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Kultur Fotofestival f/stop befasst sich mit dem Jahr 1990 und den Folgen
Nachrichten Kultur Fotofestival f/stop befasst sich mit dem Jahr 1990 und den Folgen
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16:41 14.05.2018
Die Revolutionäre wirken müde. 1990 fotografierte Andreas Rost die beiden Demonstranten auf dem Leipziger Augustusplatz. Damals studierte er an der HGB. Quelle: Andreas Rost
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Leipzig

Sie sehen müde aus, die Revolutionäre. Im Vorjahr haben sie ein System zum Einsturz gebracht, jetzt hat sie das neue ausstaffiert – mit Batman-Kappe, Deutschland-Fahnen, CDU-Tüte. Da kommt einiges zusammen bei den beiden Demonstranten, die der Fotograf Andreas Rost auf dem Leipziger Augustusplatz abgelichtet hat. Irgendwann 1990 hat er das gemacht, in jenem Jahr, in dem zusammenwachsen sollte, was zusammengehörte – es aber bis heute nicht so richtig ist.

Es ist ein seltsames Jahr – mit Hoffnungen, Ängsten, Versprechungen und Kränkungen. Liegt in diesem politisch-hektischen, in der Erinnerung bewegungs-unscharfen Vereinigungsjahr vielleicht der Hund begraben? Lässt sich hier einer der Ursprünge finden für die irritierenden Eruptionen der vergangenen Jahre? Wie kommt man aus der Spirale aus Schweigen, Wut und Sündenbocksuche heraus – und ins Gespräch? Und welche Rolle kann dabei das Medium Fotografie spielen? Fragen, die bei der 8. Auflage des Leipziger Foto-Festivals f/stop gestellt werden. Vom 23. Juni bis zum 1. Juli findet es an mehreren Orten in der Stadt unter dem Titel „Zerrissene Gesellschaft“ statt.

Während es in der Hauptausstellung in der Werkschauhalle 12 in der Spinnerei um fotografische Langzeitbeobachtungen geht, nimmt ein Bild-Text-Display als „f/stop in situ“ auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz eben jenes 1990 in den Blick. Es wird bereits am 19. Juni eröffnet.

Fixierung auf die Gegenwart reicht nicht aus

„Das letzte f/stop-Festival beschäftigte sich stark mit der Frage, wie Nachrichtenbilder unsere Erfahrung prägen, wie wir mit Bildern leben und sie immer wieder in unseren Alltag hineinpurzeln. Aber um die Komplexität der Welt zu verstehen, reicht die Fixierung auf die Gegenwart überhaupt nicht aus. Man braucht ein anderes Verständnis von Zeitlichkeit – man muss nicht nur die Dinge im Blick haben, die sich gerade ereignen, sondern auch die, die zurückliegen und heute ihre Auswirkungen haben“, erklärt der 1972 in Bautzen geboren Jan Wenzel. Er kuratiert f/stop gemeinsam mit Anne König, mit ihr und Markus Dreßen betreibt er auch den jüngst ausgezeichneten Verlag Spector Books.

Bestimmte Konflikte zwischen dem Westen und Russland werde man nicht verstehen, wenn man nicht noch mal schaut, wie es Anfang der 90er Jahre gewesen ist, was damals die wechselseitigen Erwartungen waren, erklärt Wenzel und deutet damit an, dass auch (ost)deutsche Befindlichkeiten in dieser Zeit ihre emotionale Grundierung erfahren haben könnten.

Eine Frage, die sich die Kuratoren stellten: Wie kann man Fotografie nutzen? „Fotografien konfrontieren einen anders mit der Vergangenheit als die Erinnerung, die ja immer wieder überschrieben werden kann.“ Die Fotografie sei dagegen ein festes Speichermedium. Wenzel: „Wir wollen mit ihrer Hilfe eine Diskussion beginnen: Wie war das Jahr, welche Hoffungen haben sich erfüllt, welche nicht? Und wie geht eine Gesellschaft damit um?“

Einen Schwerpunkt der Schau auf dem Leuschner-Platz bilden die Arbeiten von Andreas Rost, der 1989 an der HGB studierte, im Winter 89/90 als studentischer Vertreter am Runden Tisch in Leipzig war und 1990 in Leipzig und Berlin viel fotografierte. „Interessanterweise gab es auch bei ihm ein Phänomen, das uns jetzt öfter begegnet ist: Einerseits fotografierte er 1990 wie eine visuelle Mitschrift – aber eigentlich konnte er es gar nicht für sich, für sein Werk gebrauchen. Er hatte es erstmal abgelegt“, erzählt Jan Wenzel. Erst jetzt würden manche Fotografen ihre Schubladen aufziehen, sich dafür interessieren, was sie da eigentlich aufgenommen haben.

Eigenartig verrutschtes nationales Pathos

Auslöser für die Zusammenarbeit mit dem 1966 in Weimar geborenen Rost sei eine Arbeit gewesen, die im kommenden Jahr im Dieselkraftwerk in Cottbus gezeigt wird. Rost hatte am 3. Oktober 1990 bei einem Volksfest am Reichstag fotografiert. Auf den Bildern, so Wenzel sei neben karnevalistischer Fröhlichkeit auch ein „eigenartiges verrutschtes nationales Pathos“ zu erkennen. „Als ich sie das erste Mal gesehen habe, dachte ich, das ist ja das, was ich aus den letzten zwei, drei Jahren kenne – aber das ist ja da auch schon genauso da, warum hat man das vergessen?“ Es sei wie eine Grabung, sich in dieses Jahr zurückzubewegen.

Beteiligt an dem Display ist auch die Künstlerin Elske Rosenfeld, die sich intensiv mit der Geschichte des Runden Tisches und der daraus entwickelten Diskussion einer neuen Verfassung beschäftigt hat. Ein weiteres hochinteressantes Fundstück – ebenfalls in der Schau zu sehen – stammt von Christian Borchert, einem wichtiger Fotografen der DDR, der bereits im Jahr 2000 gestorben ist. „Neben seiner Fotografie hatte er ein System von Karteikarten, mit dem er wie in einem Tagebuch alltägliche Beobachtungen notiert hat. Und diese Texte funktionieren eigentlich wie Fotografien, weil sie Beobachtungen aus dem Augenblick heraus sind. Er schreibt auf, was ihm auffällt – wenn sich Leute plötzlich andere bewegen, wenn sich in den Läden etwas ändert. Sein Blick ist fotografisch, die Beobachtungen kommen aus der Zeit heraus.“ Aus diesem 1990.

f/stop vom 23. Juni–1. Juli an mehreren Orten in Leipzig, unter anderem in der Baumwollspinnerei (Halle 12); Eröffnung am 22. Juni; das Bild-Text-Display zu 1990 wird bereits ab 19. Juni auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz gezeigt

Von Jürgen Kleindienst

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