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Kultur „Es geht uns überhaupt nicht um Profit“: Markus Löffler über das Abenteuer Kunstkraftwerk
Nachrichten Kultur „Es geht uns überhaupt nicht um Profit“: Markus Löffler über das Abenteuer Kunstkraftwerk
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00:21 27.08.2017
Markus Löffler (62) im Leipziger Kunstkraftwerk. Vor fünf Jahren kaufte er das ehemalige Heizkraftwerk gemeinsam mit dem Architekten Ulrich Maldinger. Quelle: André Kempner
Leipzig,

Vor gut einem Jahr wurde im Leipziger Westen das Kunstkraftwerk eröffnet. Im Interview zieht Markus Löffler (62) ein erstes Resümee, spricht über Finanzierung und Zukunft des Projekts. 2012 hatte der Direktor des Instituts für Medizinische Informatik, Statistik und Epidemiologie der Uni Leipzig das 1992 stillgelegte Heizkraftwerk gemeinsam mit dem Architekten Ulrich Maldinger gekauft.

Können Sie sich noch an den ersten Eindruck erinnern?

Die erste Besichtigung war im Februar 2012. Als wir drin waren, lag Schnee auf dem Boden.

Da war wohl was offen ...

Oh ja, da war viel offen, im doppelten Sinne.

Danach ist viel passiert. Vor gut einem Jahr haben Sie in diesem Industriegebäude das Abenteuer Kunstkraftwerk offiziell begonnen. Wie lautet Ihr erstes Resümee?

Wir hatten einen großartigen Zuspruch für die beiden Hauptthemen. Das ist zum einen das Projekt „Illusion. Nothing is as it seems“, das wir vom Trinity College in Dublin eingekauft haben. Und zum anderen haben wir dann im September 2016 mit der Immersionskunst von Gianfranco Ianuzzi eine zusätzliche Komponente aufgelegt. Wir haben daneben noch andere begleitende Kunstformate verfolgt. Rund 50 000 Besucher haben unsere Ausstellungen im ersten Jahr gesehen. Wir sind insgesamt zufrieden.

Wer kommt zu Ihnen?

Ich spreche im Hof immer die Besucher an. Einmal traf ich eine Familie – es waren vier Generationen, es gab wohl eine runde Geburtstagsfeier. Sie sagten mir, Sie seien zu uns gekommen, weil hier etwas sei, das alle Generationen anspricht. Solche kleinen Rückkopplungen zeigen mir, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Gibt es denn auch Schwierigkeiten?

Es holperte auch ein bisschen, wir haben eine Menge Fehler gemacht, mussten und müssen noch lernen.

Was zum Beispiel?

Bei der Kommunikation. Es gibt ja keine Blaupause, an die wir uns halten können. Sind wir ein Museum, ein Theater, eine Galerie? Wir müssen das, was wir anbieten, noch verständlicher vermitteln.

Wie wird das Kunstkraftwerk eigentlich finanziert?

Das ist unser privates Abenteuer, unser Risiko. Wir bekommen keinerlei institutionelle Förderung. Dann und wann gibt es projektbezogene Unterstützung, zum Beispiel von der Kulturstiftung Sachsen oder vom Kulturamt der Stadt Leipzig. Das sind aber kleine Beträge. Das wollten wir aber so. So müssen wir natürlich darauf achten, dass am Ende auch die Kasse stimmt. Da wird man aber sofort verdächtigt, man sei nur kommerziell orientiert.

Sind Sie das nicht?

Nein. Es geht uns überhaupt nicht um Profit. Die Herausforderung, der wir uns stellen, ist den break even zu erreichen.

Haben Sie die Schwarze Null erreicht?

Noch nicht. Aber wahrscheinlich können wir das in diesem Jahr noch schaffen, was den Betrieb des Kunstkraftwerks betrifft. Das heißt aber nicht, dass wir unsere Schulden tilgen können.

Was haben Sie denn reingebuttert?

Das möchte ich nicht sagen, aber es war schon eine große Summe: das Geld für den Kauf, die Investitionen ins Gebäude – Dach, Heizung, Elektrik. Die Brandschutzthematik war überaus komplex, damit hatten wir so nicht gerechnet.

Warum machen Sie das alles eigentlich?

Meine Frau und ich, wir haben uns irgendwann gefragt, was wir machen, wenn wir mal Geld übrig haben: Kaufen wir ne Wohnung und lassen die Miete aufs Konto überweisen? Total langweilig. Oder kaufen wir Kunst und hängen sie irgendwo hin? Auch nicht. Wir wollten es lebendiger haben, beschlossen, eine kreative Werkstatt zu ersinnen. Wir legen was zur Seite, und das setzen wir aufs Spiel, wenn man so will. Es darf uns nur nicht ruinieren. Und dann kam eins zum andern: Wir sahen dieses Gebäude, das wie eine weiße Leinwand war, vor der ein Künstler steht und sich fragt, was er denn jetzt malt. Plötzlich waren wir selbst in diesem kreativen Prozess, obwohl wir keine Künstler sind. Wir waren begeistert.

Die Kunst, die sie zeigen, diese Immersion, das Eintauchen, setzt auf Überwältigung. Geht es Ihnen vor allem darum?

Sie soll berühren, das halte ich für ganz entscheidend. Kunst, die nicht berührt, bleibt nicht in der Seele. Wir wollen Erfahrungshorizonte erweitern. Und wenn das gelingt, dann stellt das einen auch selbst zufrieden. Im Unterschied zu einer Galerie wollen wir ja nichts verkaufen. Und dann geht es uns auch um das industrielle Gebäude selbst, dessen Charakter wir erhalten wollen. Wir wollen das Thema Industriegeschichte nicht auslöschen, sondern weiter ausstellen – im Zusammenspiel mit der Kunst.

Sie kommen aus der Sphäre der Wissenschaft und sind jetzt auch in der Kultur unterwegs. Wenn Sie das vergleichen, gibt es da Unterschiede im Umgang?

Das war für mich eine der interessantesten Erfahrungen der letzten Jahre. Wir Wissenschaftler sind es gewohnt, in Teams zu arbeiten. Wir setzen uns ein Ziel. Wir verabreden die Arbeitsteilung und machen uns gemeinsam auf den Weg. Diese Art von Kollaboration kennen die allermeisten Künstler nicht. Sie sind Individualisten. Manche sind interessiert, neugierig und verändern etwas in der Interaktion mit uns. Das ist dann besonders spannend.

Wie vernetzt sind Sie inzwischen in Leipzig?

Wir arbeiten mit der HTWK zusammen, mit der Universität, wir haben eine tolle Verbindung zum Ballett der Oper. Wir machen gemeinsame Ausstellungen mit dem Grassimuseum für Angewandte Kunst, mit der Burg Giebichenstein in Halle, wir arbeiten mit dem italienischen Kulturinstitut in Berlin zusammen und mit den Designer’s Open. Wir haben gerade einen Kooperationsvertrag mit dem Panometer unterzeichnet, da geht es um Kombitickets.

Gibt es auch Naserümpfen, weil Sie ja ganz bewusst versuchen, nicht nur eine bildungsbürgerliche Elite anzusprechen?

Ja, ich glaube, das gibt es – auch wenn es einem nur über Dritte zugetragen wird. Ungefähr ein Drittel der Besucher, wissen wir, hat keinen höheren Schulabschluss. Das halten wir für ein sehr gutes Zeichen. Unter den Kunstschaffenden gibt es Leute, die ein bisschen fremdeln, die fragen, ob das denn Kunst sei, was wir da machen. International wird das anders wahrgenommen. Da wird gesehen, dass wir mit dem Thema Immersion ein Alleinstellungsmerkmal in Deutschland haben. Künstler kommen inzwischen von sich aus auf uns zu. Es gibt Angebote aus Italien und Frankreich, die wir gerne 2018 realisieren würden.

Was kommt insgesamt auf die Besucher des Kunstkraftwerks zu?

Wir wollen das Thema digitale visuelle Kunst noch stärker in den Fokus rücken. Und da gibt es verschiedene Künstlergruppen, die wir einladen wollen. Wir haben uns in Peking umgesehen, auf einem Spinnereigelände mit 50 Galerien, rund acht Mal so groß wie das Leipziger Pendant. Wir sehen uns um, lassen uns inspirieren, stellen Beziehungen her.

Wer ist eigentlich dieses „Wir“?

Wir sind jetzt ein Team von acht Leuten.

Das Kunstkraftwerk war im Februar in der Tagesschau zu sehen, als Martin Schulz hier einen seiner ersten Wahlkampfauftritte hatte. Wie läuft die Vermietung?

Die Event-Nachfrage ist riesig. Wir können gar nicht alle Wünsche erfüllen. Das wollen wir auch nicht. Es gibt einige Parteien, die wir nicht reinlassen. Es gibt im Bereich der Industrie auch Dinge, die grenzwertig sind. Da kommen Unternehmen, die das Gebäude innen so ausstaffieren, dass man vom eigentlichen Kern nichts mehr sieht. Das nimmt dem Gebäude die Seele. Da stehen wir dann staunend und auch etwas verstört davor. So etwas müssen wir dosieren, das gehört auch zu unserer Lernkurve. Natürlich können wir Einnahmen brauchen. Wir wollen aber nicht alles mit uns machen lassen.

Wo nehmen Sie eigentlich die Zeit her?

Ich habe als Wissenschaftler eine 55-Stunden-Woche, und die restlichen eineinhalb Arbeitstage stecke ich ins Kunstkraftwerk, und dann bleiben vom Wochenende noch drei Stunden.

Haben Sie noch andere Hobbys?

Ja, was mir wirklich fehlt im Moment, ist das Bergsteigen in den Alpen. 20 Viertausender würde ich gerne noch machen, 10 habe ich schon.

Was suchen und finden Sie da?

Ich habe das lange selbst nicht verstanden. Dann war mir klar: Es ist letztlich die Suche nach einer Terra incognita, etwas, das auch die Wissenschaft auszeichnet. Und das erklärt vielleicht auch, warum wir mit dem Kunstkraftwerk möglichst die ausgetretenen Pfade zu vermeiden versuchen.

Könnte es auch ein geistiges Kraftwerk, eine Art Plattform für philosophische, politische und soziale Themen werden?

Ja, das geht mir schon länger im Kopf herum. Auf längere Sicht würde es uns schon gut anstehen, etwas zum Meinungsbildungsprozess in der Stadt beizutragen. Ein Thema wäre zum Beispiel die Digitalisierung, mit deren künstlerischer Seite wir uns ja befassen. Was hat sie für Auswirkungen? Wir sind in großer Gefahr, beherrscht zu werden. Es gibt noch eine Seele, und die dürfen wir nicht verlieren.

Das sagt ausgerechnet der Wissenschaftler, der sie nicht verorten kann ...

Aber suchen.

Im Kunstkraftwerk Leipzig (Saalfelder Straße 8) sind derzeit die Ausstellungen und Videoshows „Hundertwasser Experience“, „WERK in Progress“ sowie „Illusion – Moving Space“ zu sehen; geöffnet Di–So, 10–18 Uhr; Eintritt: 11/8,50 Euro

Von Jürgen Kleindienst

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