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Fotografie-Festival „f/Stopp“ beginnt in Leipzig – sechste Ausgabe mit Hauptthema "Glück"

Fotografie-Festival „f/Stopp“ beginnt in Leipzig – sechste Ausgabe mit Hauptthema "Glück"

Es gibt viel zu sehen beim 6. Leipziger "f/stop"-Festival, auch wenn nicht jedes Exponat ein Lichtbild ist. Fünf Kernausstellungen, neun Satelliten, sieben Komplizen - quantitativ hat das Fotofestival nach der Wiedererweckung vor zwei Jahren auf jeden Fall zugelegt.

Leipzig. Auch organisatorisch und inhaltlich ist es trotz anhaltend schmalem Budgets zum Ereignis von überregionaler Ausstrahlung gereift.

Alles Wurst - Nase, Augen, Hörner. Mit schnöder Bockwurst hat Beni Bischof die Journalseite umgestaltet, die ein Model im Geisha-Look zeigt. Gleichermaßen respektlos geht mit anderen Medienfundstücken um. Dass es manchmal sein Finger ist, der statt der Metzgerware das Bild durchbohrt, eine schöne Nase ersetzend, ist dann schon Wurst. Gerade die Hochglanzmagazine sind es, so wie ihre Pendants im Fernsehn, die unermüdlich Blaupausen angeblich glücklicher Lebensentwürfe liefern und zugleich ihre Konsumenten gnadenlos auffordern: Werde Glücklich! Versager verderben ebenso wie Aussteiger das Bruttoinlandsprodukt.

Nicht ganz so sarkastisch, auch nicht so anarchisch nähern sich die anderen Künstler, die Christin Krause und Thilo Scheffler für die von ihnen kuratierte Themenausstellung in der Werkschauhalle ausgewählt haben. Kritischer Abstand zur Tyrannei des Endorphinausstoßes ist aber auch ihnen anzumerken. "Sechzig Minuten Lächeln" heißt das Video von Anna Witt. Genau so lange halten Frauen und Männer in schwarzen Business-Kostümen ihr umsatzförderndstes Lächeln in die Kamera. Das genaue Gegenteil sind die Aufnahmen deprimierter Menschen, die David Horvitz aus den Datenbanken kommerzieller Bilderverkäufer herausgesucht hat. Viel zufriedener schauen aber auch die drängelnden, verbissenen Schnäppchenjäger bei der Eröffnung eines Elektronikmarktes nicht aus, die Julian Röder beobachtet hat.

Dass Krause und Scheffler als Organisatoren-Duo des Festivals das Thema trotz der silberglitzernden Einladungskarte nicht als unreflektierte Aufforderung sehen, wird deutlich. Im Kontrast dazu scheint die Schau f/stop Print zu stehen, kuratiert von Mario Lombardo, einem Berliner Profi der Medienbranche. Keine Bücher stehen wie beim vorigem Mal in diesem Teilbereich im Mittelpunkt, sondern Zeitschriften. Eine Fotografin, drei Fotografen hat Lombardo ausgesucht, die für große Journale arbeiten. Abgesehen vom zwangsläufig kommerziellen Charakter dieser Printprodukte sieht Lombardo den Drang zum Glück auch nicht negativ, eher als Antrieb, Grenzen auszutesten. Seine Auserwählten tun dies auf differenzierte Weise. Hanna Putz ziemlich weiblich, fast scheu. Jonas Unger mit eigenwilligen Porträts von Berühmtheiten wie Depardieu oder Barenboim. Daniel Sannwald mit extensiver Computerarbeit. Daniel Josefsohn mit verfremdeten Vorlagen wie Helmut Newtons großen Damen.

Wie die Print-Abteilung ist auch die Präsentation von Akademien zum Standard des Festivals geworden. Neben der HGB als Platzhirsch, vertreten durch die Klasse Peter Pillers, sind diesmal die KfM Köln und die Kunsthochschule Düsseldorf mit studentischen Projekten dabei. Analog zu 2012 wird gerade hier deutlich, dass Fotografie als Medium unter vielen begriffen wird, kombinierbar mit Performance und Installation, Film und Poesie. Doch es gibt auch klassische Reportagen wie die zumindest für den Betrachter gar nicht so glücksverheißende Bildserie von Joscha Steffens, entstanden in einem amerikanischen Park für schießwütige Zombiejäger. Die HGB ist in ihrem Jahr des 250. Geburtstag ein weiteres Mal präsent. Warum für den Insert genannten Teil aber mit Roe Ethridge ein US-Fotograf ausgewählt wurde, der vermutlich nie in Leipzig war, bleibt eines der Geheimnisse dieses Jubiläumsprogramms.

F/stop 2014 zeigt Konstanten und Veränderungen gegenüber der ersten Auflage nach dem Neustart vor zwei Jahren. Geblieben ist die sehr weite Auffassung von Fotografie, ihr Verschmelzen mit anderen Gattungen, ebenso das Benutzen fremder Vorlagen zum Zwecke des Archivierens, Sortierens, Umgestaltens, Collagierens. Doch dabei wird mehr emotionale Einfühlung zugelassen, punktuell sogar visuelle Üppigkeit. Das dies nicht zur intellektuellen Verflachung führen muss, können Christin Krause und Thilo Scheffler überzeugend darstellen.

Auffällig ist zudem die Ausweitung des Festivals auf eine Vielzahl von Galerien nicht allein in der Spinnerei. Das spricht für die Attraktivität des Projektes. Das Potenzial ist vorhanden, zur festen Adresse für Fotografiebegeisterte in internationalem Maßstab zu werden. Eigentlich angemessen für die Stadt mit der ältesten Fotografenausbildung auf akademischen Niveau. So sehr der Einsatz von rund 100 freiwilligen Helfern auch zu würdigen ist, gehört zum weiteren Reifen des Festivals aber auch eine etwas gediegenere finanzielle Ausstattung, für die der Trägerverein nicht allein sorgen kann. Das Glück braucht Paten.

f/stop - 6. Festival für Fotografie Leipzig "Get lucky!"; Spinnerei und Satelliten, bis 15. Juni, 10-20 Uhr, Programm unter www.f-stop-leipzig.de

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 07.06.2014

Kassner, Jens

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