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"Erdogan ist nicht Mubarak" - Zafer Senocak im Interview mit der Leipziger Volkzeitung

"Erdogan ist nicht Mubarak" - Zafer Senocak im Interview mit der Leipziger Volkzeitung

Der deutsch-türkische Lyriker und Essayist Zafer Senocak bezeichnet die Aufstände in seinem Heimatland als "Test der türkischen Demokratie". Gleichzeitig warnt er davor, Erdogan zu verteufeln.

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Kritisiert Erdogans väterliche Art: Zafer Senocak.

Quelle: KörberStiftungDavid Ausserhofer

Frage: Wie konnte aus einer kleinen Demonstration gegen den Bau eines Einkaufszentrums in Istanbul ein Volksaufstand gegen die Regierung werden?

Zafer Senocak: Der Ärger gegen den autoritären Regierungsstil des türkischen Premierministers Recep Tayyip Erdogan hat sich lange aufgestaut. Seine väterliche Art, den Menschen ihren Lebensstil, ihre Kleidung und das Partnerverhalten vorzuschreiben, nervt die Menschen. Die Türkei ist ein sehr junges Land, und die Jugendlichen wollen sich nicht reinreden oder den Alkoholkonsum verbieten lassen. Mit Aussprüchen wie 'Jeder, der mal trinkt, ist ein Alkoholiker', disqualifiziert sich Erdogan. Am Aufstand beteiligen sich aber auch Menschen, die Erdogans Befriedungspolitik mit den Kurden ablehnen. Da kommen Menschen zusammen, die sonst wohl eher keinen Tee zusammen trinken würden.

Man hatte den Eindruck, dass sich die Türkei auf dem Weg in die EU westlichen Werten immer mehr öffnet. War dieser Eindruck trügerisch?

Nein. Die Türkei ist heute ein weit freieres, weltoffeneres und moderneres Land als in den 90ern. Deshalb sind auch die Ansprüche gestiegen, und die Menschen sind sensibler gegenüber autoritären Ausfällen geworden. Die türkische Demokratie wird gerade getestet. Aber sie scheint zu funktionieren: Die Bevölkerung reagiert, die Polizei wird nach den Übergriffen wieder zurückgezogen, die Medien berichten kritisch.

Aber es heißt, dass heute in der Türkei so viele Journalisten hinter Gittern sitzen wie seit dem Ende der Militärdiktatur nicht mehr. Wie ist es um die Meinungsfreiheit bestellt?

Diese Darstellung ist übertrieben und wird von Erdogans Gegnern ideologisiert. Ich lehne Erdogans Sozial- und Kulturpolitik ab. Aber die Türkei ist nicht Weißrussland. Ja, Erdogan hat Einfluss auf die Medien genommen - etwa so wie Berlusconi in Italien oder Sarkozy in Frankreich.

Immer wieder werden die Unruhen mit dem Arabischen Frühling verglichen. Was halten Sie davon?

Dieser Vergleich ist völlig falsch und zeigt, wie wenig der Westen über die Türkei weiß. Erdogan ist nicht Mubarak. Die Regierung übt sich in Selbstkritik. Das ist selbst in Deutschland nicht immer an der Tagesordnung.

Erdogan will das Atatürk-Kulturzentrum in Istanbul abreißen und eine Moschee errichten lassen - ein bezeichnendes Beispiel für die zunehmende Islamisierung des Landes?

Die Kombination aus Moschee und Einkaufszentrum ist ein Symbol für diese Regierung. Sie beruft sich auf religiöse Werte, allerdings nur auf oberflächliche Weise, denn die muslimische Tugend der Bescheidenheit vermisse ich bei Erdogan völlig. Und man treibt die Außenhandelsbilanzen in die Höhe und bringt einem ehemals armen Land wirtschaftlichen Wohlstand. Das ist im Prinzip ja nichts Schlechtes. Aber diese islamisch-ökonomische Melange zur Ideologie zu machen und sie einem ganzen Land überzustülpen, funktioniert nicht. Das muss Erdogan mal jemand erklären.

Atatürk schrieb in den 20ern die Trennung von Staat und Religion fest. Droht die jetzt aufzuweichen?

Die Moderne wurde in der Türkei lange Zeit vom Militär repräsentiert. Jetzt befinden wir uns im Wandel zu einer Bürgergesellschaft. Deshalb stellt sich die Frage, ob sich eine Gesellschaft mit muslimischen Wurzeln in eine demokratisch-pluralistische Welt integrieren lässt. Die Erdogan-Regierung behauptet das, verstößt aber immer wieder gegen die eigenen Postulate, etwa mit dem Alkoholverbot. Das bringt die Menschen in Rage, sie wollen keine Bevormundung.

Zur Person: Zafer Senocak wurde 1961 in Ankara geboren. 1970 siedelte die Familie nach München um. Seit 1990 lebt der Schriftsteller in Berlin. Seit seinem Manifest "Deutschland - Heimat für die Türken?" beleuchtete er das Verhältnis von Orient und Okzident in zahlreichen Essays. Seine eigene Zerrissenheit thematisiert er auch in Gedichtform. Für Aufsehen sorgte er mit provokanten Texten wie "Der Terror kommt aus dem Herzen des Islam". Im Essayband "Zungenentfernung" schreibt Zenocak in einer fiktiven Email an Goethe: "Literatur ist keine Provinz, sie ist die Heimat in unseren Köpfen." Der Text "Welcher Mythos schreibt mich?" handelt davon, wie er als türkischer Autor in deutscher Sprache in eine Schublade gezwängt wird.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 07.06.2013

Nina May

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