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Flucht aus der Mitte: Katja Oskamps neuer Roman "Hellersdorfer Perle"

Flucht aus der Mitte: Katja Oskamps neuer Roman "Hellersdorfer Perle"

Karl ist tot. Er war eine große Leidenschaft in Katja Oskamps Debüt, der Prosasammlung "Halbschwimmer" (2004). Er war eine verflossene Liebe in ihrem ersten Roman "Die Staubfängerin" (2007, ausgezeichnet mit dem Anna-Seghers-Preis).

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Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Nun ist Karl nur noch Erinnerung für die Heldin in Oskamps neuen Roman "Hellersdorfer Perle", der am Montag erscheint. Die 1970 in Leipzig geborene Autorin, aufgewachsen in Berlin, schreibt auch diesmal mit herzlichem Humor vom Ausbruch aus dem Beziehungsalltag.

Dieser Mann bleibt namenlos. Wäre er austauschbar? Nicht für die Ich-Erzählerin, die von ihrem Vater Katinka genannt wurde. Sie lebt mit Tochter Paula und Kindsvater Micha in Berlin Weißensee, "im Zentrum des Zeitgeistes. In der Mitte der Stadt. Dort, wo man sich ab dreißig Kaffeeautomaten und Nudelmaschinen leistete". Dieser Mann aber, deutlich älter, lässt die Mitte aus, er macht einen Bogen um alles Durchschnittliche, ist niemals im Konsens anzutreffen, nie im Kompromiss, sondern immer im Extrem.

In den Nächten ist er Stammgast in der "Hellersdorfer Perle", einer Kaschemme im Plattenbauviertel am Stadtrand, in der drei beinlose Rollstuhlfahrer Skat spielen und eine verwitwete Omi vor ihrem Bier ausharrt. Hinter dem Tresen steht Ingeborg, sichtlich gealtert auf Alfis Achterbahn in Neukölln. Sie hat ein Glasauge, falsche Zähne und ein reines Herz. Auf einem der Barhocker sitzt also dieser Mann und sagt nicht viel, scheint aber alles zu wissen über die geheimen Wünsche der Frauen. Immer wieder füttern die Gäste die Jukebox für "Je t'aime", der rituelle Tanz dazu verschmilzt "zu etwas zwischen Demut und Ratlosigkeit."

Hier, in der Hellersdorfer Perle, strandet Katinka, als sie eines Abends - damit beginnt der Roman - zu Hause auszieht, angeödet von ihrem Mann, ihrer Wohnung, ihrem Leben. Es gießt in Strömen. Drinnen ist es warm. Sie wird wiederkehren. Immer wieder. Dabei klingt ihr Leben nach Familienglück: die Ostsee-Urlaube zu dritt, das gemeinsame Lachen, die Harmonie, die sie mit Selbstauslöser auf Fotos konservieren. Sie erleben glückliche Momente, die vor Neid erröten lassen. Micha arbeitet als Theaterkritiker, sie, eigentlich Dramaturgin, als freischaffende Korrektorin. Doch eigentlich besteht Michas Lebensleistung nur darin, bei der Paulas Geburt dabei gewesen zu sein.

Seither ist er die zweite Mutter im Haus, spielt eine Rolle, mit der er sich einerseits abgrenzt gegen die Generation seiner Eltern und andererseits aufgeht in der gesichtslosen Masse seiner Altersgenossen. "Entweder waren die Männer noch nie im Kreißsaal oder noch nie im Puff." (Wie anders war doch Karl gewesen, der Schauspieler: "Auf der Bühne stand er wie eine Pfeiler, in der Kantine saß er wie ein Fels." Bevor der Alkohol ihm die Kraft nahm. Vorbei.) Es dauert acht Jahre, bis Entfremdung deutlich, bis klar wird, dass Micha nicht aus der Reserve zu locken ist - weil er gar keine Reserve hat.

Diese ungleiche Partnerschaft spiegelt sich im befreundeten Schauspieler-Paar Tina und Peter mit Sohn Johnny. Peter trickst die Ämter aus und gibt den Hausmann, Tina spielt eine vom Leben gebeutelte Flamenco-Lehrerin in einer Vorabendserie. Ihre zweckdienliche Blindheit gegenüber Katinkas Anspruch an sich und das Leben gipfelt im wiederkehrenden Seufzer, eine Beziehung sei eben Arbeit und das Allerwichtigste, dass die Dinge in Bewegung bleiben. Doch welche Bewegung? Peter und Micha sind die großen Geschwister ihrer Kinder, die Angst vor Erwachsenen haben. Ein Arrangement, das so lange funktioniert, so lange sie unter sich bleiben. Das ist kein Problem im Berlin des 21. Jahrhunderts. Die Freundinnen aus Schultagen führen Küchengespräche, die den Dialogen einer Vorabendserie gleichen. Oskamp seziert die Schwächen ihrer Figuren mit liebevoller Komik - sticht ins Zentrum der Defizite.

Die Mittdreißiger sind am Ende ihrer Wünsche. "Keine Kraft, kein Mut, keine Ahnung". Vielleicht ein Wochenendhäuschen? Vielleicht ein zweites Kind? Noch kann sich die Erzählerin von dieser gesellschaftliche Vereinbarung nicht befreien. Die Angst vor Veränderung, Angst vor Entscheidungen hält sie beim wortarmen Micha. "Erstaunt stellte ich fest, dass ein Dasein fast ohne Worte durchaus lebbar war." Sie macht es sich zur Aufgabe, die Stille zu hüten. Der Mann in der "Perle" stellt sie vor andere Aufgaben, prüft sie, und so entwickeln sich die Begegnungen zu einer Droge, einer sexuellen Obsession. "Jede Sexualität", sagt sie, "ist pervers. Oder es ist keine. Im Bett gibt es nur oben oder unten! Die Mitte existiert nicht."

Katinka pendelt zwischen Versuchung, Nachgeben, Reue. Und wieder Versuchung. Und sie selbst wird das Pendel. Nicht die Dinge bewegen sich, sie bewegt sich in den Dingen. "Micha tat mir leid, wenn er stumpf, müde und ratlos die gewohnten Bahnen durch seine Tage zog. Manchmal jedoch empfand ich die Passivität als unerhört, als hochnäsig. Er schien sich dem Mann gegenüber im Vorteil zu fühlen." Sie muss sich entscheiden; Mutti oder Hure, Tag oder Nacht. Welche Zukunft passt zu ihr? "Ein Kind verpflichtet dich nicht, das falsche Leben zu führen", sagt der Mann. Sie aber verhalte sich wie eine Touristen, die in der "Perle" Urlaub macht: "Sie suchen irgendein Gegenteil." Vor eine Entscheidung gestellt, merkt auch sie, dass die Mitte keine Fenster hat.

Oskamp erzählt mit souveräner Leichtigkeit. Die DDR-Vergangenheit fließt in Rückblenden, so wie jeder eben eine Kindheit hatte, die geprägt war und die prägt. Jede Wendung ist schlüssig, jede Geste stimmt. Alles scheint folgerichtig - und ist doch überraschend in dem Moment, da es eintritt.

Katja Oskamp: Hellersdorfer Perle. Roman. Eichborn Verlag; 219 Seiten,18,95 Euro

Im Buchmesse-Magazin "Lesen", das am 17. März der Leipziger Volkszeitung beiliegt, finden Sie Rezensionen, Porträts sowie ein Interview mit Katja Oskamp. Während der Leipziger Buchmesse liest sie: am 19. März (22 Uhr) in Bührnheims Literatursalon (Mozartstr. 8); 20. März (15 Uhr), Figaro Lesecafé (Messegelände) und 20 Uhr in der Moritzbastei (Universitätsstr. 9).

Zum Buchmesse-Special: leipziger-buchmesse.lvz-online.de

Janina Fleischer

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