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Freiheiten und Frechheiten - Poetik-Vorlesung in Leipzig

Freiheiten und Frechheiten - Poetik-Vorlesung in Leipzig

Dea Loher lässt sich gern verwirren. "Das ist abgefahren", sagt sie. Drei Mal. Schaut auf und strahlt. Da spricht sie über César Airas Roman "Gespenster", eines von leider nur sechs Büchern des Argentiniers, die auf Deutsch erschienen sind.

Leipzig. Geschrieben hat er mehr als 30. Bei der achten Leipziger Poetikvorlesung, wie immer am Reformationstag im Festsaal des Alten Rathaus, spricht die 1964 in Traunstein geborene Dramatikerin und Schriftstellerin über "Gespenster" und über Katarina Schröters Dokumentarfilm "The Visitor".

Loher liebt die Irritation. In ihren eigenen Werken wie in den beiden, die sie unter dem Titel "Andere Wege, neue Räume" vorstellt, die für sie in kurzer Zeit sehr wichtig wurden. Sie ist begeistert und belustigt von erzählerischen Freiheiten und Frechheiten. Was sie fasziniert, ist das Gewagte, nicht Vorhersehbare, sind Versuchsanordnungen.

Wie das Experiment von Filmemacherin Katarina Schröter, die sich in Mumbai, Shanghai oder São Paulo zufällig zu wildfremden Menschen gesellt und ihnen nicht mehr von der Seite weicht. So begleitet sie einen obdachlosen Taxifahrer Tag und Nacht, schläft auch mit in dessen Wagen. Stets begleitet von einer Kamera. Einer jungen Chinesin gefällt das Spiel mit Identitäten, sie nimmt es als eine Art Kunstprojekt an und versucht, die Besucherin sich anzuverwandeln, eine Doppelgängerin von sich zu erschaffen.

Das gehört für Dea Loher zu den "Grundsehnsüchten": die Neugier auf ein unbekanntes Leben, der Wunsch, sich in einem anderen Leben aufzuhalten. Zudem sei dieser Film eine Studie über Sprache, drüber, wie man sich eine unbekannte Welt zu erschließen versucht. Denn Schröter spricht kein Wort, versteht kein Wort und verständigt sich doch. Mimik und Gestik. Die Form eröffnet die Möglichkeiten, sagt Loher. "Es ist ein Film. Es ist kein Film."

Und die Wirklichkeit ist nicht so, wie wir sie vorzufinden glauben. Da ist die Verbindung zu César Airas Roman "Gespenster", neben den bewusst als Stilmittel eingesetzten Brüchen und Inkongruenzen. "Warum muss Literatur plausibel sein?", fragt Loher. "Ausgerechnet!" Aira "macht die Wirklichkeit unmöglich, aber in einem poetologischen Sinn". Weil er sich nicht an die Regeln des Erzählens hält. Er "baut unsere Sicht auf den Text, unsere Sicht auf die Welt auseinander. Das Zusammenbauen wird ganz dem Leser überlassen." Einem handelnden Leser also.

Loher findet diese Vorgehensweise so "unglaublich raffiniert", weil sie dazu bringt, über "unseren Gebrauch der Sprache nachzudenken". Airas Buch ignoriert nämlich die "Gesetzmäßigkeiten einer Schreibweise, die wir gewöhnt sind". Und um "Schreibweisen der Gegenwart" geht es in jeder der Poetikvorlesungen, ging es bei Herta Müller, Harry Rowohlt oder Herbert Grönemeyer.

Über ihre eigenen seit 1991 entstandenen Stücke, für die sie zahlreiche Auszeichnungen erhielt, spricht Dea Loher an diesem Abend nicht. Auch nicht über ihren Debütroman "Bugatti taucht auf" (2012). Das übernimmt Josef Haslinger. Nicht als PEN-Präsident, sondern als Direktor des Deutschen Literaturinstituts, das die Poetikvorlesungen gemeinsam mit der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen ausrichtet.

Es gibt einen "großen Erlösungsbedarf" in Lohers Stücken, sagt er, "aber es gibt keine Erlösung". Haslinger bezieht sich auf "Olgas Raum" und "Leviathan", in denen die Dramatikerin Lebensgeschichten erzählt, "um sie auszuloten". Ihre Figuren sind in Machtkonstellationen gefangen. Haslinger verweist auf den poetischen Charakter dieser Bühnensprache, die eine verwundete ist, die nicht vorgibt, einem sozialen Milieu abgelauscht zu sein. Diese Stücke "gehen uns etwas an", sagt er, "sie gehen uns nach, sie lassen uns nicht entkommen."

Sie sei jetzt ganz verwirrt, sagt eine Besucherin beim Hinausgehen. Das dürfte Dea Loher gefallen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 03.11.2014

Janina Fleischer

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