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Kultur Fortpflanzung in den Zeiten der Effizienz: „Der Minusmensch“ in der Diskothek
Nachrichten Kultur Fortpflanzung in den Zeiten der Effizienz: „Der Minusmensch“ in der Diskothek
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17:42 03.10.2016
Visuelle Spiele im Utopien-Raum: „Der Minusmensch“ in der Schauspiel-Diskothek. Quelle: Rolf Arnold
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Leipzig

Ein Eisbär, eine Finanzexpertin mit Kinderwunsch, ein Reproduktionsmediziner- und der alte Hit von Grauzone „Ich möchte ein Eisbär sein“, neu aufbereitet in einer Weiß-in-Weiß-Zone der unbefleckten Empfängnis, die hier der Utopie-Raum ist, das Spielwiesenlabor auf flauschigem Teppich, in dem jetzt mit „Der Minusmensch“ der Frage nachgegangen wird, was das heißen könnte, wenn Kinderwunsch und Geschäftsmodell endgültig eins werden. Am Sonntag hatte das Stück (Regie: Steffen Klewar, Text: Till Müller- Klug, Bühne: Silke Bauer) als Uraufführung in der Diskothek Premiere.

Weil der Markt alles reguliert, reguliert er auch die Fortpflanzung. Nur funktioniert die dann eben auch nach den Gesetzen der Optimierung. Schwitziges, animalisches Rumkopulieren war gestern, weil: echt nicht optimal. Die Liebe in den Zeiten der Eizellenkühltanks bevorzugt Effizienz.

Das unterhaltsam Unbehagliche an „Der Minusmensch“ nun, rührt dabei weniger aus derlei unbehaglichen Gedankenspielen, sondern aus einem Fakt, der im Stück eher als Nebenwirkung aufscheint: dass hier Frau und Mann tatsächlich schon jenseits sexueller Stimulans zu existieren scheinen. Auch das Lustprinzip ist auf Eis gelegt. Was das bedeutet, inklusive der bösen Risse in der gefühlskalten Fassade, zeigen dann Sophie Hottinger und Michael Pempelforth, die als Finanzexpertin und Arzt ein geschäftliches Agreement pflegen, das eine echte Win-Win-Situation ist: Sie kümmert sich um die Kapitaloptimierung der Arztpraxis, er sich um ihre Gebärmutter. Nur, dass da noch ein Assistent (Brian Völkner) ist, der gespenstische Zwiesprache mit den befruchteten Eizellen im Kühltank hält.

Was seinen dunklen Witz hat – der mit dem Auftritt eines „Chors der Minuskinder“ einen perfide emotionalen Twist erfährt, der zu jenen gelungenen Momenten dieses Stückes gehört, die nur um so deutlicher darauf verweisen, was an diesem misslungen ist. Das Problem ist nämlich wieder mal, dass zu viele Möglichkeiten einer echten dramatischen Verdichtung verschenkt werden, zugunsten einer zunehmend bemüht wirkenden Rundumreflektion. Social Egg Freezing, Leihmutterschaft, Familienkonzepte und Reproduktionsmedizin, Kapitalismuskritik und Wissenschaftsskepsis – es blubbert einiges an „gesellschaftlicher Relevanz“ im theatralen Reagenzglas. Etwas mehr Konzentration auf so analoges Zeug wie zwischenmenschliche Nuancen, emotionale Fallhöhe, dramaturgische Straffung auch im satirischen Feinschliff, wäre dennoch schön gewesen.

Wieder am 12., 29.10; 3., 20.11 (jeweils 20 Uhr, Diskothek), Kartentel. 0341 1268168

Von Steffen Georgi

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