May/RND

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