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Farb-Lust und Lach-Yoga beim Spinnerei-Rundgang in Leipzig

Farb-Lust und Lach-Yoga beim Spinnerei-Rundgang in Leipzig

Zu kühl für bodennahe Aktivitäten, zu freundlich für den Fernsehsessel - ideales Kunstbesuchswetter brachte bereits am Sonnabend den am Rundgang teilnehmenden Einrichtungen Besuchermassen trotz paralleler Aufstiegseuphorie im sportlichen Bereich.

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Zahlreiche Besucher kamen zum Frühjahrsrundgang in die Leipziger Baumwollspinnerei.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Das Interesse hielt am Sonntag an.

"Albern sein ist der erste Schritt zu Freiheit und Kreativität." Nicht alle Galeristen, nicht alle ihrer Künstler werden die Weisheit einer Lach-Yoga-Trainerin unterschreiben, die in Halle 14 auf die Eröffnung einstimmen sollte. Über Jahrzehnte ist das Publikum dazu erzogen worden, dass Kunst in Reduktion bestehen kann, und selbst ihr Verschwinden noch eine ernst zu nehmende Sache ist. Von dieser Konditionierung leben auch bei diesem Frühjahrs-Rundgang im Leipziger Westen einige Ausstellungen. So die Tafeln mit Farbschlieren von Peter Krauskopf in der Galerie Jochen Hempel. Oder die minimalen Geometrien von Jonas Flechenstein und Falk Schwalbe im Raum der Kulturen nahe dem Wendepunkt der Linie 14.

Regelrecht ins Auge springt aber eine der Kargheit widersprechende Lust am Bunten, in der sich mehrere Galerien gegenseitig übertreffen. Die Malerei von Sebastian Gögel im Laden für Nichts beispielsweise als farbenfroh zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung. Ob ein Claqueur mit zwölf Fingern applaudiert oder eine Madonna ebenso geräuschvoll ihren Knaben züchtigt, Gögel greift lustvoll in die Kiste mit den Farbtuben. Ebenso schmerzhaft für kultivierte Sehgewohnheiten müssen die barocken Ausschweifungen von Steve Viezens in der Galerie Kleindienst sein. Hier kommen noch erotische Unverschämtheiten hinzu. Bei Alizia Paz in der Galerie Dukan nimmt die Buntheit den Charakter von Patchwork-Decken an. Aus unzähligen Details collagiert die britische Mexikanerin traumwandlerisch-flatterhafte Welten.

Von der Intensität des Farbeinsatzes her vergleichbar, doch ganz andersgeartet sind Jörg Herolds Bildwände in der Galerie Eigen+Art. Bei der Erkundung der verlorenen schlesischen Heimat seiner Vorfahren verschmilzt er Dokumente mit Legenden, unter dem Zuckerguss liegt zartbitterer Phantomschmerz.

Mehr das Verfolgen von Entwicklungslinien als das Ausgraben von Entdeckungen steht für viele der Ausstellungsorte diesmal auf dem Programm. Herold eben und Viezens am gewohnten Platz. Oder Arthur Zalewski bei ASPN. Der Fotograf zeigt diesmal Randbemerkungen eines Besuchs in Peking. Ebenso vertraut ist der Name Edgar Leciejewski. Im Archiv Massiv sind von ihm Porträttafeln zu sehen, deren Köpfe getilgt wurden. Dafür greift der Stil der Kleidung auf die Rahmen über.

Manchmal liegt die Entwicklung in der Wahl der Örtlichkeit. Rayk Goetze ist jetzt, kombiniert mit Wolfgang Ellenrieder, bei Josef Filipp mit neuen Arbeiten zu sehen. Lu Potemka, die ihn zuletzt an der Aurelienstraße ausstellte, zeigt dafür nun Bilder von Robin Zöffzig, den man im Vorjahr noch bei Koenitz im Stadtzentrum sah.

Für Queen Anne gehört Cyril Massimelli zur Stammbelegschaft noch aus Tapetenwerk-Zeiten. Seinen kühlen Konstruktionen einsamer Massenwesen haben die Galeristinnen aber eine echte Entdeckung zugeordnet. Der New Yorker Will Kurtz, mit 50 erst zum Künstler geworden, baut Tiere mit Zeitungsoberflächen, realistisch und verfremdet zugleich.

Das Aufspüren neuer Namen gehört definitiv zu den Aufgaben der Stipendiatenprogramme, von denen mehrere in der Spinnerei ansässig sind. Die Ernsthaftigkeit dieses Anliegens differiert aber. In der Pilotenküche hat man häufig den Eindruck einer andauernden Party, die unvermeidlichen Sperrmüllassemblagen und Fleckenbilder sind aber noch nicht unbedingt reife Kunst. Gediegener sind die Resultate bei LIA, dem Veteranen unter den Residenzen. "A room that ..." hatte bisher sogar zwei Künstlerinnen eine komfortable Langzeitbetreuung gewährt. Per Juryverfahren wird nun aber die Nachwuchsförderung gespreizt, vier Neue in internationaler Zusammensetzung haben den produktiven Aufenthalt begonnen.

Wirkliche Novitäten lassen sich aber auch bei den kommerziellen Kollegen finden. Bemerkenswert sind die Bilder des Berliners Wolfgang Ganter in der Maerzgalerie. Per gesteuertem Verfall zerstört er Werke der Kunstgeschichte, um die morbiden Resultate dann sorgfältig zu konservieren.

Einen Gegenpol zu den vielen effektvollen und häufig eben quietschbunten Arbeiten bilden schließlich Bastian Muhrs großformatige, aber angenehm ruhige Strichzeichnungen. In der Produzentengalerie B2 ist der Preisträger der Jahresausstellung zu sehen. Und er beweist, dass Kunst doch noch mit zurückgeschraubter Attitüde daher kommen darf, ohne zu langweilen.

In die Ausstellung "Does Humor Belong in Art" der Halle 14 kam man am Sonnabend erst gegen 15 Uhr hinein, vier Stunden nach Beginn des Rundgangs. Manche Besucher fanden das Warten bei Lach-Yoga und Einführungsseminar eher albern als lustig. Ein Spannungsbogen sieht anders aus. Zumal der Humor der ausgewählten Werke nichts mit der bei Witzen nötigen Kürze zu tun hat. Es braucht Zeit, die Pointe zu finden. Oder nicht.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 05.05.2014

Jebs Kassner

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