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Kultur Element of Crime beliefern ihre Fans im Haus Auensee mit Melancholie
Nachrichten Kultur Element of Crime beliefern ihre Fans im Haus Auensee mit Melancholie
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08:36 01.02.2010
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Leipzig

Er gehe nicht gerne raus, hat Sven Regener mal in einem TV-Interview kundgetan. Dieses Stubenhockend-Genialische umstreift Element of Crime seit ihrer deutschsprachigen Premiere mit „Damals hinterm Mond“. Und es ist kein Zufall, dass eines der schönsten Lieder dieser rotzigen Chanson-Kapelle „Draußen hinterm Fenster“ heißt.

Auf der anderen Seite der Scheibe lauert die Erwachsenenwelt mit ihren bizarren Gebräuchen, während drinnen das romantische Ideal, händchenhaltend, seelenumschlungen gefeiert wird: „Ich frage dich nicht, wo du herkommst. Du sagst mir nicht, wo wir sind. Wir sitzen hier fest, was auch immer geschieht. Verwirrt, träge und verliebt.“ Am Donnerstagabend zelebrieren Regener und Co. den Klassiker im ausverkauften Haus Auensee mit Tempo und frischer Trompeten-Verve, so als wäre ihnen der Song erst vor wenigen Wochen eingefallen.

Es bleibt ein eigenartiger Genuss, Regener, inzwischen im 50. Lebensjahr angekommen, in der Rolle des vergrübelten Rockers zu beobachten, trifft hier doch im Grunde Unvereinbares zusammen: Da singt einer in feiner Lyrik vom Werden („Du hast die Wahl“) und Vergehen der Liebe („Weißes Papier“) oder von der Sehnsucht nach Vergessen („Delmenhorst“), das aber mit einer Stimme, die sich hervorragend zum Kinder-Erschrecken eignet. Und die Band formuliert ihre hörenswerten Beiträge nach wie vor derb.

Auch nach 25 Jahren Aufenthalt auf den Bühnen der Republik weiß der gebürtige Bremer immer noch nicht, was er mit den Zuschauern anfangen soll. Zu hochgerissenen Armen „Romantik“ zu rufen, „Danke“ oder mal ein paar Worte über das Straßenbahnfahren auf die Schienen zu legen, darf man dem „Herr Lehmann“-Autor schon als Geschwätzigkeit auslegen. Wenn er dann bei „Kaffee und Karin“, eine melancholisch-witzige Weise über das „Jammern und Picheln im Gartencafé“ mit kühnem Schwung das Publikum zum Mitgehen auffordert, ist das einfach nur rührend.

Und überflüssig. Die Fans der Band sind treu, textsicher und wachsen mit jeder neuen CD nach. Ob platinblond und tief ausgeschnitten oder aschgrau und tief eingeschnitten - die Musik bewegt sie alle. Regeners charmanter Autismus ist es wohl auch, der ihn gegen den moralisch-musikalischen Verfall etwa eines Westernhagens oder Kunzes imprägniert. Der scheue Sänger singt nicht auf jeder Worum-Geht-Es-Hier-Eigentlich-Aber-Ich-Bin-Auch-Dafür-Gala. Er geht eben nicht gern raus, sondern bleibt bei sich. Man kann so etwas Charakter nennen.

Leipzig. Die Wolken haben am Mittwochabend mal nicht geweint, als Element of Crime auf der Parkbühne 1500 Zuschauern vor allem von schief gelaufener Liebe erzählten. Kein Wunder: Das Sprachbild ist dem kauzigen Dichterfürsten Sven Regener viel zu abgeschmackt. Ein Element-of-Crime-Konzert eignet sich bezeichnender Weise nicht so gut, um die Strategien im Umgang mit Liebeskummer in die Tat umzusetzen
So sind seit 1991 Dutzende großartiger Songs entstanden, was dazu führt, dass eigentlich niemand zufrieden ist mit der Setlist. Irgendwie hat jeder sein eigenes Lieblings-Element, das natürlich nicht gespielt wird. Dabei mischt die Band sehr angenehm die Neulinge von „Immer da, wo du nicht bist, bin ich nie“ mit den alten Liedern, die die Welt immer noch braucht. „Damals hinterm Mond“ etwa entwickelt eine ganz neue Gitarren-Dynamik. „Vier Stunden vor Elbe 1“ inszeniert man mit herabhängenden Glühbirnen spartanisch als das, was es ist: Seemanns-Romantik, auch wenn es im Lied heißt: „Scheiß doch auf die Seemanns-Romantik. Ein Tritt dem Trottel, der das erfunden hat.“

Und dann, die Zugaben sind gespielt, übt sich der Dichter-Sänger noch mal in der Interaktion mit den Massen: „Auf Wiedersehen. Element of Crime. Servus. Tschüß.“

Schreib lieber Lieder, lieber Sven!

Jürgen Kleindienst

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