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Figida und Islamisten, die Selfies knipsen: Tretters Jahresrückblick bei den Academixern

Figida und Islamisten, die Selfies knipsen: Tretters Jahresrückblick bei den Academixern

Es ist für die Kabarettstadt Leipzig ein Glücksfall, dass Tretter seit sieben Jahren hier lebt. Der 42-jährige Franke hat am Donnerstag wieder mal "Nachgetrettert" - unter dieser Überschrift blickt er stets im Dezember oder Januar aufs jeweils vergangene Jahr zurück.

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Das Jahr in 130 Minuten: Mathias Tretter bei den Academixern.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Und das bedeutet für sein Leipziger Publikum eben nicht nur tagesaktuelles, scharfsinniges und spitzzüngiges Polit-Kabarett. Darüber hinaus denkt Tretter auch Ereignisse vor der eigenen Haustür quer.

Der Academixer-Keller ist so gut wie voll, und Mathias Tretter sagt, dass ihn das rühre. "Dass Sie jetzt noch zu Satire gehen - Sie beweisen Mut." Vor etwas mehr als 30 Stunden haben zwei Attentäter in Paris die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo gestürmt und zwölf Menschen ermordet. Tretter kündigt für später "einen längeren Abschnitt über Islamismus" an. "Wenn Sie nun sagen: Sie haben Familie - ich halte Sie nicht auf. Bezahlt haben Sie ja bereits."

Es ist für die Kabarettstadt Leipzig ein Glücksfall, dass Tretter seit sieben Jahren hier lebt. Der 42-Jährige hat am Donnerstag wieder mal "Nachgetrettert" - unter dieser Überschrift blickt er stets im Dezember oder Januar aufs jeweils vergangene Jahr zurück. Und das bedeutet für sein Leipziger Publikum eben nicht nur tagesaktuelles, scharfsinniges und spitzzüngiges Polit-Kabarett. Darüber hinaus denkt Tretter auch Ereignisse vor der eigenen Haustür quer.

Sorgen bereiten ihm ja nicht allein die selbsternannten Kämpfer für einen Islamischen Staat, in deren Büchlein "Islam für Dummies" die Information fehle, dass an der ersehnten Wurzel das Alte Testament sowie ein Rabbi sitzen, der ruft: "Wer hat's erfunden?" Und deren Sendungsbewusstsein keiner höheren Wahrheit, sondern Youtube gelte: IS dechiffriert Tretter als Abkürzung für "Islamisten-Selfies". Unbehagen ruft für Tretter aber auch jene Gegenseite hervor, die sich nicht Pe-, nicht Le-, sondern Figida nennen sollte: "Fremdenfeindliche Idioten gegen die Inanspruchnahme des Asylrechts". Weil Legida am Montag durch Leipzig zieht, mache er sich angesichts des eigenen migrantischen (fränkischen) Hintergrunds so seine Gedanken.

Tretter ist ein Meister darin, sein Publikum auf eine Fährte zu locken, die er mit Pointenknall als grundfalsch entlarvt. Im Grundsatz stimme er Pegida zu, sagt er beispielsweise. Ja, das Abendland müsse man verteidigen. Nur vor wem? "Kein Bleiberecht für Amazon, Google und Facebook!", wettert er. "Wie sie die abendländische Kultur in zehn Jahren verändert haben, das schaffen alle Weltreligionen zusammen in einem Jahrhundert nicht." Auch Leipzig verwandelt sich anders als Legida zu befürchten vorgibt: "zur Hipster-Metropole". Die "Seismographen des Under­ground" wie Focus und Stuttgarter Nachrichten schreiben so etwas. Wohingegen die einstige Hype-Hauptstadt Berlin mittlerweile "auf münchnerische Art düsseldorfiger als Stuttgart" sei.

Wie jeder gute Satiriker verschont Tretter keines der Lager, die 2014 Schlagzeilen machten. Er beißt den russischen Gockel mit der Putin-Brust ebenso wie dessen Gegner und "Drachentöter" Wolf Biermann. Der hat Putin ja allen Ernstes vorgeworfen, nicht einmal fähig zu sein, "wie Hitler eine Autobahn zwischen St. Petersburg und Moskau zu bauen". Andererseits verteidigt Tretter Verkehrsminister Dobrindt genauso wie den ADAC, der dessen Maut-Konzept kritisch sieht. "Hat den tatsächlich irgendwer ADAC-Rankings für unabhängig gehalten?"

Maut-Jammerei wiederum nehme er prinzipiell nicht ernst, sagt Tretter und führt vor, dass Kabarett manchmal am besten gelingt, wenn alle Doppelbödigkeiten kurz verschwinden. Angesichts von weltweit so vielen Flüchtlingen wie nie, mehr CO2-Ausstoß als je und der Ebola-Epidemie in Westafrika sich über Straßengebühren aufzuregen, sei wie "im dritten Stock eines brennenden Hauses mit dem Hamster zu schimpfen, der die Tapete anknabbert". Wahrhaftige Satire - und 130 Minuten lang kommt absolut kein Zuschauer auf die Idee, den Mixer-Keller vorzeitig zu verlassen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 10.01.2015

Mathias Wöbking

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