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Frau Luna in der Musikalischen Komödie Slapstick mit Straffungsbedarf

Frau Luna in der Musikalischen Komödie Slapstick mit Straffungsbedarf

Einmal, ganz kurz nur, darf Andreas Rainer statt der Ulanen-Haube einen Tirolerhut mit Gamsbart tragen - und nach Herzenslust wienern. Eine Wohltat wohl für ihn.

- und nach Herzenslust wienern. Eine Wohltat wohl für ihn. Denn dass er, der Wiener, ansonsten als visionärer Mechaniker Fritz Steppke fortwährend berlinern muss in dieser Berliner Operette um den Mondflug-Traum eines Berliners, ist eine hörbare Zumutung für ihn und fürs Publikum.

Rainer muss viel berlinern, weil überhaupt viel gequatscht wird in Dominik Wilgenbus' Inszenierung der Mutter aller Berliner Operetten. Und hier liegt das grundsätzliche Problem der Inszenierung: Wilgenbus, der zuvor eine "tolle Show" angekündigt hatte, eine Revue, die Heinz Bolten-Baeckers einfältige bis schwachsinnige Handlung nur als Vorwand nutzt für Ausstattung, Tanz und Gags, lässt sehr ausführlich dialogisieren und pantomimisieren, findet keinen szenischen Rhythmus, macht die beiden Akte erstaunlich langatmig.

Daran ändern auch die zum Teil hinreißend abseitigen Einfälle nicht, die das Geschehen auf dem überdimensionierte Küchentisch (Bühne: Udo Vollmer) vom Rand her würzen. Da beißt sich ein Hasen-Luftballon am Choristen-Oberschenkel fest, fliegt Steppkes Mondfahrt-Bügeleisen über die Köpfe des MuKo-Publikums. Doch so oft auch herzerfrischend anarchisch der Trash durchs Bild läuft: Das Zentrum bleibt in den nostalgisch-unansehnlichen Revue-Kostümen Andrea Fissers kreuzbrav, dem Slapstick fehlt das Tempo. Und die Darsteller bleiben, wenn sie nicht gerade von Mirko Mahr choreographiert werden, offenkundig weitgehend auf sich gestellt.

Was sie sehr unterschiedlich mit Leben zu füllen verstehen. Andreas Rainer gelangt nicht zur gewohnten szenischen Geschmeidigkeit, weil die Phonetik schwer ihm im Magen liegt. Grandios dagegen ist erneut das komische Talent Patrick Rohbachs als Mond-Faktotum Theophil. Als ungelenk staksiger Theo-Lingen-Wiedergänger albert er sich durch seine omnipräsente Partie, beherrscht den irritierten Dackelblick so souverän wie die ironisch gebrochene große Pose, den eleganten Tanzschritt wie das unbeholfene Eiern, und ihn hört man gern auch sprechen. Was sich ansonsten uneingeschränkt nur von Folker Herterich als Pannecke, der sich einen feuchten Kehricht schert ums hauptstädtische Idiom, behaupten lässt und von Anne Kathrin-Fischer als Mathilde Pusebach, die es ziemlich überzeugend drauf hat.

Ruth Ingeborg Ohlmann präsentiert in ihrer letzten MuKo-Rolle (mit dem Ende der Spielzeit verlässt sie das Ensemble) die ganz große Stummfilm-Diven-Geste. Majestätisch kokett bündelt die Grande Dame des Hauses Dreilinden noch einmal ihre Bühnenpräsenz - und es ist schade, dass sie dies in dieser eher halbseidenen Partie tun muss, die auch ihrem kraftvollen warmen Sopran nur wenig Entfaltungsraum lässt. Aber wie sie da in sinnlicher Fülle davon berichtet, was geschieht "Wenn die Sonne schlafen geht", das entwickelt Charme und Grandezza.

Wie überhaupt die musikalische dieser Mondreise erfreulich blank poliert funkelt. In "Frau Luna" hat Paul Lincke seine besten musikalischen Einfälle versammelt. Viele sind es nicht: Das herrliche Walzer-Lied "Schlösser, die im Monde liegen" etwa, wunderbar naiv gesungen von Mirjam Neururer als Fitz Steppkes irdische Angebetete Marie - und dann immer wieder. Ein melancholische Fremdkörper in dieser Operette, die sonst eher auf preußischen Schmiss setzt als auf Herzenswärme. Aber dieser Schmiss ist gut aufgehoben in den zahlreichen Kehlen des MuKo-Personals, bei Radoslaw Rydlewski, dessen tenoraler Schmelz allerdings beim Prinzen Sternschnuppe kaum zum Tragen kommt. Bei Rainer natürlich, beim auch stimmlich glänzenden Haushofmeister Theophil Patrick Rohbecks, bei der schnippischen Stella Angela Mehlings, der bezaubernden Venus Jana-Maria Eberhardts, beim kampfreimenden Schneider Lämmermeier Fabian Eglis, nicht zuletzt bei Chor und Extrachor der musikalischen Komödie.

Für Stefan Diederich, den musikalischen Oberleiter des Hauses, steckt offenkundig dennoch zu wenig Musik in dieser Partitur, die er souverän tiefenentspannt aus dem bestens aufgelegten MuKo-Orchester herausholt. Drum flicht er noch den Militärmarsch aus dem Finale von Beethovens Neunter ein und das satt ausmusizierte Thema der Prinzessin Leia aus John Williams' Star-Wars-Musik, wozu Mirko Mahrs Ballett ästhetisch eher als dramaturgisch überzeugend tanzt. Wilgenbus lässt sein Personal noch fortwährend die Raumschiff-Enterprise-Musik trällern, was eine wirklich witzige Idee ist.

So sind die meisten im Saal dann doch zufrieden mit dieser letzten MuKo-Produktion der Saison, die dringend der Straffung bedarf.

Vorstellungen: 8., 9., 11., 22., 23., 25.6., 6., 7., 10., 12.7.; Karten und Infos unter Tel. 0341 1261261; www.oper-leipzig.de

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 03.06.2013

Peter Korfmacher

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