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End-gültiges Verstummen

End-gültiges Verstummen

Riccardo Chailly widerspricht mit einiger Vehemenz der Deutung, Mahlers Neunte, mit der er und sein Gewandhausorchester gestern Abend im voll besetzten Haus die 233. Spielzeit eröffneten, erzähle vom Verstummen, vom Ende der Musik: "Man muss", sagt er, "die Zehnte mitdenken.

Mahler konnte ja nicht wissen, dass er sie nicht mehr würde vollenden können, als er die Neunte schrieb."

Man könnte derlei für unerheblich halten - hätte es nicht dramatische Auswirkungen aufs Musizieren. Denn sieht man das Verebben dieser Sinfonie als Schlusspunkt hinter der Gattung, gehört die Neunte in die Spätromantik. Verstanden als Doppelpunkt vor Folgendem aber , überspringt dieses Werk die Folgegeneration und lässt mit schrundigem Espressivo ahnen, wie die Musikgeschichte hätte verlaufen können, hätte der Weg Schönbergs und seine Schüler nicht ins Dogma geführt oder den Elfenbeinturm. Dies zeigen Chailly und das Gewandhausorchester in dieser denkwürdigen Saison-Eröffnung, die davon profitiert, dass Orchester und Dirigent mit dem sinfonischen Schlussstein vor dem Leipziger Konzert in Ljubljana, Toblach, Salzburg gastierten.

So haben sie die Musiker um Konzertmeister Frank-Michael Erben sich freigespielt von den enormen Anforderungen, die der Anderthalbstünder in vier Sätzen an das Differenzierungsvermögen eines Klangkörpers stellt und an jeden Einzelnen, haben sich gewöhnt an Chaillys anspruchsvolle Tempo-Vorstellungen in den Mittelsätzen, die den "gemächlichen Ländler" mit böser Galligkeit aufladen und unter der Burleske in Abgründe blicken lassen. Sie haben das entrückt singende ansatzlose Legato verinnerlicht, mit dem Chailly den Gesang des Finales beseelt. Ganz anders übrigens als in seiner CD-Einspielung mit dem Concertgebouworkest, mit dem er diesen Satz mehr auf Puls anlegte als auf Fluss.

Beseeltheit - das ist die entscheidende Kategorie zur Beschreibung der Musizierhaltung des Gewandhausorchesters. Die frei vagabundieren Kontrapunkte, mit denen sich beispielsweise Horn und Flöte (beide sensationell - wie eigentlich alle Beteiligten von den Streichern bis zum Blech) im Kopfsatz umranken, haben die Gesetzmäßigkeiten der Tonalität weit hinter sich gelassen, auf denen die europäische Musik zuvor Jahrhunderte lang sicher ruhte. Insofern sind sie von verblüffender Modernität. Aber sie sind es eben nicht, weil Mahler neue, andere Mittel suchte. Sie sind es, weil er sie brauchte, um zu sagen, was ihm nur in diesen Tönen sagbar schien. Und im Gewandhaus, wo die Luft vibriert vor Spannung, kommt sie an, die Botschaft von den letzten Dingen.

Nun wäre Chailly nicht Chailly, nutzte er die klingende Seele des Gewandhausorchesters nur, um dem Hörer emotional an die Gurgel zu gehen. Er und sein Orchester beleuchten auch die konstruktive Seite: Da wird sinnlich erlebbar, körperlich spürbar, wie Mahler aus den Ton-Paaren des Beginns bis zum emblematischen Beckenschlag der Burleske eine enorme Architektur schichtet - und danach im Gewand des lyrischen Doppelschlag noch einmal eine ganz andere aus der Umkehrung.

Ganz gleich, ob als Zukunft aufgefasst oder als Resümee einer Epoche: Mahlers Neunte führt unbeirrbar in die Stille, als habe sie sich selbst aufgezehrt. Lange bebt sie fort, diese Stille, bevor der Jubel losbricht. Als Doppelpunkt und Verheißung vor der 233. Gewandhaussaison. Sie würde noch länger fortgebebt haben, wäre da nicht dieser Huster ...

Und was die grundsätzliche Deutung anbelangt: Doch, lieber Riccardo Chailly, diese Sinfonie erzählt vom Ende der Musik, erzählt vom Verstummen. Wer so etwas komponiert, dergestalt End-gültige Klänge, der kann nicht im Ernst davon ausgehen, noch einen Versuch zu bekommen. Peter Korfmacher

iHeute, Samstag, 15 Uhr: Gewandhaustag; 20 Uhr, Augustusplatz: Klassik Airleben: Werke von Wagner und Verdi (Eintritt frei); Sonntag, 11 Uhr, Gewandhaus: Mahler, 9. Sinfonie (live übertragen auf http://liveweb.arte.tv/de und www.gewandhaus.de.), im Anschluss, ca. 12.35 Uhr, "Gustav Mahler spielt Klavier im Gewandhaus" - Chailly im Gespräch über Mahlers Welte-Mignon-Einspielungen. Eintritt frei.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 07.09.2013

Peter Korfmacher

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