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Es wird viel gesprochen, doch wenig gesagt in „Die Hockenden“

Schauspiel Leipzig Es wird viel gesprochen, doch wenig gesagt in „Die Hockenden“

Miroslava Svolikova hat mit ihrem Stück „Die Hockenden“ den Retzhofer Dramapreises 2015 gewonnen. Am Freitag gab es im Schauspiel Leipzig die Deutsche Erstaufführung. Weder Text noch Inszenierung kommen über ein leicht atmosphärisches Zustandsbild hinaus, das nicht zur Zustandsbeschreibung taugt.

Deutsche Erstaufführung von „Die Hockenden“ am Schauspiel Leipzig. Mit Dirk Lange (vorn links), Anne Cathrin Buhtz, Andreas Dyszewski, Sophie Hottinger, Andreas Herrmann und Anna Keil.

Quelle: Rolf Arnold/ Schauspiel Leipzig

Leipzig. Es wirkt wie eine selbst gewählte Truman-Show: Eine Dorfgemeinschaft gefangen in sich selbst. Endlos schlurfend zwischen der Gewissheit, dass sich nichts ändern wird, und der Hoffnung‚ was wäre, wenn doch. Man hofft auf den „Anderen“, der sagen soll, was zu tun ist, wenigstens etwas sagt, was mehr ist, als eine leere Hülle. Aber der schweigt, während alle anderen immerwährend sprechen und doch nichts sagen.

„Die Hockenden“ von Miroslava Svolikova, Gewinnerstück des Retzhofer Dramapreises 2015, zeichnet das trostlose Bild einer namenlosen Provinz. Regisseurin Mirja Biel schickte am Freitag, zwei Tage nach der Uraufführung am Wiener Burgtheater, sechs Figuren zur Deutschen Erstaufführung auf die Bühne der Diskothek des Leipziger Schauspielhauses.

Ausstatterin Tine Becker liefert einen mit Kunstblumen überladenen, von Neonröhren beleuchteten Gemeinderaum, der nie renoviert wird, aber irgendwann einmal einen neuen ambitionierten rosa Anstrich bekommen hat und gleichermaßen zur Dorfkneipe wie Friedhofskapelle taugt. Analog dazu spiegeln die Kostüme das ganze Repertoire von seit den 60ern unveränderten Modefauxpas.

Während der Andere (Dirk Lange) schon beschlüpfert auf dem Boden liegt, treten die Namenlosen gebückt durch Schwingklappen auf, um als Chor einen leeren Altar zu besingen. Hernach erklärt sich die Gemeinschaft und hört nicht mehr damit auf.

„Gesprochen wird viel, aber gesagt wird nichts.“ Dieser zentrale Satz des Stückes charakterisiert leider viel von dem, was folgt und immer dann zum Dilemma wird, wenn es gilt, Lakonie, Stillstand und Langeweile ästhetisch zu Papier und auf die Bühne zu bringen.

Weder Text noch Inszenierung kommen über ein leicht atmosphärisches Zustandsbild hinaus, das nicht zur Zustandsbeschreibung reicht, zu alles- und nichtssagend ist Gesagtes und Gezeigtes. Preiswürdigkeit lässt sich nur erahnen in dieser Sammlung aus der halbwegs pointierten Sprüchekiste, die man freilich exemplarisch anbinden und schmerzlich auf Herz und Nieren prüfen könnte. Macht aber keiner: „Jeder Schritt ein Schritt zu weit, am besten man bleibt da, wo man gerade steht.“ Das scheint das Motto zu sein.

Wie so häufig in Ur- und Erstaufführungen geht die Inszenierung folgsam mit dem Text um, fügt nichts hinzu, deutet nicht, zeigt seine redundante Lakonie nur in pastellbunten Bildern. Doch für diesen Text ist das merklich zu wenig, weder stürzt sich Biel auf angedeutete Ängste und Sehnsüchte, noch entscheidet sie sich konsequent für das Unszenische des Textes und bebildert die Sprechströme abstrakt.

Immerhin: Die schauspielerischen Leistungen überzeugen durchweg, ob in tapsiger Angst-Routine, Redeschwällen oder stummem Spiel. Der von der Jury gelobte „gekonnte Humor“ wird über die Tapsigkeit der überzeichneten Retrotypen transportiert, besonders die der an ihrer naiven Unschuld völlig bekifften Zwillinge (Anna Keil und Sophie Hottinger). Die Erde-Monolge von Alexander Herrmann atmen Shakespeare-Rhythmus, sagen inhaltlich aber nicht viel.

Einige schöne, zum Teil skurrile Theaterbilder gibt es auch, sie bleiben aber optischer Effekt: Der Andere als betrunkener Zwangsjesus, eine Minihölle unter dem Altar, Störungsflimmern mit starren Puppenaugen für bedrohliche Atmosphäre.

„Man hat ja durchaus gehofft, dass da nochmal was kommt“, heißt es im Text. Doch an diesem narkotisiertem Ort gibt es nichts zu tun. Bis auf den Wiederaufbau der ab und zu brennenden Kneipen. Dieses „nichts zu tun“ konsequenzlos nur zu zeigen, ist in einer Zeit, in der nicht nur Provinzkneipen brennen, zu wenig für das Hier-und-jetzt-Medium Theater, das fähig ist Diskurse mit Ästhetik zu kitzeln.

Weitere Aufführungen: 21. und 29. April, 4. und 20. Mai (jeweils 20 Uhr), Schauspiel Leipzig (Diskothek), Bosestraße 1; Kartentel.: 0341  1268168

Von Karsten Kriesel

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