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Kultur „Die Verlegerin“: Die Wahrheit braucht Mutige
Nachrichten Kultur „Die Verlegerin“: Die Wahrheit braucht Mutige
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15:51 22.02.2018
Strategiegespräch: Verlegerin Kay Graham (Meryl Streep) und ihr Chefredakteur Ben Bradlee (Tom Hanks) vertrauen einander. Quelle: Foto: Universal
Hannover

Eben noch hat der US-Verteidigungsminister im Regierungsflugzeug gewettert, dass sich in diesem Krieg alles zum immer Schlechteren wende. Da richten sich beim Aussteigen auf dem Rollfeld Reportermikrofone auf ihn. Und was spricht Robert McNamara lächelnd hinein? Die militärischen Fortschritte in Vietnam würden die Erwartungen bei weitem übertreffen, alles verlaufe nach Plan in Indochina.

Ein Whistleblower im Dienst der Demokratie

Einer seiner Mitarbeiter ist Augenzeuge beider Szenen. Schwer zu sagen, ob in Daniel Ellsbergs Augen eher Unglauben liegt oder doch Verachtung für McNamaras Lüge. Die Schizophrenie im Weißen Haus erträgt er jedenfalls nicht länger: Ellsberg wird Anfang der siebziger Jahre zum Whistleblower.

Nachts kopiert er geheime Regierungsdokumente über den Vietnamkrieg und bietet sie erst der „New York Times“ und dann der „Washington Post“ an. Die amerikanische Öffentlichkeit soll erfahren, dass die Verantwortlichen ihre Bürger seit Jahrzehnten belügen und betrügen.

In den bald als Pentagon Papers bekannten Veröffentlichungen ist nachzulesen: Den Eintritt in den Krieg haben gleich mehrere US-Präsidenten entgegen allen öffentlichen Beteuerungen von langer Hand geplant, das Leben von US-Soldaten wird sinnlos verheizt.

Dem Regisseur geht es um die Freiheit der Presse

So beginnt Steven Spielbergs Zeitungsdrama „Die Verlegerin“. Subtil ist dieser Auftakt nicht unbedingt, und das gilt für den Film insgesamt. An Deutlichkeit will er es offenbar nicht fehlen lassen. Ihm geht es um die Freiheit der Presse, ums Funktionieren der Demokratie und auch darum, ob amerikanische Bürger bereit sind, das Wohl ihres Landes über ihr eigenes zu stellen.

Schnell verlegt Spielberg das Geschehen in die verrauchten Redaktionsräume der „Washington Post“. Denn um die Existenz dieser Zeitung geht es ebenso: Eigentümerin Katherine Graham (Meryl Streep) und Chefredakteur Ben Bradlee (Tom Hanks) müssen entscheiden, ob sie die entlarvenden Papiere drucken.

Der Scoop der ersten Veröffentlichung daraus gebührte der Konkurrenz von der „New York Times“. Doch diese Zeitung hat Präsident Nixon zwischenzeitlich mit einem juristischen Maulkorb zum Schweigen gebracht. Jedenfalls vorläufig.

Der Film ist cauch ein Beitrag zur „MeToo“-Debatte

Was wird die Verlegerin im Blümchenkleid tun, die die „Washington Post“ nach dem Selbstmord ihres Mannes eher notgedrungen übernommen hat? Gerade hat Graham ihre Zeitung an die Börse gebracht. Die Geschäftsführung ist nicht eben begeistert, dass das Blatt in ein politisches Abenteuer mit unabsehbarem Ausgang manövriert werden soll. Die wichtigen Männern in Grahams Umgebung titulieren die Verlegerin süffisant als „reizende Frau“ - ein Beitrag zur Historie der aktuellen „MeToo“-Debatte ist dieser Film auch.

Wir wissen, wie Graham entschieden hat. Schon sehr bald wurden die Publikationen der „Post“ als ein Markstein in der Geschichte der US-Presse gefeiert. Aber dieses Wissen macht das Drama nicht weniger aufschlussreich.

Zu verdanken ist dies vor allem den beiden Hauptdarstellern - hier der knurrige Chefredakteur, der seine Zweifel mit burschikosem Verhalten zu überspielen versucht, dort die langsam an Selbstbewusstsein gewinnende Herausgeberin, die sich in einer Männerwelt behaupten muss, in der die Frauen sich nach dem Dinner von den vermeintlichen Herren der Schöpfung separieren lassen und im Salon über Mode plaudern.

Spielberg fordert ein Ende der politischen Lüge

Zu keinem Zeitpunkt aber ist man versucht zu glauben, dass sich Spielberg bei diesem Film allein von nostalgischen Gefühlen hat antreiben lassen. Gewiss, er feiert noch einmal den Prozess des Entstehens einer Zeitung, so wie dies kürzlich auch im Drama „Spotlight“ der Fall war (dessen Drehbuchautor Josh Singer sprang der jungen Kollegin Liz Hannah bei diesem Film zur Seite). Auch hier verfolgen wir noch einmal den Weg, den eine Zeitung bei ihrer Entstehung nimmt: von der präzisen Arbeit der Schriftsetzer über das Anlaufen der mächtigen Rotation bis zur Auslieferung der Zeitungsstapel in tiefer Nacht.

Der Film mag im Zeitalter des Zeitungsbleis spielen, doch sind die aktuellen Bezüge offenkundig: Der Regisseur ruft mit einem Umweg über die Vergangenheit dazu auf, der grassierenden politischen Lüge in unserer Gegenwart Einhalt zu gebieten.

Von den Pentagon Papers führt eine Linie zu den Panama Papers

Schon damals, 1971, redete sich ein Präsident in Rage über die verhasste Presse, wurde dann aber von jenen zur Strecke gebracht, die seine Lügerei aufdeckten - Spielberg legt Original-Tonbandmitschnitte Nixons über seine Bilder von einer Präsidenten-Silhouette im Weißen Haus, die am Telefon wild gestikuliert.

Von den Pentagon-Papers führt eine direkte Linie zu den Panama- und Paradise-Papers und anderen Enthüllungsgeschichten unserer Tage. Spielberg singt das Hohe Lied der unkorrumpierbaren Aufklärer.

Der Regisseur zeigt aber auch, was es dazu braucht: Verleger, für die Profitabilität und Qualität kein Widerspruch ist, Journalisten, die sich von der Nähe zur politischen Macht nicht einschläfern lassen und die auf jeden Versuch der Einschränkung der Meinungsfreiheit allergisch reagieren. Dieser Film beinhaltet einen Appell an heutige Journalisten, an diesen Tugenden festzuhalten.

An „Die Unbestechlichen“ reicht Spielbergs Film nicht heran

An den meisterlichen Vorgänger „Die Unbestechlichen“ von Alan J. Pakula über den Watergate-Skandal reicht „Die Verlegerin“ nicht heran. Dazu fehlt es Spielbergs Drama dann doch an nervöser Spannung, an Überraschungsmomenten und an Thriller-Atmosphäre. Trotzdem ist dies ein sehenswerter Film: Das US-Kino trauert darüber, wie die Wahrheit mit Füßen getreten wird. Jüngst erst kam in „The Secret Man“ der Watergate-Whistleblower und FBI-Vizechef Mark Felt zu Ehren, besser bekannt als „Deep Throat“.

Steven Spielberg scheint sich auf seinen alten Tage in einen Mahner und Warner zu verwandeln, der die Historie bemüht, wenn er das politische Gewissen seines Landes schärfen will. Schon in „München“ (2005) zeichnete er die Verhärtungen der Gesellschaft im Kampf gegen den Terror nach, in „Lincoln“ (2012) waren seine Sorge über die immer tiefer werdenden Gräben in der Gesellschaft Thema, in „Bridge of Spies“ (2015) sehnte er sich nach einem Helden, der mehr für sein Land tut als dieses für ihn. Nun hat er gleich zwei solcher Helden bei der „Washington Post“ gefunden.

Von Stefan Stosch / RND

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