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Nachrichten Kultur Ferdinand von Schirachs neues Buch „Strafe“
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20:51 07.03.2018
„Strafe“ heißt der neue Kurzgeschichtenband des Strafverteidigers und Schriftstellers Ferdinand von Schirach. Quelle: dpa
Leipzig

Der Mensch ist gut und böse zugleich, sagt Ferdinand von Schirach. Er sagt es in Interviews, und es spricht aus den Geschichten seines neuen Buches. Auf die Bände „Verbrechen“ (2009) und „Schuld“ (2010) folgt nun „Strafe“. In dieser Reihenfolge prüft ein Richter die Anklage.

Spätestens seit den Verfilmungen der Gerichtsfälle und des Theaterstücks „Terror“ ist der 1964 in München geborene Bestsellerautor eine Instanz im Bereich moralischer Verunsicherung. Das beherrscht er meisterhaft. In „Terror“ entscheidet am Ende das Publikum über die Schuld eines Majors, der ein von Terroristen entführtes Passagierflugzeug abgeschossen hat, um alle Besucher eines Stadions zu retten. Die Zuschauer fungieren als Schöffen. Sie stecken in der Haut derer, in deren Haut man nicht stecken möchte.

Kollision im Gerichtssaal

Eine Schöffin steht auch im Zentrum der ersten dieser neuen zwölf Stories. Die Emotionen von Katharina scheinen in denen eines Opfers aufzugehen. Das führt zu einer Kollision im Gerichtssaal, und es ließe sich denken, dass Katharina sich mitschuldig macht. Wenn das so einfach wäre ...

Ferdinand von Schirach: Strafe. Stories. Luchterhand; 192 Seiten, 18 Euro Quelle: Verlag

Von Schirach schildert mit knappen Worten auf wenigen Seiten den Lebensweg der jungen Frau. Er tut dies, ohne zu werten, vielmehr studiert er Menschen, um zu verstehen. Er macht deutlich, wie eins zum anderen führen kann, welche Rollen Zufälle spielen. Die Spannung entwickelt er – anders eben als bei Kriminalgeschichten klassischen Zuschnitts – nicht aus Verbrechen und Tätersuche, sondern aus den Facetten des Bösen, das im Menschen wohnt.

Ferdinand von Schirach hatte sich 1994 in Berlin als Rechtsanwalt niedergelassen und auf Strafrecht spezialisiert. Nach seinem ersten großen Fall, die Musikanten einer Blaskapelle haben bei einem Kleinstadtfest eine junge Kellnerin brutal vergewaltigt, ist ihm klar, dass er seine Unschuld verloren hat, „dass die Dinge nie wieder einfach sein würden“. Diese persönliche Erfahrung beschreibt er im Band „Schuld“.

„Es gibt kein Verbrechen, keine Schuld“

Auch diesmal geht es ein einziges Mal um ihn selbst, darum, warum er nach 20 Jahren als Strafverteidiger mit dem Schreiben begann: „Es war zu viel geworden. Die meisten Menschen kennen den gewaltsamen Tod nicht, sie wissen nicht, wie er aussieht, wie er riecht und welche Leere er hinterlässt. Ich dachte an die Menschen, die ich verteidigt hatte, an ihre Einsamkeit, ihre Fremdheit und ihr Erschrecken über sich selbst.“ Vielleicht, so lässt er Freund Richard sagen, „hast Du Recht und es gibt kein Verbrechen und keine Schuld, aber es gibt eine Strafe“.

Wieder folgt von Schirach den Motiven für ein Handeln, zu dessen Erklärung Begriffe wie Rache oder Gerechtigkeit nicht taugen. „Wenn alles still ist, geschieht am meisten“ zitiert er Søren Kierkegaard. Auf diese Art still kann es überall sein. Es ist die Stille der Einsamkeit, der Ungewissheit. Stille, die vor der Gewalt lauert und die danach triumphiert. Doch was heißt schon Gewalt ...

Zum Beispiel Schlesinger. Der war mal ein guter Anwalt, ist aber Alkohol und Spielsucht erlegen. Als er eine Pflichtverteidigung übernimmt, die ihm noch einmal aufhelfen könnte, gibt Yasser, ein so alter wie zwielichtiger Bekannter, Schlesinger einen mysteriös klingenden Tipp, der sich als entscheidend herausstellt. Das ist die Krimi-Ebene. Darunter aber liegt eine Charakterstudie und damit das Wesentliche. „Wahrheit entsteht nicht durch Abbildung der Wirklichkeit“, sagt von Schirach.

Wo beginnt Strafe?

Wahrheit spiegelt sich auch nicht in einem Urteil. In der Kurzgeschichte „Ein hellblauer Tag“ sitzt eine „Horror-Mutter“, wie der Boulevard sie nennt, eine Strafe dafür ab, ihr Kind getötet zu haben. Was als Gefängnisgeschichte beginnt, wird zum Beziehungsfall und mündet in Unerhörtes.

Oder Meyerbeck. Bester Programmierer seiner Firma, der eine Beförderung ablehnt, weil er mit Menschen nicht gut zurecht kommt. Der von seiner Frau verlassen wird und eines Abends eine Reportage über Sexpuppen sieht. Die sein Leben verändert.

Oder Brinkmann, dem nach 24 Ehejahren die Frau gestorben ist. Er freundet sich mit der neuen Nachbarin an und wird nicht noch einmal zulassen, dass ihn jemand zurücklässt. Während die Geschichte von einem sehr kleinen Mann und einem sehr großen Kokain-Fund das Zeug zur Posse hat, überwiegt meist die Tragik fühlender Menschen, die in minimaler Abweichung vom vermeintlich Normalen auf Katastrophen zusteuern. Wo beginnt Strafe?

Wie bizarr auch immer die Entwicklungen wirken und monströs die Taten klingen – so wie von Schirach sie beschreibt, weitet er die Sicht. Er weiß um die Sehnsucht nach Klarheit, nach einer Einteilung in Gut oder Böse, Schwarz oder Weiß. Er weiß aber auch, dass das auf Kosten von Toleranz und Freiheit gehen kann.

Mit seiner Melancholie, an der nichts Modisches haftet, erzählt er von Schicksalen, von Gründen und Abgründen. Das geht an die Substanz. Aber es geht ja auch um alles: um das Leben.

Ferdinand von Schirach: Strafe. Stories. Luchterhand; 192 Seiten, 18 Euro

Von Janina Fleischer

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