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Kultur Fli-Fli-Fla-Fla-Flaschenpfand: Andreas Dorau im Leipziger Täubchenthal
Nachrichten Kultur Fli-Fli-Fla-Fla-Flaschenpfand: Andreas Dorau im Leipziger Täubchenthal
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18:27 11.05.2014
Two-Hit-Wonder mit Herman-Munster-Gedächtnis-Pony: Andreas Dorau Samstagnacht im Täubchenthal. Quelle: Christian Nitsche

Der Sänger platziert zudem einen Leitz-Ordner mit Textblättern auf einen Stuhl neben sich. Hier wird eher auf Handwerk als auf Glamour gesetzt, soll das wohl signalisieren.

Das nützt jedoch nicht viel: Sobald der bereits 1981 mit dem etwas simplen NDW-Hit "Fred vom Jupiter" berühmt und berüchtigt gewordene Dorau seine anfangs ziemlich quietschige Stimme erklingen lässt, brandet in der gut gefüllten Veranstaltungshalle schon erster Jubel auf. Es dauert nicht lange, dann wippt und tanzt und hüpft der ganze Club. Und auch der gerade 50 Jahre alt gewordene Hamburger, der immer noch ein wenig wie ein braver Junge wirkt, dem der Schalk gehörig im Nacken sitzt, groovt sich zusehends ein. Nach wenigen Stücken ist das Herman-Munster-Gedächtnis-Pony ordentlich zerzaust und das Hemd durchgeschwitzt. Mit Matthias Strzoda, der am Schlagzeug für den richtigen Rhythmus sorgt und die tiefe zweite Stimme gibt, liefert er sich ständig kleinere Wortgefechte. Tim Lorenz steuert vom Laptop aus die anderen Beats und Klangspuren bei.

Obwohl er sein neues, bereits neuntes Album "Aus der Bibliothèque" erstmals seit langem wieder mit einer echten Band - der Liga der gewöhnlichen Gentlemen, ehemals Superpunk - aufgenommen hat, bestreitet der Ur-Vater der Hamburger Schule die Tour mit dieser sparsamen Besetzung. Dorau ist zwar, wie er selbst sagt, gewissermaßen ein "Two-Hit-Wonder" geblieben - Mitte der 90er landete noch sein "Girls In Love" ausgerechnet in Frankreich in den Top Ten. Trotzdem kann er aus einem gewaltigen Fundus an gleichermaßen eingängigen und intelligenten Songs zwischen Schlager, Pop und Elektro schöpfen - und daher bewusst auf den für ihn etwas zum Fluch gewordenen "Fred vom Jupiter" verzichten.

Sehr ohrwurmartig kommt etwa das neue Stück "Flaschenpfand" daher, in dem es im Refrain heißt: "8, 15, 25 Cent, ein jeder diese Zahlen kennt. Die Kinder rufen im ganzen Land, Fli-Fli-Fla-Fla-Flaschenpfand." Doch wie so oft bei Andreas Dorau ist diese fröhlich-naive Fassade äußerst trügerisch. Handelt das Lied doch (auch) von einem älter gewordenen Revolutionär, der einsehen musste, dass das mit der Revolution nichts mehr wird, und nun seinen Lebensunterhalt mit Flaschensammeln bestreitet.

Einen ähnlich fiesen, versteckte Machtverhältnisse thematisierenden Subtext gibt es bei "Kleines Stubenmädchen". Dieses Lied stammt immerhin aus dem Jahr 1982. Das dadaeske Stück "Und das Telefon sagt Du" hat auch bereits knapp 20 Jahre auf dem Buckel. "Das Telefon macht schon lange nicht mehr Tuuuut", merkt Strzoda dazu von hinten trocken an.

Nach mehreren Zugaben und ebenso vielen Zigaretten hat sich Doraus Stimme dann fast in ein Krächzen verwandelt. Obwohl das die immer noch begeisterten Besucher so gar nicht zu stören scheint, klappt er nach knapp 90 Minuten energisch den Leitz-Ordner zu. Der Maestro hat fertig.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 12.05.2014

Frank Schubert

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