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Kultur So ist die wahre Liebe – „Call Me by Your Name“
Nachrichten Kultur So ist die wahre Liebe – „Call Me by Your Name“
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15:03 28.02.2018
Sag’ Hallo zum Gast: Elio (Timothée Chalamet, l.) wird Oliver (Armie Hammer, r.) vorgestellt, der seinem Vater (Michael Stuhlbarg), einem Archäologen, über den Sommer bei der Arbeit helfen soll. Quelle: Foto: Sony
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Hannover

Es gibt diese Szene am Ende des Films, die den Betrachter wirklich im Innersten bewegt. Ein Vater redet da mit seinem Sohn. Das Gespräch kommt nicht eben erwartet, und der alternde Universitätsprofessor kleidet sein Anliegen in geschichtliche Bezüge, weil es behutsam zugehen muss und er die Worte im vertrauten Metier umso klarer setzen kann. Er zitiert Michel de Montaigne, spricht von der „besonderen Freundschaft“, die der Jurist und Philosoph im 16. Jahrhundert mit dem reformerisch gesinnten Hohen Richter Étienne de La Boétie pflegte.

Ein Blick in die unverschanzte Seele

Der Sohn, Elio, 17, akademisch gebildet, versteht in den Trauerworten aus Montaignes berühmtem Hohelied über die Freundschaft natürlich, dass der Vater ihn meint und seine „besondere Freundschaft“. Elios Freund, Oliver, ein amerikanischer Doktorand, der dem Vater bei seinen archälogischen Studien half, ist wieder zurück in den Staaten. Und die Leere hat alles ausgefüllt, wo bei ihm zuvor alles verwirrend überbordete.

Das hätte falsch geraten können, kitschig und pompös. Aber Guadagnino („A bigger Splash“) trifft exakt den richtigen Ton für das väterliche Verständnis, und für die Zuneigung zu einem Sohn, der sich in Scherben fühlt und zusammengeklebt werden muss. Guadagnino und sein Drehbuchautor, der inzwischen 90-jährige Regiekollege James Ivory („Zimmer mit Aussicht“), haben diese Passagen einfühlsam aus André Acimans Roman „Ruf mich bei deinem Namen“ ins Kino geholt. Es ist ein Blick in die unverschanzte menschliche Seele, eine wunderbare Szene in einem wunderbaren Film, der über 130 Minuten nichts anderes tut, als nuanciert von einer Romanze zu erzählen.

Nie steht das Schwulsein im Mittelpunkt

Ein Sommererwachen. Das seine Weile haben will. Erst macht sich der Junge, der den Gast bei der Ankunft vom Fenster beobachtet, lustig über den allzu selbstbewussten Oliver, für den er sein Schlafzimmer hergeben musste und mit dem er in das lombardische Städtchen geradelt ist, um ihm alles zu zeigen, der ihn aber stehen lässt, weil er alles doch lieber selbst erkundet.

Bald aber bewundert Elio die Anmut und Sicherheit des Älteren, schaut länger hin, wenn der mit Mädchen tanzt, und seine Blicke werden zart, furchtsam, ungläubig. Es dauert lange bis zu diesem ersten Close-up. Davor blickt die Kamera von Sayombhu Mukeeprom auf den Frühstückstisch, die Obstbäume, die Details eines italienischen Sommers, die freilich Bände sprechen vom Eigentlichen.

Der erste Kuss ist ein wunderschöner Moment. Es steht dabei nie die Geschichte einer schwulen Liebe im Mittelpunkt sondern die der Liebe überhaupt, ihrer Wege und Hemmnisse, ihrer Selbstverständlichkeit. Für Armie Hammer, bislang eher bekannt für Popcornkino wie „Lone Ranger“ und „Codename U.N.C.L.E.“, ist die Rolle des abwartenden Oliver der Sprung ins Charakterfach.

Das Spiel von Timothée Chalamet ist oscarreif

Der noch nahezu unbekannte Timothée Chalamet aber ist Atem beraubend, wie er allein mit seinen Blicken und seiner Körpersprache alles über die Liebe sagt. Der 21-Jährige steht auf der Oscarliste und wenn der Abspann läuft, und man dasitzt, abgebrüht von zehntausend Filmen, und doch die Augen unverhofft feucht von all dem eben Erlebten, gibt es es keinen Zweifel, wer ihn am 4. März bekommen muss.

Der „New Yorker“ nannte den Schriftsteller André Aciman einen „scharfsinnigen Grammatiker der Sehnsucht“, sein Regisseur Guadagnino entdeckt uns in der Verfilmung des Romans das Innerste der Liebe, wie sie alles andere hintanstellt und überdies das Innerste der Zuneigung, die alles versteht. Dieser Film ruft den Zuschauer bei seinem Namen und man fühlt sich mit jedem Bild angesprochen.

Der Film ist ein Geschenk für so manchen Zuschauer

Und auch wenn es natürlich die Szene mit dem reifen Pfirsich sein wird, die ihn für immer im Gedächtnis abspeichert, ist es das Gefühl, das er im Betrachter auslöst, das ihn zu einem Klassiker des Liebesfilms machen wird. Was der Vater, hervorragend gespielt von Michael Stuhlbarg, zu seinem Sohn sagt, ist ein Geschenk auch an alle Zuschauer, die diese Worte vielleicht selbst dringend gebraucht hätten, damals in ihrem Sommer.

Von Matthias Halbig / RND

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