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Fahndung nach dem Urzeit-Erbgut - Leipziger Forscher schreibt Wissenschaftskrimi

Fahndung nach dem Urzeit-Erbgut - Leipziger Forscher schreibt Wissenschaftskrimi

Alles begann mit einem Stück Kalbsleber, das er 1981 im Supermarkt kaufte und in einem Ofen erhitzte. Heimlich machte sich Svante Pääbo, damals Medizin-Doktorand an der Uni im schwedischen Uppsala, ans Werk.

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Svante Pääbos stark autobiografisches Buch.

Quelle: Privat

Leipzig. Denn das Experiment hatte nichts mit seiner Promotion zu tun. Er wollte herausfinden, ob sich DNA aus abgestorbenem Gewebe isolieren lässt.

Der Versuch gelang, allerdings war er mit Gestank verbunden, so dass er dann doch die Kollegen einweihen musste. Es ist eine Episode von vielen, die Professor Pääbo, der seit 1998 als Direktor am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie (Eva) wirkt und als Begründer der Paläogenetik gilt, in seinem Buch "Die Neandertaler und wir - Meine Suche nach den Urzeit-Genen" erzählt.

Auf fast 400 Seiten lässt Pääbo, der als unehelicher Sohn des Medizin-Nobelpreisträgers Sune Bergström und der Lebensmittelchemikerin Karin Pääbo am 20. April 1955 in Stockholm geboren wurde, sein bisheriges Forscherleben Revue passieren und gibt Persönliches preis. Schon früh hatte er ein Faible für Mumien, studierte in Uppsala Ägyptologie und Medizin. Zwei Jahre nach seinem Leber-Versuch machte sich Pääbo nach Ost-Berlin auf, wo er im Bode-Museum 30 Proben von Mumien nehmen konnte und sie in Uppsala auf DNA-Fragmente analysierte.

Er glaubte fündig geworden zu sein, publizierte die Ergebnisse 1984 in einem Fachblatt der DDR-Akademie der Wissenschaften und harrte der Dinge: "Nichts geschah. Ich war aufgeregt, aber da war ich offenbar der Einzige", blickt er zurück.

Erst als er im Jahr darauf im Journal Nature einen Artikel platzieren konnte, brachte ihm das ein erstes nachhaltiges Echo und eine Einladung des renommierten molekularbiologisch orientierten Evolu- tionskundlers Alan Wilsson an dessen Institut an der University of California in Berkeley ein. Doch ehe er dort als Postdoc antrat, promovierte Pääbo und arbeitete in Zürich an der DNA-Extraktion aus Überresten des ausgestorbenen Beutelwolfes und weiter an der Mumienproblematik. Neue Proben aus dem Bode-Museum zu holen, wurde ihm verwehrt. Die Stasi schob der Beschaffungsmaßnahme einen Riegel vor, weil, so die Begründung, "die Universität Uppsala bekanntermaßen ein antisozialistisches Propagandazentrum" sei.

In Berkeley fand Pääbo beste Bedingungen und das passende kollegiale Umfeld zur Verwirklichung seines Traumes: Ein neues Fenster in die Urzeit durch die Offenbarung der genetischen Beschaffenheit längst von der Bildfläche verschwundener Arten wollte er öffnen. Mit der Polymerase-Kettenreaktion zur Erbgut-Vervielfältigung gab es dafür inzwischen ein wichtiges Instrumentarium, doch es stieß an seine Grenzen. Zum Beispiel ließen sich damit lange DNA-Stücke aus prähistorischem Material nicht vermehren.

Eine Wende in Pääbos Leben bahnte sich durch seine Freundin Barbara Wild an, die als Doktorandin an der Ludwig-Maxi- milians-Universität in München Gen-Studien betrieb. Er besuchte sie regelmäßig, hatte auch vor, beruflich wieder nach Europa zurückzukehren. Und so kam ihm das Angebot, in München eine Professur für allgemeine Biologie am zoologischen Institut zu übernehmen, gerade recht. "1990 traf ich dort mit zwei großen Koffern ein."

Einen leichten Stand hatte er, der nie Biologie geschweige denn Zoologie studiert hatte, in seinem neuen Job nicht. Skeptisch wurde der DNA-Detektiv beäugt, experimentell gab es für ihn und sein Team diverse Rückschläge. Frustrierend sei das oft gewesen. Denn: "Ich wollte ja Licht in die Geschichte der Menschheit bringen." Nach reiflicher Überlegung schien Pääbo der vor rund 30 000 Jahren ausgestorbene Neandertaler als bester Kandidat für seinen Entdeckerdrang, zumal das Typusexemplar des Homo neanderthalensis in Bonn aufbewahrt wurde. Die Entscheidung sollte sich als goldrichtig erweisen. Noch zu Pääbos Zeit in München gelang es, einige Erbgutsequenzen des Steinzeitlers, dem engsten Verwandten des Homo sapiens, zu identifizieren.

Weil es der Zufall wollte, plante die Max-Planck-Gesellschaft gerade die Etablierung eines anthropologischen Institutes zur Stärkung der Forschungslandschaft in den neuen Bundesländern. Erst war Rostock als Standort im Gespräch, dann Dresden und Leipzig. Die Würfel fielen zugunsten Leipzigs.

Pääbo stieg als einer der drei Gründungsdirektoren am kurz Eva genannten Institut ein und zum Papst der Paläogentik auf. Er sammelte fortan Preise wie Briefmarken, zog mit seiner Mannschaft das Neandertaler-Genomprojekt durch, bei dem nicht nur das gesamte Erbgut dieser Spezies rekonstruiert, sondern auch deren genetische Mitgift für heute lebende Menschen nachgewiesen wurde.

Pääbos Buch liest sich wie ein Wissenschaftskrimi, dessen letztes Kapitel sich um die Denisovaner rankt. Ein in der Denisova-Höhle im Altai-Gebirge von russischen Fachleuten gefundenes Stück Fingerknochen hatte sich beim Gen-Check am Eva als von einer bis dahin unbekannten und ausgestorbenen Menschenform stammend erwiesen. Zuweilen wird Pääbo, der lockere Typ, der hoch aufgeschossene Teamplayer, der nicht den Chef rauskehrt, ob seiner Forschungserfolge schon als Nobelpreisanwärter gehandelt.

Von der Seele geschrieben hat er, der mit der Primatologin Linda Vigilant verheiratet ist und mit ihr zwei Kinder hat, aber auch sehr Privates. 2009 setzte sich ein Blutgerinnsel in seiner Lunge fest, ein halbes Jahr musste er Medikamente nehmen. Ein Wirkstoff namens Heparin war wohl lebensrettend. Dessen chemische Struktur hatte Pääbos Vater Sune Bergström (1916-2004) einst aufgeklärt, über Svante, sein uneheliches Kind, hüllte er aber den Mantel des Schweigens. Karin Pääbo, die aus Estland stammte, zog Svante alleine auf. Es gab nur heimliche Treffen mit dem Vater, wenn der an Samstagen gegenüber seiner offiziellen Familie vorgab, ins Labor zu gehen.

Diese Lebenslüge führte dazu, dass sich Svante Pääbo und sein Halbbruder erst vor zehn Jahren kennenlernten, nachdem dieser beim Sichten von Papieren Bergströms dessen Doppelleben auf die Schliche gekommen war. "Wir kommen gut miteinander aus", beschreibt Pääbo das Verhältnis zu seinem Halbbruder.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 07.05.2014

Mario Beck

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