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Es ist kalt in Kerstin Preiwuß' Roman "Restwärme" - Buchvorstellung in Leipzig

Es ist kalt in Kerstin Preiwuß' Roman "Restwärme" - Buchvorstellung in Leipzig

"Das Selbst ist eine leere Stelle, die man betrachten kann, jedoch nicht fühlt." Mit solchen Sätzen schafft Kerstin Preiwuß Inseln der Besinnung. Die braucht dieser Roman.

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Kerstin Preiwuß Anfang Juli bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur.

Quelle: dpa

Leipzig. Sie rüsten für den Gang durch ein Gedankengebäude, in dem es dunkel ist und modrig riecht. In dem sich niemand verstecken kann. Vor Gewalt nicht, vor der Angst nicht, und nicht vor dem Tod. Hier war, hier bleibt eine Kindheit zu Hause. Es ist kalt.

"Restwärme" heißt dieser erste Roman der in Leipzig lebenden Kerstin Preiwuß, die 1980 in Lübz geboren wurde und in Plau am See aufwuchs. Noch vor Abschluss des Studiums am Deutschen Literaturinstituts Leipzig debütierte sie mit Lyrik bei der Connewitzer Verlagsbuchhandlung ("Nachricht von neuen Sternen", 2006). Später hat sie bei Suhrkamp veröffentlicht ("Rede", 2012) und war Herausgeberin der Literaturzeitschrift "Edit". Anfang des Monats las sie bei den "Tagen der deutschsprachigen Literatur" in Klagenfurt im Wettbewerb um den Bachmann-Preis. Es war ein Auszug aus "Restwärme", und die Juroren zeigten sich zum Teil verstört.

Der gesamte Roman kann verstören. Weil die Geschichte auf Angst gebaut ist. Die Geologin Marianne, Mutter einer halbwüchsigen Tochter, reist von einem Arbeitstreffen in Neapel ins Elternhaus in die mecklenburgische Provinz zur Beerdigung des Vaters. Ihre Kindheit lag, so hatte sie auf Fragen stets abwehrend geantwortet, "in einem anderen Land" und konnte von dort "nicht einfach hervorgeholt" werden. "Man brauchte einen Pass, um in dieses Land zu kommen, weil es seine Grenzen so scharf bewachte wie kein anderes. Dass man aber, selbst wenn man noch über einen Pass verfügte, nicht mehr dorthin reisen konnte, weil es bereits eingegangen war, eingegangen in das Land, in dem sie jetzt lebten."

Dass dieses Land kein Garten Eden war, wird sofort klar. Die Mutter und Bruder Hans wirken gefühllos und fremd. Jeder Dialog wird zum Schlagabtausch, geführt in Formeln der Abgrenzung, des Vorwurfs, der Verdrängung. Gespräche sind Unterlassungen, waren es wohl immer, weshalb Marianne Jahre in dem Gefühl verbracht hat, kein liebenswerter Mensch zu sein, "weil niemand einen liebt. Das kriegt man von zu Hause mit. Das nimmt einen mit. Das geht nie weg. Das dringt als bitterer Geschmack immer wieder auf die Zunge, wenn von Familie die Rede ist."

Wellen der Klage schlagen über ihr zusammen, wenn sie in die Erinnerungen an eine beschwerte Kindheit und Jugend sinkt, aus denen sie fröstelnd in der Gegenwart wieder auftaucht. Und mit ihr der Leser, der begreift, dass auch die Angst ein Zuhause ist. Und das Zuhause eine Umklammerung. "Das Haus schien sie in sich einzusaugen, gestern noch Besucher, gehörte sie heute schon wieder dazu."

Natürlich hat alles mit den Eltern zu tun. Und mit dem Krieg. "Es war nicht seine Schuld", sagt die Mutter über den gewalttätigen, saufenden Vater, bei dem Wut und Lust und Scham eine verhängnisvolle Kette bilden, an deren Ende die seelisch misshandelte Familie den Kopf einzieht. Genau so muss sie es auch über ihren Sohn, Mariannes Bruder Hans, sagen, der Tiere quält und tötet.

Doch so einfach ist es nicht, schon gar nicht für einen so reflektierten Menschen wie Marianne. Diesen Schritt aus dem Kreis bleibt Kerstin Preiwuß schuldig, was den Roman zuweilen auf der Stelle treten lässt. Oder er verliert sich in Beschreibungen und Bildern - auch sehr schönen. Dann wieder gelingt es der Autorin, eine Atmosphäre der Beklemmung zu vermitteln, die nach dem ganzen Körper greift, gerade in der in Klagenfurt gelesenen Passage über die Arbeit auf einer Nerzfarm. Vor allem, wenn die Autorin nicht versucht, den Text zu verteidigen, sondern die Geschichte sich aus eigener Kraft behaupten kann.

Im zweiten Teil des Buches wird es etwas wärmer. Nicht nur, weil Mariannes Abreise näherrückt, sondern auch, weil die Erinnerungen nun zurückkehren zu befreienden Erlebnissen. Zur ersten Liebe: "Sie fährt ihr unter die Haut und beginnt, sich einzurichten in ihr." Zur Geburt der Tochter Marie: "Ihre Grenzen verlaufen nun auch ums Kind und schließen es ein." Bis dahin waren Wünsche für Marianne auch nichts anderes "als verhinderte Ängste".

Zwar fröstelt es sie, als sie in den Zug nach Berlin steigt. Doch das ist jetzt vielleicht nur die Müdigkeit. Sie setzt sich in Fahrtrichtung. Den Blick nach vorn.

Buchpremiere:

Donnerstag, 20 Uhr, im Café bau bau, Karl-Tauchnitz-Straße 9-11 in Leipzig; der Eintritt ist frei

Kerstin Preiwuß: Restwärme.

Roman. Berlin Verlag; 240 Seiten, 18,99 Euro

Janina Fleischer

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