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Kultur Enrico Lübbes Bilanz nach einem Jahr am Schauspiel Leipzig: "Es war ein Kraftakt"
Nachrichten Kultur Enrico Lübbes Bilanz nach einem Jahr am Schauspiel Leipzig: "Es war ein Kraftakt"
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19:49 20.06.2014
Enrico Lübbe, Intendant des Leipziger Schauspiels. Quelle: Christian Nitsche

Knapp 84 000 Zuschauern kamen zu den Eigenproduktionen ins Haus - mehr als in den Vorjahren.

Sind Sie von der Entwicklung der Zuschauerzahlen selbst überrascht?

Dass es so nach oben geht, habe ich nicht erwartet. Und es lässt sich auch nicht speziell eine Zuschauergruppe ausmachen, die alleine besonders zugenommen hätte - weder sitzt in der Dreigroschenoper, die immer ausverkauft und für die Stadt sehr wichtig war, allein dass klassische Gewandhaus-Publikum, noch sind in der Residenz alle Zuschauer unter 50.

Woher kommt der Zulauf?

Neugierde. Und ein sehr großes Interesse seitens der Leipziger an ihrem Schauspiel. Das war immer wieder zu spüren, zu unserer großen Freude.

Es gab 30 Premieren. Lässt sich die Intensität halten?

Es war ein Kraftakt für alle Mitarbeiter. Wenn aber der Vorhang aufgeht und der Saal ist voll, weiß man, wofür man es tut - das habe ich von vielen gehört. Jetzt wollen wir etwas mehr Ruhe haben beim Produzieren.

Es soll 21 Premieren geben?

Und man darf die 18 Wiederaufnahmen nicht vergessen. Wir wollen unser Repertoire pflegen. Was man nicht planen kann, sind die Einladungen zu Gastspielen. Konkretes Beispiel: Wir wussten im Vorfeld nicht, dass einige Schauspieler in Mülheim, Berlin und Maribor sein werden während der Endproben zum "Dschungelbuch". Auf einmal hat man keine Leute mehr, auch in der Technik.

André Willmund geht. Er war einer der auffälligsten Schauspieler der ersten Spielzeit ...

- das erkennen andere Theater auch. Und wenn ein Haus wie Zürich kommt, das deutlich andere Mittel hat, dann werde ich niemanden in den bestehenden Vertrag zwingen.

Wie wird der Weggang kompensiert?

Wir werden einige Gäste haben und Schauspieler ausprobieren. Und wenn Claudia Bauer und Philipp Preuß in einem Jahr als Hausregisseure kommen, dann werden sie das Ensemble mitgestalten. Im Übrigen sind auch unsere Regisseure gut angefragt: Schauen Sie mal in die Jahreshefte großer Häuser wie dem Residenztheater München, Burgtheater Wien oder Schauspiel Frankfurt ...

Sind die jüngsten Festival-Erfolge eine Bürde?

Überhaupt nicht. Es ist großartig, auf solch renommierte Festivals geladen zu sein. Ob uns das nun jedes Jahr in solchem Ausmaß gelingt - das ist sicher nicht selbstverständlich. Aber ich denke, dass wir wieder ein paar Uraufführungspositionen haben, die sehr interessant sein könnten.

Was wird aus der geplanten Zweitspielstätte "Diskothek"?

Das ist der Ort, wo junge Dramatik stattfinden soll, also das, wofür wir gerade deutschlandweit Erfolge einfahren. Wir brauchen die Bühne auch für die Hinterbühnen-Produktionen, denn wir legen uns momentan gegenseitig lahm. Den "Reigen" oder "Rechnitz" könnten wir viel öfter zeigen, weil sie ständig ausverkauft sind, aber das blockiert die große Bühne. Da kann ich nur an den Stadtrat appellieren, der nicht nur künstlerisch sondern auch logistisch wichtigen Zweitspielstätte zuzustimmen.

Neben den fünf Millionen Euro für den Umbau muss auch die Tariferhöhung finanziert werden.

Die Stadt übernimmt immerhin einen Teil. Am Schauspiel Leipzig bleiben aber bis zu 300 000 Euro pro Jahr hängen, die wir selbst erwirtschaften müssen.

Wie?

Es gibt ab kommender Spielzeit eine milde Preiserhöhung, aber das deckt die Zusatzkosten sicher nicht. Wir müssen uns fragen, machen wir weniger Produktionen oder verkleinern wir den Personalstand.

Müssen Sie auch das mutmaßlich ererbte Defizit Ihres Vorgängers, über das immer noch gestritten wird, ausgleichen?

Darüber muss letztlich der Stadtrat entscheiden im Zusammenhang mit dem Jahresabschluss für das Wirtschaftsjahr 2013.

Neben der Schiene mit junger Dramatik haben Sie das Performance-Programm in der Residenz eingeführt. Hat es sich bewährt?

Es formiert sich mittlerweile ein Fanpublikum. Gerade auch aus der Freien Szene im Leipziger Westen: Dirk Förster vom Lofft ist fast immer da - und hat uns zu einem Abend wie "Spacekraft" ausdrücklich gratuliert. Unser Angebot ist weniger Konkurrenz als Ergänzung, auch mit Gästen, die andere aus unterschiedlichen Gründen nicht einladen könnten.

Gibt es weitere Ansätze zur Zusammenarbeit mit der Freien Szene?

Wir hatten gleich zu Beginn dieser Spielzeit alle Theaterleiter der Freien Szene eingeladen und angeboten, auf uns zuzukommen, wenn es Ideen für eine Kooperation gibt. In Planung ist mit Falk Elstermann und der Nato ein Projekt zum Thema "Wende", ebenso mit dem Lofft. Es gibt noch mehr, die auf uns zugekommen sind, aber das ist noch nicht spruchreif.

Der Wendeherbst 1989 ist ein Schwerpunkt der kommenden Spielzeit. Wie wird das inhaltlich umgesetzt?

Wir haben geschaut, was 89/90 hier gespielt wurde und greifen "Hamlet" und "Wolokolamsker Chaussee I-V" auf. Eine Souffleuse, die damals schon am Haus war, hat mir erzählt, was hier während der Proben los war: Man hat die Demonstranten auf dem Ring gehört, die Türen waren abgeschlossen, die Schauspieler durften nicht raus. Jetzt inszeniert den Müller-Text Philipp Preuß, ein Österreicher, der hat weder Ost- noch West-Blick und schaut von außen auf die Dinge.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 21.06.2014

Dimo Rieß

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