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Kultur Emmanuelle Haïm dirigiert ein reines Händel-Programm
Nachrichten Kultur Emmanuelle Haïm dirigiert ein reines Händel-Programm
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00:19 13.06.2018
Emmanuelle Haïm leitet im Großen Concert zum Bachfest ein reines Händel-Programm. Quelle: Kempner
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Leipzig

Mit Dirigieren hat das nicht viel zu tun, was die wunderbare Emmanuelle Haïm da vom Cembalo aus macht. Muss auch nicht. Denn die Musiker des Gewandhausorchesters brauchen bei Musik wie Händels erstem Concerto grosso aus Opus 6, der ersten und dritten Suite aus seiner Wassermusik und der von der fabelhaften Lenneke Ruiten gesungenen weltlichen Kantate „Il delirio amoroso“ keinen Taktschläger oder Einsatzgeber. Sie brauchen Inspiration, in den Proben mehr noch als im Konzert. Und mit Inspiration hat Haïm die mittelgroß besetzte Abordnung um Sebastian Breuninger offenhörlich reichlich versorgt.

So absurd es klingt: Die Konzertmusik des großen Hallensers ist im Gewandhaus weitgehend unbekanntes Terrain. Das ziemlich populäre Concerto grosso stand erst ein einziges Mal auf dem Spielplan des Gewandhausorchester – im Oktober 1958, die dritte Wassermusik-Suite spielte das Orchester zuletzt 1925, die Liebeswahn-Kantate noch nie. Angesichts dieser Aufführungsgeschichte ist es schon bemerkenswert, mit welcher Selbstverständlichkeit die Gewandhäusler sich anstecken lassen von der kultivierten Leidenschaft der gefragten Haïm.

Die hält den Laden meist mit Blicken und Gesten zusammen, derweil sie die mit einem weiteren Cembalo und Laute prachtvoll besetzte Continuo-Gruppe filigran verstärkt. Hin und wieder springt sie auf, boxt Impulse, zupft Details, piekst Akzente in die Luft, formt so einen federleichten und doch kraftvollen, kultivierten und betörenden Händelklang, dem es an nichts fehlt.

Für den fehlenden Oberton-Flitter der Darmsaiten-Fraktion entschädigt das Gewandhausorchester mit der Kraft seiner warmen Farben. In Sachen Reaktionsschnelle und Beweglichkeit muss es auch im barocken Repertoire keinen Vergleich scheuen, und selbst die Klangbalance stimmt. Mühelos dringt Héloïse Gaillards zarte Blockflöte durch, ohne dass unter der dynamischen Zurückhaltung der Kollegen die Lebendigkeit des Klangbildes litte.

Diese so oft unterschätzte Musik ist schwer, richtig schwer. Den Hörnern schrieb Händel in der Wassermusik regelrechte Zumutungen in die Partitur, auch dien Anderen beteiligten bekommen es mit Passagen zu tun, die belegen, dass Virtuosität im Barock durchaus eine wichtige Kategorie war in der Kunst. Und dass die Gewandhausmusiker sich dieser Aufgaben nicht nur ungefährdet, sondern nachgerade lustvoll entledigen, nährt die Hoffnung, dass es künftig mehr auch von dieser strahlenden, sinnlichen, lässigen Alten Musik gibt am Augustusplatz.

Von Peter Korfmacher

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