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Kultur Freude, Demut, Bescheidenheit
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00:16 23.08.2016
Oberbürgermeister Burkhard Jung mit dem gleichermaßen frischgebackenen wie altgedienten Thomaskantor Gotthold Schwarz und den Thomanern. Quelle: Wolfgang Zeyen
Leipzig

„Wo ist ein so herrlich Volk, zu dem Götter also nahe sich tun, als der Herr, unser Gott, so oft wir ihn anrufen“, zitiert Gotthold Schwarz in seiner Dankrede den Text des dritten der Fest- und Gedenksprüche von Johannes Brahms. Bei diesen Zeilen aus dem fünften Buch Mose bricht dem frischgebackenen Thomaskantor kurz die Stimme weg. Einen Moment ringt er um Fassung, murmelt ein heiseres „Entschuldigung“ – und findet sofort zurück zu seinen Ausführungen, die in klaren und unprätenziösen Worten von Verantwortung handeln, von der Zuneigung zu seinen Thomanern, von großen Aufgaben im Dienste Gottes und der Musik – und mit keiner Silbe von sich selbst.

Darum wohl ist ihm, der Bescheidenheit nicht als Attitüde vor sich herträgt, sondern lebt, dieser Samstagvormittag im Festsaal des Alten Rathauses nicht ganz geheuer. Denn hier dreht sich alles nur um ihn, den 64-jährigen Thomaskantor, der dieses Amt seit Jahrzehnten immer wieder ausfüllte, vertretungsweise erst, dann interimistisch, und der nun endlich angekommen ist als der auch ganz offizielle 17. Nachfolger Johann Sebastian Bachs.

Es gibt in der Welt der musica sacra kein glanzvolleres Amt. Aber Schwarz stellt dennoch nicht die eigene Würde in den Vordergrund, sondern reicht mit weit ausladender Geste den warm aufbrausenden Applaus der Festgesellschaft immer wieder nach hinten weiter, wo die Thomaner stehen, seine Thomaner, die unter der Leitung seines Assistenten Titus Heidemann und des Ersten Präfekten Konrad Schöbel den Akt musikalisch rahmen. Mit Brahms und, natürlich, mit Bach. Schwarz dankt also herzlich für das Vertrauen und verspricht, „die Arbeit mit großer Freude mit großem Engagement, der gebotenen Demut und Bescheidenheit fortzuführen“.

In diesen Worten liegt wohl der Schlüssel zu seinem Amtsverständnis: In der Demut und Bescheidenheit, mit denen er sein Engagement nicht der eigenen Person widmet und ihrem Fortkommen – warum auch, schließlich hat er als Sänger und Dirigent bereits in aller Welt auch außerhalb des St.-Thomas-Kosmos mit Großen Großes geleistet. Sondern den Thomanern, zu denen er selbst einst zählte, wenn auch nur kurz, und denen er seit beinahe vier Jahrzehnten eng verbunden ist. Und so erscheint es nicht nur glaubwürdig, sondern logisch, wenn er dem Stadtrat für das ihm entgegengebrachte Vertrauen dankt. Nicht, weil er ihn durch die Wahl vom 9. Juni in dieses ehrenvolle Amt gehoben hätte, sondern weil er es ihm damit ermöglichte, seine Arbeit fortzuführen. Denn so sieht er die Folgen dieser Amtseinführung: „Die Arbeit geht weiter“.

Es ist also dem Oberbürgermeister Burkhard Jung beizupflichten, wenn er in seinem Grußwort sagt: „Wir haben den Besten gefunden und, anders als bei Johann Sebastian Bach, wissen wir das heute schon.“ Es hat ein wenig gedauert, diesen Besten zu finden, obwohl oder weil alle ihn so nah vor Augen hatten. Und wenn Jung die Arbeit der Findungskommission mit der altrömischer Auguren vergleicht, die aus dem Flug der Vögel oder den Eingeweiden von Opfertieren das Beste für ihr Gemeinwesen abzuleiten versuchten, dann schwingt in diesem launigen etymologischen Ausflug zur Inauguration des neuen Thomaskantors ein gerüttelt Maß Selbstkritik mit.

Doch im Grunde spielt das verunglückte Findungsverfahren zumindest für Leipzig keine Rolle mehr. Denn Schwarz, da ist Jung sicher, wird all sein „enormes Wissen, seine Begeisterung, sein Brennen für die Sache, seine Haltung, die sich auf das Wesentliche konzentriert und der vordergründige Effekte fremd sind“ nutzen, um „in unserer Stadt eine Stimme zu sein, die für Kultur, Bildung und Anstand steht“.

Große Worte, pathetische Worte. Und es kann kaum Zweifel daran geben, dass Schwarz sie sich zu Herzen und als Aufgabe nimmt, als Sendung versteht. Und dass diese Wünsche Wirklichkeit werden, vielleicht schon sind, diese Hoffnung nähren die Grußworte des Thomaner-Domestikus Louis Weise, der in warmer und persönlicher Weise den direkten Draht zwischen den Thomassern und diesem Thomaskantor lobpreist, der „leidenschaftlich und ohne jede Eitelkeit einzig der gemeinsamen Sache verpflichtet ist“. Nachzuhören auch am Nachmittag im Rahmen der festliche Motette zur Amtseinführung in der gestopft vollen Thomaskirche.

Von Peter Korfmacher

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