Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 2 ° Regenschauer

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Es hat sich ausgegöttert

Es hat sich ausgegöttert

Ein Effekt von märchenhafter Poesie: Da recken die Mitglieder von Rosamund Gilmores Tanzensemble die Arme aus der Frühlingswiese im Herzen des abstrakten Kriegerdenkmals, das Mimes Schmiede von der Welt trennt, ein jeder begreift sofort: Diese Natur ist beseelt, belebt von Kreaturen, Gebilden, Gespinsten, die einer anderen Welt entstammen.

Gebilden, Gespinsten, die einer anderen Welt entstammen. Und sofort nimmt er wieder gefangen, Gilmores mystischer Nebenweg zu Wagners "Ring des Nibelungen", der am Sonntagabend in der Oper Leipzig mit der Premiere von "Siegfried" im Bühnenbild Carl Friedrich Oberles auf die Zielgerade einbog.

Hier hat es sich ausgegöttert. Wotan durchstreift als "Wanderer" die Szenerie und beobachtet mit fatalistischem Interesse, was herauskommen mag bei der Versuchsanordung, die er da in "Rheingold" und "Walküre" aufgetürmt hat aus Liebe und Macht, Vertrag, Verrat und Verhängnis. Nun sind die Menschen am Zug, Siegfried etwa, wenngleich Gottes-Enkel. Und Mime, obschon koboldhafte Ausgeburt von Alberichs Reich der Finsternis.

Wie die beiden in Gestalt von Christian Franz in der Titelpartie und Dan Karlström als Schmied sich da im ersten Akt beharken im abgründigen Familienstreit, böse, bitter, zynisch und witzig, das ist großes Musiktheater. Denn Gilmore lässt die beiden machen, lässt Karlström giftig quecksilbern und hinterhältig schmeicheln, lässt Franz den jungen Siegfried als großen Naiven anlegen, in dem die Säfte gären, der in seinen zu kurzen Latzhosen (Kostüme: Nicola Reichert) kaum gehen kann vor Kraft und Tatendrang - und der doch mit Schüchternheit auf sich blickt und die Rätsel der Welt.

In diese ranzige Schmiede, aus der Siegfried sich in die Welt hinausträumt und Mime sich in Intrige und Allmachtsfantasien hinein, dringt John Lundgren als Wanderer, der dritte Wotan im Leipziger "Ring". Mit der deutschen Grandezza des in gewohnter Machtfülle zum Untergang Entschlossenen verstrickt er Alberich in den unfairen Zweikampf der Rätselszene. Und wieder entfaltet sich großes Theater. Wie überhaupt in allen dialogischen Szenen des "Siegfried": Siegfried und Mime, Mime und Wanderer, Wanderer und Alberich (grandios sinister, das Böse im Sachbearbeiteranzug: Jürgen Linn), Siegfried und Fafner (lebensmüde und schicksalsergeben als szenisch überraschend virtuos gelöster Lindwurm: Rúni Brattaberg), Siegfried und Waldvogel (getanzt von Sandra Lommerzheim), Wanderer und Erda (düster verstört: Nicole Piccolomini), schließlich Siegfried und Brünnhilde (unsicher entflammt: Elisabet Strid).

Immer jedoch, wenn Wagner ins Epische ausweicht, die dramatische Zeit sich ins Unbestimmbare weitet, stößt Gilmores Konzept an Grenzen. Mit Siegfrieds Schmiedelied weiß sie nichts anzufangen und lässt Franz ungelenk pantomimisieren; dem Waldweben fehlt nicht nur der Wald. Dann schiebt Gilmore ihr Tanz-Ensemble vors Loch. Dann deklinieren eurhytmische Geister im ersten Akt hart an der Grenze zur Persiflage die Leitmotiv-Tabelle durch oder zucken konvulsivisch, während im zweiten der multiple Waldvogel immerhin wieder versöhnlich stimmt.

Nötig wäre all dies nicht. Denn selbst da, wo die rhythmische Sportgymnastik halbwegs aufgeht, liefert sie bestenfalls eine Verdopplung des Geschehens im Graben. Und wer dort hineinhorcht, bedarf der Hampel-Deko nicht. Hausherr Ulf Schirmer lässt am Pult des Gewandhausorchesters keine Frage unbeantwortet. Hier unten arbeiten die Stars des Abends. Schirmer zwingt das filigrane Gespinst der Leitmotive in einen unentwegten Strom, der seine Kraft nicht aus Motiv-Mimikri entwickelt, sondern aus dramatischer, emotionaler und musikalischer Logik. Subtil ist dieser Wagner-Klang, beherrscht und doch süffig. Nun gut, hin und wieder haben Blech links und Blech rechts andere Vorstellungen vom Metrum, geschenkt. Und dass ihm in Siegfrieds Hornruf die Spitzentöne wegbrechen, kann erstens passieren und ändert zweitens nichts daran, das Ralf Götze abgesehen davon sensationell bläst. Nicht prahlerisch, sondern sinnlich.

Was insgesamt die Orchester-Leistung der knapp fünfeinhalb Bruttostunden gut beschreibt: Das Gewandhausorchester lässt sich mit Haut und Haaren ein auf Schirmers disziplinierte Ekstase, lässt die Farben dieses auf weiten Strecken ja beinahe kammermusikalisch gefügten sinfonischen Kosmos satt blühen und kommt doch dynamisch in keinem Moment den Sängern in die Quere. Das alles kann man derzeit gewiss auch anders haben, besser allerdings kaum. Auch nicht in Bayreuth.

Die orchestrale Weltklasse des Leipziger "Siegfried" findet auf der Bühne ihre vokale Entsprechung. Eun Yee You leiht dem Waldvogel überraschende Schärfe - der Rest ist ein Fest. Christian Franz gewinnt die monströse Titelpartie tatsächlich aus dem Wort heraus. Das mag, vor allem bei den häufigen Registerwechseln mitten in der Linie, manchem ungewohnt in den Ohren klingen. Denn mit der üblichen Kraftmeierei hat diese Art des Wagner-Gesangs nicht viel zu tun. Dafür öffnet sie immer neue Fenster zur Seele eines Halbwüchsigen auf dem Sprung ins Leben. Ihm gegenüber steht - mindestens - auf Augenhöhe Dan Karlström als Mime. Sein vokales Porträt dieses Getriebenen gehört zum Besten, was aus dieser Rolle in den letzten Jahren gemacht wurde. Karlströms leicht schneidendes Timbre passt perfekt zur Rolle, mit staunenswerter Sicherheit und frei von Gefährungen oder Ermüdungserscheinungen führt er seinen Tenor durch die gewaltige Partie.

Ebenso beeindruckend: John Lundgrens autoritärer Wanderer-Strahl, Jürgen Linns kraftvoll-geschmeidiger Alberich, Rúni Brattabergs sattschwarzer Fafner, Nicole Piccolominis erdige Erda und Elisabet Strid als warme, kraftvolle, sinnliche Brünnhilde, die im letzten Akt nur allmählich empfangsbereit wird für die Freuden menschlicher Liebe.

Das alles bildet, fein abgestuft, der ausführliche Jubel nach dem finalen C-Dur-Schlag ab. Nachgerade ekstatisch fällt er für Schirmer und das Orchester aus, für Karlström und für Strid. Immer noch begeistert für den Rest der Sängerbesetzung. Freundlich fürs Tanzensemble und fürs Inszenierungsteam. Hier mischen sich einige Buhs hinein.

Vorstellungen: 26.4., 24.5. (mit LVZ-Opernclub), 30.5.; "Götterdämmerung", der letzte Teil der "Ring"-Tetralogie, feiert am 30. April 2016 Premiere. Tickets (15-68 Euro) sind erhältlich im LVZ Media Store in den Höfen am Brühl, in allen LVZ-Geschäftsstellen, über die gebührenfreie Tickethotline 0800 2181050. und auf www.lvz-ticket.de

Aus der Leipziger Volkszeitung vom ..
Korfmacher, Peter

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Leipziger Opernball 2017

    Schwungvoll im Dreivierteltakt: Hier finden Sie Infos und Fotos vom Leipziger Opernball 2017 unter dem Motto „Moskauer Nächte“ mehr

  • Panometer Leipzig - Dresden
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Titanic" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zu den Panoramen "Titanic" und "Dresden im Barock" mehr

  • Lachmesse Leipzig 2017

    Vom 15. bis 20. Oktober 2017 werden in Leipzig wieder massiv die Lachmuskeln gereizt. Über 180 Künstler kommen zur Lachmesse. mehr

  • Lichtfest Leipzig 2017

    Alljährlich am 9. Oktober erinnert das Lichtfest Leipzig auf dem Augustusplatz an die Ereignisse im Herbst 1989. Hier gibt es alle Infos. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

"Stasi – Macht und Banalität": Gedenkstätte Museum in der "Runden Ecke" gibt Einblicke in den SED-Überwachungsstaat. mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr