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Kultur "Erfolg hat viel mit Kontinuität zu tun": Leipzigs Schauspiel-Intendant Enrico Lübbe im Interview
Nachrichten Kultur "Erfolg hat viel mit Kontinuität zu tun": Leipzigs Schauspiel-Intendant Enrico Lübbe im Interview
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15:42 03.05.2015
Leipzigs Schauspiel-Intendant Enrico Lübbe. Quelle: Wolfgang Zeyen
Leipzig

Schauspiel-Intendant Enrico Lübbe äußert sich im Interview über die kontinuierliche Arbeit mit jungen Dramatikern, Schweinehälften auf der Bühne und eine Antwort des Schauspiels auf Legida in der nächsten Spielzeit.

LVZ:

Ihr Haus erarbeitet sich einen Ruf als Uraufführungsbühne. Ist das planbar?

Enrico Lübbe:

Uns fragen tatsächlich gerade viele Theaterkollegen, wie wir an diese Autoren kommen.

Wie denn?

Das hat viel mit Kontinuität zu tun. Ich glaube, dass der Boden für den jetzigen Erfolg während meiner Zeit in Chemnitz gelegt worden ist, wo die Dramaturgie bereits Großartiges geleistet hat. Wir hatten da schon zwei Gewinner des Retzhofer Dramapreises und Autoren wie Ulrike Syha, die für das Schauspiel Leipzig das Auftragswerk "Report" geschrieben hat. In der Zeit sind viele Kontakte entstanden.

Ist es schwierig, Autoren nach Erfolgen zu halten?

Ich glaube, dass Autoren schnell spüren, ob die Zusammenarbeit ernst gemeint ist oder ob das nur ein Hype ist, auf den ein größeres Haus mit mehr Geld aufspringen möchte.

Vergangenes Jahr haben Wolfram Höll und Ferdinand Schmalz für die größten Erfolge der Uraufführungs-Sparte gesorgt, Höll hat den Mülheimer Dramatikerpreis gewonnen und steht in einer Reihe mit Peter Handke und Elfriede Jelinek. Bleiben die Autoren dem Schauspiel verbunden?

Beide schreiben Auftragswerke für die kommende Spielzeit. Es sind sehr junge Autoren, denen es wichtig ist, gut betreut zu werden. Die Dramaturgen arbeiten intensiv mit ihnen. Einen Entwurf von Ferdinand Schmalz habe ich schon gelesen und finde ihn sehr gut. Andere Intendanten größerer Häuser übrigens auch ...

Und wenn das Publikum ihn nicht gut findet?

Dann halten wir das aus und werden den Weg trotzdem weitergehen. Erfolg hat viel mit Kontinuität und Vertrauen zu tun. Und Autoren vergessen es einem nicht, wenn man nicht beim ersten Misserfolg aussteigt.

Wie wirken solche Erfolge auf das Haus zurück?

Sicher sind sie positiv für die Außenwahrnehmung. Aber vor allem intern sind sie extrem wichtig und motivierend für die Mitarbeiter auf und hinter der Bühne - natürlich insbesondere für das ganze Diskothek-Team. Zu Beginn meiner Intendanz gab es ja doch so etwas wie eine Hierarchie im Haus und viele wollten auf die große Bühne. Ich habe damals gesagt: Wartet mal ab, wer als erstes durch die Welt fährt. Und so ist es gekommen.

Die Uraufführungen finden noch in einem Provisorium statt. Kommt der Umbau im Erdgeschoss?

Ich hoffe es. Der Bau- und Finanzierungsbeschluss soll in der zweiten Jahreshälfte im Stadtrat fallen. Die Perspektive ist, dass wir die Bühne zu Beginn der Spielzeit 2017 eröffnen können. Der aktuelle Planungsvorschlag ist deutlich günstiger als der erste, aber klar: Wir reden über knapp fünf Millionen Euro.

Gibt es auch Pläne zu einer inhaltlichen Neuausrichtung oder Profilschärfung?

Nach zwei Spielzeiten ziehen wir gerade ein Resümee, fragen uns, was funktioniert, was wollen wir ausbauen, was müssen wir verbessern, auf was sollten wir verzichten. Aber das greift frühestens in Spielzeit vier, die kommende Saison ist längst geplant. Das klarste Profil erarbeitet haben wir uns in der Residenz mit den Performances und in der Diskothek mit den Uraufführung. Wenn wir das und die partizipativen Clubs, für die es eine große Nachfrage gibt, ausbauen wollen, müssen wir anderes wegnehmen. Die renommierten Gastspiele finde ich wichtig, um andere Handschriften zu zeigen. Nun kamen gerade die Volksbühne Berlin oder das Schauspielhaus Zürich mit der Inszenierung des Jahres 2014 nach Leipzig - und das Haus war nicht ausverkauft. Auch darüber denken wir jetzt in Ruhe nach. Grundsätzlich bleiben wir ein Stadttheater, ein Ensembletheater, das viele Interessen abdeckt. Durch die neuen Hausregisseure Claudia Bauer und Philipp Preuss wird sicher auch eine Fokussierung stattfinden.

Wie viele Regiearbeiten sind vereinbart?

Jeweils zwei im Jahr. Beide haben schon zwei tolle Arbeiten im Schauspiel gezeigt, und ich bin gespannt, wie sie sich nun auf der großen Bühne präsentieren. Preuss, der ja aus der bildenden Kunst kommt, ist auch sehr am Konzept der Residenz interessiert.

Gerade haben Sie in der Residenz eine Performance wegen "künstlerischer Differenzen" abgesagt. Warum?

Die Gruppen, die wir in die Residenz einladen, arbeiten in Koproduktion mit dem Schauspiel. Sie haben die Möglichkeit, mit finanziellen und personellen Ressourcen des Hauses ein Projekt zu erarbeiten. Und bislang kamen dort zum Beispiel mit machinaEx, Anna Natt oder Gob Squad tolle Ergebnisse heraus. Als Intendant des koproduzierenden Hauses bin ich in der Verantwortung, auch diese Arbeiten nach außen vertreten zu können. Im konkreten Fall habe ich eine Probe, die ich bis dahin noch nicht überzeugend fand, beim Zerlegen eines Schweines unterbrochen. Ich bin mit der Gruppe in Diskussion gegangen und wir sind einvernehmlich so verblieben, dass sich die Gruppe überlegt, was sie genau erzählen will - und wie und mit welchen Mitteln. Und sie stimmten zu, die Szene intern neu zu diskutieren. Kurz vor der Premiere wurde ich dann doch vor die Entscheidung gestellt: Das Haus könne sich per Aufsteller von der Arbeit distanzieren, oder wir unterbrechen an der Stelle und die Leitung des Schauspiel Leipzig erklärt, warum diese Szene nicht stattfindet. Und das konnte ich mir als Koproduzent eines solchen Projekts nicht vorstellen.

Das Staatsschauspiel Dresden will in der neuen Saison mit dem Spielplan auf die Pegida-Demonstrationen reagieren. Positioniert haben Sie sich schon frühzeitig gegen Legida. Reagiert Ihr Haus auch künstlerisch?

Ja, wir planen gleich zu Beginn der Spielzeit eine Doppelinszenierung: Aischylos' "Die Schutzflehenden" und anschließend Elfriede Jelineks "Die Schutzbefohlenen". Als dritten Teil des Abends wird es dann ein Diskussionsforum geben, in dem sich Experten aus unterschiedlichen Bereichen mit den komplexen Fragen der Flüchtlingsproblematik auseinandersetzen: ein Angstforscher spricht über "Die Angst vorm bösen Mann", zwei Journalisten vom Süddeutsche Magazin sind eingeladen, die über die Agentur Frontex recherchiert haben, eine Vertreterin der Stadt spricht über Asyl in Leipzig und Sachsen, der Kunsthistoriker Frank Zöllner spricht zum Thema "Kunst und das Fremde".

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 04.05.2015

Dimo Riess

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