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Kultur Ensemble Amarcord singt, Nesterowicz dirigiert
Nachrichten Kultur Ensemble Amarcord singt, Nesterowicz dirigiert
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00:38 16.04.2018
Kann auch komisch. Gewandhaus-Komponist Jörg Widmann. Quelle: Andre Kempner
Leipzig

Witz ist, wenn es anders kommt. Was ihn in der musikalischen Moderne schwierig werden lässt. Denn dass etwas anders kommt, eine Pointe etwa, kann der geneigte Hörer nur bemerken, wenn er weiß, wie es eigentlich hätte kommen müssen. Also flüchten sich viele Tonsetzer, bemühen sie sich um tönenden Frohsinn, meist auf die leichter zu beackernden Nachbarfelder des Witzes. Zum Kalauer, der mit ein wenig greller Klang-Schminke leicht zu haben und fürs einmalige Schenkelklopfen gut ist. Oder zum akademischen Herrenwitz, der dem kundigen Hörer ein gelehrtes Schmunzeln abzuringen vermag.

Ja, beide erntet auch Jörg Widmann, Jahrgang 1973, ab in seinen „Kinderreimen und Nonsensversen“ für fünf Männerstimmen und kleines Orchester, die 2017 im Auftrag des Leipziger Ensemble Amarcord und des Münchner Kammerorchesters sowie in Kooperation mit dem Gewandhausorchester entstanden und in den Großen Concerten dieser Woche ihre Leipziger Erstaufführung erlebten. Aber dem Gewandhauskomponisten der Spielzeit 2017/18 sind sie nicht Selbst-, sondern Mittel zum Zweck – zum Witz also, der diese hinreißende halbe Stunde in Tönen und Reimen vom Sprichwort „Die Liebe ist ein Autobus“ bis zum Ringelnatz-Guruh trägt, das da „Drüben am Walde“ kängt. Und vom ersten bis zum letzten Ton – wobei die dazwischen auch nicht alle von Widmann sind.

Aber sie werden Widmann. Zitate von Klängen und Harmonien, von Stilen und Formen, auch von ganzen musikalischen Organismen spielen eine große Rolle im bemerkenswert vielseitigen Schaffen dieses Komponisten, von dem die Leipziger in dieser Saison so viel kennenlernen dürfen. Aber in den „Kinderreimen und Nonsensversen“ dreht er die Schraube eine halbe Umdrehung weiter, als der Drehmoment-Schlüssel erlaubt, klaubt zwischen Schuberts Militärmarsch und Spiel mit das Lied vom Tod, zwischen Walzer und Polka, Schlager und Chanson, Comedian Harmonists und Männergesangsverein, Kagel und Kreisler zusammen, was er greifen kann, lädt alles ungesichert auf die Ladefläche seines Kompositions-Transporters und macht sich auf eine halsbrecherische Serpentinen-Fahrt durchs Gebirge. Auf dass alles ineinanderrutsche, durcheinanderpurzle, sich verkante, verklumpte, wieder löse und Neues forme – oder auch nicht.

Richtig gute Musik

Das ist in der Tat grandios komisch. Weil Widmann sich eben nicht mit dem grellen Effekt der Autohupe oder des Pistolenschusses (der aus Genehmigungsgründen nicht aus der Schreckschusspistole kommt, sondern vom Holz-Startsignalgeber), des gefledderten Walzers oder der verlorenen Tonika zufrieden gibt, sondern den humoristischen aus dem ästhetischen Mehrwert gewinnt: Die „Kinderreime und Nonsensverse“, nach Ringelnatz und Brentano, Heine und Weckherlin, Rosenmüller, Kästner und Volksmund zielen nicht nur aufs Zwerchfell, sondern auch auf die Seele, sind nicht nur richtig witzig, sondern auch richtig schön. Kurzum: Sie sind, das verbindet sie mit dem ästhetisch entfernt verwandten übellaunigen Wölfli-Liederbuch von Widmanns Lehrer Wolfgang Rihm, richtig gut gemachte richtig gute Musik.

Und sie werden im Großen Concert richtig gut musiziert. Dem Ensemble Amarcord hat Widmann die vielen Töne buchstäblich in die Kehle komponiert. Und da Wolfram Lattke, Robert Pohlers, Frank Ozimek, Daniel Knauft und Holger Krause ohnehin alles singen können, was fünf Männer singen können, können sie selbstredend auch dies. Aber damit ist es bei solcher Musik nicht getan. Weil Witz vor allem harte Arbeit ist, muss alles Können aufgehen in einer Selbstverständlichkeit, die diese Arbeit unsicht- und -hörbar macht. Und so erst dem Augenzwinkern des Akrobaten die Chance gibt, wahrgenommen zu werden. Da sitzt jede Silbe, jede Mine, jede Geste der fabelhaften Fünf, geht alles auf in einem Kosmos der Komik – zu dem auch das Gewandhausorchester unter der Leitung von Michal Nesterowicz Maßgebliches beiträgt.

Giftig und galant, grell und genießerisch, grantig und glänzend lässt Nesterowicz die immer wieder neuen Farben strahlen, die der Instrumentations-Großmeister Widmann da im Dienste des gehobenen Entertainments mischte. Mit dem Erfolg, dass es im nicht ganz ausverkauften Saal eine halbe Stunde lang gluckst und kichert, manchmal auch herausplatzt – und am Ende die Begeisterung in den Regionen von Popkonzerten wildert. Dieser oder jener Anrechtler mag sogar ein wenig ins Grübeln kommen: Vielleicht lohnt es sich doch, sich mit Musik auseinanderzusetzen von Komponisten, die die Unverfrorenheit besitzen, noch zu leben.

Vernachlässigter Gigant

Das tut Witold Lutoslawski leider nicht mehr, er lebte von 1913–1994 und ist einer der vielen in Leipzig sträflich vernachlässigten Giganten des 20. Jahrhunderts. Der 1974 in Wroclaw geborene Nesterowicz hat zum Auftakt seines Gewandhausorchester-Debüts dessen „Kleine Suite“ von 1950 im Gepäck.  Geistreiche, warmherzige, wirkungssichere und streckenweise auch witzige Musik, wunderbar farbig und virtuos gespielt vom Gewandhausorchester. Insofern eine passende Ouvertüre zum Widmann – aber Lutoslawski hätte es allemal verdient, dass das Gewandhausorchester sich auch einmal wieder eines seiner grandiosen Hauptwerke vornimmt.

Stattdessen steht nach der Pause Tschaikowskis Fünfte an. Was in Anbetracht der Tschaikowski-Kompetenz des hiesigen Wohlklangkörpers auch keine schlechte Wahl ist. Zumal Nesterowicz, der dieses großformatige Sinfonie ebenso auswendig dirigiert wie die Lutoslawski-Petitesse, sie mit einem sehr eigenständigen Ansatz in den Saal pumpt.

Bei ihm klingt Tschaikowski weniger existenziell als vor wenigen Wochen die Sechste unter dem neuen Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons. Aber die Fünfte ist auch nicht die Pathétique. Nesterowicz legt die aus einem verbindenden Thema entwickelte Sinfonie auf Kontraste an. Kontraste in den Tempi, den Klangfarben, der Dynamik. Dass er, um diese Kontrast noch zu verstärken, immer wieder mit kleinen Zäsuren den Fluss hemmt, daran muss man sich als Hörer erst einmal gewöhnen. Und es wird bereits mit der ersten Steigerung eine Spur zu laut. Doch fällt die Gewöhnung nicht schwer, weil der zwar nicht allzu schnelle, aber doch energetische Zugriff des Polen im Gewandhausorchester grandiose Klänge freisetzt, in allen Gruppen, bei allen Solisten (Klarinette, Oboe, Horn ...) und im Tutti.

So kann es bleiben. Was das Niveau der dirigierenden Gewandhaus-Debütanten anbelangt und, mehr noch, beim programmatischen Kitzel. Beim Jubel sowieso.

Von Peter Korfmacher

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