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Kultur Exorzist und Erzähler
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10:38 30.09.2016
Daniele Gatti dirigiert das Gewandhausorchester. Quelle: Kempner
Leipzig

Die Parallelen sind bemerkenswert: Auch Daniele Gatti (54) wurde in Mailand geboren, auch er war am Anfang einer Weltkarriere Chefdirigent in Bologna, auch er übernahm das Concertgebouworkest in Amsterdam. Und doch sind die Großen Concerte, die Gatti in dieser Woche im Gewandhaus dirigiert, so etwas wie ein Chailly-Exorzismus: Denn was Gatti hier anstellt mit Brahms’ erster Sinfonie, das ist das glatte Gegenteil von dem wofür Riccardo Chailly in seinen elf Jahren als Gewandhauskapellmeister eintrat – und der Unterschied zu den ästhetischen Koordinaten Herbert Blomstedts ist ebenso groß.

Chaillys Brahms steht in einer Traditionslinie, die von Weingartner über Toscanini und später Abbado in die Jetztzeit wuchs. Auf dieser Linie ist die Partitur alles, der Dirigent mehr Mittler als Neuschöpfer. Gatti kommt aus der Furtwängler-Karajan-Celibidache-Masur-Ecke. Hier steckt die Partitur eher den Rahmen ab für eine sehr persönliche Erzählung des Interpreten, dem der Notentext zwar heilig bleibt, so ziemlich alle anderen Parameter musikalischer Gestaltung aber verhandelbar sind. Bis zum Moment der Aufführung.

Das sind die Eckpunkte – und mit Qualität haben sie erst einmal nichts zu tun. Denn natürlich sind beide Ansätze für den Dirigenten so legitim wie für den Hörer. Ich gestehe freimütig, mich eher zur skrupulösen Chailly-Seite hingezogen zu fühlen als zu Gattis etwas selbstherrlichem Ansatz. Aber ebenso freimütig räume ich ein: Gegen die klangliche Intensität, die Spannung, die Kraft dieses Musizierens ist kein Kraut gewachsen.

Ruhig tritt Gatti an Brahms’ Erste heran. Die Paukenschläge des Beginns, im Gegensatz zur Tempobezeichnung des Komponisten eher ziemlich als nur ein wenig gehalten, nehmen einen tiefenentspannten Puls auf. Aber unter der Oberfläche brodelt es bereits, baut sich eine Spannung auf, die sich im Allegro erst entlädt – bei immer noch ruhigem Puls. Hier, im Kopfsatz – und im Finale auch, steht die scheinbare Ruhe nicht im Zeichen pauschalen Wohlklangs. Im Gegenteil: Die Fülle bislang unerhörter Details ist überwältigend. Hier streichelt Gatti zärtlich eine Mittelstimme in den Fokus, dort färbt er ein Tutti anders ein, hie lässt er einem Solisten beim Ausspielen bemerkenswerte Freiheit, da schichtet er mit eiserner Hand Steigerungen im Bruckner-Format.

Es ist bemerkenswert, wie selbstverständlich das Gewandhausorchester dem Italiener mit dem so suggestiven wie klaren Schlag in diese mittlerweile fremden Welten folgt. Und man muss konstatieren: Der brokatene Ton dieses Orchesters und die Üppigkeit von Gattis Musizierhaltung, sie klingen wie füreinander geschaffen.

Für die Überfülle Wohllauts und die Kraft im Detail zahlt Gatti allerdings auch einen nicht geringen Preis. Sein fortwährendes Drehen an der Tempo-Schraube gefährdet in den Außensätzen Struktur und Architektur. Und in den Mittelsätzen, dem Andante sostenuto zumal, das Gatti in Richtung Mahler-Adagio zu dehnen versucht, rutscht ihm auch schon mal eine Streicher-Synkope von der Nadel. Aber übers Ganze gibt es kein Entrinnen aus dem emotionalen Sog dieses Musizierens – entsprechend gewaltig fällt der Applaus aus.

Vor der Pause naturgemäß etwas weniger. Den hier steht HindemithsMathis der Maler“-Sinfonie auf dem Programm, für viele Gewandhausanrechtler – trotz der Annäherungen Blomstedts an dieses Werk, das übrigens in einem der ersten Gewandhauskonzerte nach dem Zweiten Weltkrieg angesetzt war, noch immer eine Unbekannte. Doch der Hindemith der 30er schrieb eine Musik, die gleichsam aus der Zeit gefallen ist, die ihre Modernität aus selbstgezeugter Archaik schöpft. Klanglich ungeheuer reich und subtil, melodisch von überirdischer Schönheit, dramatisch von großer emotionaler Wirkungsmacht – und das perfekte Material für den musikalischen Erzähler Daniele Gatti.

Von Peter Korfmacher

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