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Kultur Erwin Pelzig mit Handgelenktasche und klaren Worten im Haus Leipzig
Nachrichten Kultur Erwin Pelzig mit Handgelenktasche und klaren Worten im Haus Leipzig
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10:37 03.10.2017
Analysiert das psycho-mentale Krankheitsbild der Gegenwart: Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig am Sonntag im Haus Leipzig. Quelle: André Kempner
Leipzig

Allein das Wort: Herrenhandgelenktasche. Klingt, wie’s aussieht. Unmöglich. Ein Accessoire, das ja jenseits jedweden modischen Stilempfindens rangiert. Und vielleicht genau deshalb wie ein Postulat wider den Zeitgeist, wenn nicht gar wie eine Waffe wirkt, mit der man eben jenem Zeitgeist herzhaft eins über den wirren, vermessenen, dummen Kopf brät. So, wie Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig das gern und ausgiebig macht. In seinem aktuellen Programm „Weg von hier“ etwa, mit dem der Kabarettist am Sonntag im fast ausverkauften Haus Leipzig gastierte.

Ein fränkischer Wortberserker ist er, getarnt als gemütlich bodenständiger Traditionalist mit Hütchen und jener Herrenhandgelenktasche, die indes nur wie eine Option, eine Präventivwaffe für den Fall, dass Worte eben irgendwann tatsächlich nicht mehr ausreichen sollten, an diesem Mann baumelt. Denn natürlich ist auch Pelzig erst einmal ganz dem Programm der Aufklärung, also dem Vertrauen in die Wirkungskraft der Vernunft verpflichtet. Kaum etwas, was heute weltfremder scheint.

Wie dann ja auch Pelzigs Analyse der Weltlage zeigt. Die einen ja auch grausen lässt. Etwa mit Blick auf jene Staatenlenker, die in schon pathologischer Geschichtsvergessenheit nationalstaatlichen Egomanien auf eine Art frönen, bei der Pelzig der Verdacht kommt, dass man es hier und da vielleicht doch „etwas übertrieben hat mit der Inklusion“.

Und während auf der einen Seite die „Jungschnösel aus dem Silicon Valley“ geschäftstüchtig die menschliche Selbstentmündigung im Namen der Digitalisierung als Menschheitsbeglückung verkaufen („Wenn man diese Heuchelei in Energie umwandeln könnte, hätten wir das fossile Zeitalter längst hinter uns gelassen.“), dümpeln auf der anderen Seite die vom Weltenlauf vergessenen „weißen, unbedarften, einsamen Männer“ und wählen diese Parteien der „Früher-war-alles-besser-Heulsusen“, an deren aggressivem Selbstmitleid freilich auch die Rechte-Flanke-Stürmer der CSU gern noch ausführlicher partizipieren möchten. Worauf man nun wirklich nur mit bajuwarischer Deftigkeit reagieren kann: „So breite Türen gibt es gar nicht, wie bei denen der Arsch offen steht.“ Rabiater knallt eine Watschen mit Handgelenktasche auch nicht.

Daran gemessen nimmt sich Pelzigs Medienschelte fast zahm aus, aber allein die Fixierung jener Sprachregelung, nach der in „Russland Oligarchen sind, was bei uns Leistungsträger heißt“, trifft ins Schwarze einer bezeichnenden Wahrnehmungsschieflage. Auch diesbezüglich rückt Pelzig einiges zurecht.

In darstellerisch bester Kondition, ohne Punkt und Komma, stiefelt der Kerl sprachlich strammen Schrittes durchs Gestrüpp der Dummheit und Vermessenheit unserer Zeit. Und hinterlässt dabei so etwas wie eine Denkschneise, mithin einen Trampelpfad der Empathie. Denn so sehr und auch deftig der Pelzig wettern mag – im tiefsten Inneren ist er ein unverbesserlicher Philanthrop.

„Mal die Perspektiven wechseln“ ist ein Leitmotiv, an dessen Umsetzung Pelzig immer wieder auch seine altbewährten Stammtischkumpane Hartmut und Dr. Göbel mitwirken lässt. Als Kunstfiguren sind sie allesamt die Eckpunkte einer Dreifaltigkeit, die weit weniger einfältig ist, als sie tut. Zeigt sich der Perspektivwechsel doch hier als parodistischer Schlagabtausch zwischen Es, Ich und Über-Ich.

Klingt nach psychologisierender Überinterpretation? Nun, vielleicht. Nur analysiert Pelzig ja ziemlich treffend gerade auch das psycho-mentale Krankheitsbild einer Gegenwart, die durch Lachtherapie allein zwar nicht zu heilen, aber besser, klarer zu begreifen und vielleicht auch zu ertragen ist. Auf Veränderung mag dann weltfremd hoffen, wer will. Dass man nach diesem Programm fast geneigt ist, eine Handgelenktasche zu kaufen, lässt sich indes als gutes Zeichen werten.

Von Steffen Georgi

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