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Engelskind und Gummipuppe

Engelskind und Gummipuppe

Nuran David Calis hat Frank Wedekinds 100 Jahre alte Bühnenfassung "Lulu" neu inszeniert. Die gelungene Koproduktion war zum Ende der letzten Spielzeit bereits in Chemnitz zu sehen.

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Der Maler Schwarz (Tilo Krügel) verfällt der Schönheit Lulus (Runa Pernoda Schaefer).

Quelle: Rolf ArnoldSchauspiel

Am Wochenende folgte die Leipzig-Premiere im Großen Saal des Schauspiels.

Im deutschen Kaiserreich erwuchs ein Skandal aus Frank Wedekinds Theatertexten, die die Abgründe hinter sittenstrenger Bürgermoral ausleuchteten. Die Gerichte beschäftigten sich wegen behaupteter moralischer Anrüchigkeit mit der "Büchse der Pandora", zweiter Teil dessen, was Wedekind 1913 zu einer Bühnenfassung zusammenfügen sollte: zu "Lulu".

Schon das Bühnenbild von Irina Schicketanz, dieses Büroturm-Halbrund aus modern-sterilem Grau und den Zugängen zu vier verspiegelten Aufzügen, zeigt, dass hier mit dem Abstand von 100 Jahren keine museale Stoffverwaltung zu erwarten ist. Und die Bearbeitung von Nuran David Calis und Esther Holland-Merten - das vorweg - kippt auch nicht auf die Gegenseite beim Transfer des Stücks in unser Jahrhundert. Die Inszenierung verzichtet zum Glück darauf, mit den Mitteln des Theaters ähnliche Tabubrüche zu suchen. Weh, und das soll es auch, tut trotzdem, was zu sehen ist bei diesem rund zweistündigen Abend, der die Balance zwischen Originalhandlung und Anspielungen auf unsere Zeit findet.

Lulu, die so viele Namen trägt, wie ihr Männer verfallen, steht zu Beginn starr und unbeweglich in einem gläsernen Quader auf der Bühnenmitte. Ausgestellt findet sich ihre Schönheit wie die Schneewittchens im gläsernen Sarg. Oder eben die der Prostituierten im Schaufenster, der Pornoarbeiterin hinter dem Guckloch oder vor dem Objektiv der Kamera. Da wird die Konstante im gesellschaftlichen Frauenbild von Märchenzeiten bis ins 21. Jahrhundert ausgeleuchtet: Schönheit zählt.

Und Lulu, sie trägt wenig Stoff über einer glatten Latexhaut. Der Verweis auf eine Gummipuppe, Projektionsfläche für die ganz armen Schweine. Und das sind hier letztlich auch die, die das "Engelskind", wie der Maler Schwarz Lulu schmachtend nennt, tatsächlich berühren dürfen, um an ihr zu verbrennen. Dr. Goll, dessen Vermögen sie erbt, Dr. Schön, der sie einst aus der Gosse holte und seither nicht von ihr loskommt, und all die anderen, die noch folgen.

Runa Pernoda Schaefer spielt die Lulu beeindruckend konzentriert, mal verführerisch, sich ihrer Macht bewusst, zum Ende hin immer deutlicher als Spielball, resigniert, ein Opfer. Die innere Leere aber schimmert von Anfang an durch die Hülle, da hilft keine Überheblichkeit, auch keine Schminke, die sie immer dicker aufträgt, zuletzt als groteske Clownsmaske. Wie heute eben manches Gesicht, das mit der Hilfe des Skalpells ewige Jugend sucht, zur Fratze verkommt. Als Fixpunkt bleibt sie den kompletten Abend über auf der Bühne, umschwärmt, angefleht, bedroht. Ein gelungener Kraftakt.

Insgesamt überzeugt das Ensemble. Hartmut Neuber gibt den mit sich ringenden Dr. Schön, der, längst anderweitig verlobt, sich von Lulu losreißen will. Es gelingt nicht. Tilo Krügel als Maler Schwarz porträtiert Lulu erst, glaubt sie dann zu besitzen und stirbt, als er erfährt, dass auch er sie zu teilen hat. In schwarzer Farbe malt er sie mit bloßen Händen auf die Bühnenwand. Rot spritzt später das Theaterblut. Als es aus dem Aufzug gewaschen wird, zieht sich im gleichen Farbton Lulu die Lippen nach, im Video-Livebild auf die Bühnenwand projiziert.

Das ist einer dieser treffenden, feinsinnigen Regieeinfälle im Reigen aus Sex, Verlangen, Gewalt und Tod. Das Ensemble schont sich nicht, spielt mit hohem Tempo. Zwar bleiben die Unterhosen an, wird das Masturbieren nur gespielt und Lulu, die sich schließlich als Hure verdingen muss, arbeitet sich in Schutzkleidung nur an Plastikpenissen ab, die durch Löcher in der Seitenwand auf die Bühne ragen - aber das Unbehagen im Saal ist greifbar. Eine Tür knallt. Nicht jeder schaut sich das Treiben bis zum Ende an.

Tatsächlich gibt es diese Phase der Inszenierung, als Überhitzung droht im Wirbel der repetitiven, sexuellen Gewalt, der Gang der Handlung pflichtbewusst vorwärts gepeitscht wird. Aber der Abend kippt nicht. Weil das Unbehagen gewollt ist, unmittelbar greifbar sein soll. Denn was hier verhandelt wird, ist zeitlos. Deshalb muss diese Lulu im Stroboskopgewitter vor die Kamera fürs gewaltverherrlichende Musikvideo. Deshalb steigen die Herren mit Zigarren im Mund in den inzwischen mit Wasser gefüllten Glasquader, über dem der Qualm aufsteigt und mit ihm die Erinnerung an Medienberichte über Incentive-Reisen: Firma belohnt Manager mit Sex-Urlaub.

Die Grenzen der Moral mögen sich gewaltig verschoben haben, Sex als Währung, Attraktivität als Machtmittel, Gefühl als Handicap sind wir nicht losgeworden. Ob sie schon einmal richtig geliebt hat, wird Lulu gefragt. "Ich weiß es nicht", sagt sie. Das Publikum ahnt die Antwort.

Weitere Aufführungen: 19.10., 1. und 22.11., 14.12., 18.1., 20.2., 19.3., 12.4., 10. und 31. Mai. Karten unter Telefon 0341 1268168 und www.schauspiel-leipzig.de.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 14.10.2013

Dimo Riess

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