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"Er hatte was Janusköpfiges": Schauspieler Thomas Rühmann im Interview

"Er hatte was Janusköpfiges": Schauspieler Thomas Rühmann im Interview

Er war ein Mann, der Erfolg und Luxus liebte und sich zwischen den Welten bewegte: Wolfgang Vogel, für die einen der Anwalt der Hoffnung, für die anderen der Advokat des Teufels.

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Anwalt Wolfgang Vogel (Thomas Rühmann, 3.v.r.) verabschiedet einen Bus mit vom Westen frei gekauften politischen DDR-Häftlingen.

Quelle: MDRAndreas Lander

Leipzig. Die Lager in den Jahren des Kalten Kriegs waren eben scharf getrennt. Nachdem Wolfgang Vogel, Jahrgang 1925, erst in Jena, dann in Leipzig Jura studiert hatte, Referendar am Amtsgericht Waldheim war, ging er ins Justizministerium nach Ost-Berlin. Das musste er 1954, nach vom 17. Juni 1953 ausgelösten Säuberungen, verlassen und ließ sich als Anwalt nieder. 1961 fädelte er den Austausch des sowjetischen Spions Rudolf Abel gegen den über der Sowjetunion abgeschossenen US-Spionage-Piloten Powers ein. Der Beginn von 150 ähnlichen Aktionen auf der Glienicker Brücke, die Vogel vorbereitete. Ab den 60ern liefen dann auch alle Freikäufe politischer DDR-Häftlinge der Bundesrepublik über ihn. Von diesen Aktionen erzählt das Porträt der "Geschichte Mitteldeutschlands" des MDR. Den Anwalt Vogel spielt Thomas Rühmann ("In aller Freundschaft").

LVZ

: Wann haben Sie denn das erste Mal von diesem Anwalt Vogel gehört?

Rühmann

: Auf der Schauspielschule in Berlin. Meine Sprecherzieherin wollte über eine Familienzusammenführung in den Westen - und die lief über Anwalt Vogel.

Hat sie ihm vertraut?

Ich glaube, er hatte eine Ausstrahlung, dass man ihm vertrauen konnte. Dass er durchaus eine zwielichtige Figur war, dass er auch einen zwielichtigen Job machte, das sah man ihm nicht an.

Sieht man Aufnahmen von Vogel, hat man den Eindruck, dass er arrogant ist - der Blick kommt immer leicht von oben?

Er hatte wohl im Hinterstübchen seine sehr eigene Art von Humor, die ihn Abstand zu den Dingen halten ließ. Er war sich sicher immer bewusst, in was für einer begnadeten Situation er sich befand.

Haben Sie sich der historischen Figur Wolfgang Vogel so auch als Darsteller genähert?

Sicher. Ich glaube, hinter dieser Arroganz, die man in Filmaufnahmen sieht, steckte Schalk.

Wie haben Sie sich vorbereitet auf Ihre Vogel-Darstellung?

Viel über YouTube. Wie spricht er? Wie bewegt er sich? Wie erscheint er?

Dass er nur wenige Szenen hat, war kein Problem für Sie als Schauspieler?

Überhaupt nicht. Das ist Handwerk. Außerdem wurde in sehr stimmungsvollen Kulissen gedreht, in denen der Kameramann ein wunderbares Licht machte.

Wo wurde denn gedreht?

Im Betriebsbahnhof Schöneweide, der noch immer so aussieht wie vor 30 Jahren mit seinen abblätternden Wänden, und in einer Villa in Zeitz, in der die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. In der wurden auch schon Szenen für "Unsere Väter, unsere Mütter" gedreht.

Hat das Kostüm bei der Rolle geholfen?

Kostüme helfen immer. Der Anzug war viel enger, anders als heute üblich, geschnitten. Das war wie eine Zeitreise, bei der im Spiel eine Flut von Erinnerungen auftauchte, wenn ich da in der Küche sitze und das "Neue Deutschland" lese.

Was hat Sie an Wolfgang Vogel überrascht?

Wie viel Geld er an fast 34 000 Freikäufen und 215 000 Familienzusammenführungen verdient hat: 1,2 Millionen Westmark im Jahr. Er war sicher einer der reichsten Leute in der DDR.

Und er hat jeden Bus mit Freigekauften selbst verabschiedet ...

Da hat er wohl seine Schäfchen gezählt. Seine Bezahlung hing ja auch davon ab, wie viele der Westen frei kaufte.

War er nicht vor allem Wohltäter?

Er konnte sich sicher toll fühlen, weil er Menschen die Freiheit brachte. Den Job und sein vieles Geld behielt er aber nur so lange, wie er diese Freikäufe einfädelte. Da war er wohl janusköpfig.

Im Bus, so zeigt die Doku, ist er aber wie ein netter Reise-Verabschieder?

Das war er sicher auch. Ein Freund von mir wollte über Ungarn abhauen, wurde geschnappt, landete im Gefängnis und beim Freikauf. Der hat mir die Szene genau so erzählt. Im Bus herrschte nach der Verabschiedung bis zur Grenze Stille. Erst nach der Grenze wurde der Busfahrer gesprächig - und erzählte einen politischen Witz nach dem anderen.

Die Stasi kümmert sich um GM "Eva" und "Georg" ab den 60ern nicht mehr?

Wolfgang Vogel war in einer so herausragenden Position, dass das nicht nötig war und wohl auch nicht mehr ging.

Wie halten Sie es mit der Geschichte?

Mein Vater hat als Professor Studenten am Institut für Lehrerbildung in Magdeburg Geschichtsmethodik beigebracht. In meiner Kindheit hatten wir zu Hause ein Aquarium und dahinter auf einem Regal eine lange Reihe kleine Bändchen "Der Geschichtslehrer erzählt". Davon habe ich ganz viele gelesen. Geschichte hat mich schon immer interessiert.

Die Bändchen hatten weiße Flecken ...

Vom 17. Juni hat mir mein Vater nichts erzählt, aber er hat es zugelassen, dass ich Biermann-Lieder gesungen habe. Die habe ich auch im Leipziger Studentenkeller gesungen, als ich Journalistik studierte. Einmal hatten wir spontan und sehr naiv sogar Bettina Wegner eingeladen. Der Auftritt fand wirklich statt.

Geschichte Mitteldeutschlands: Wolfgang Vogel, MDR-Fernsehen, 27. Juli, 20.15 Uhr

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 25.07.2014

Norbert Wehrstedt

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