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Friedenspreisträger Liao Yiwu besucht Leipzig und kritisiert seine Heimat China

Friedenspreisträger Liao Yiwu besucht Leipzig und kritisiert seine Heimat China

Am Sonntag hat er in Frankfurt am Main den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegengenommen – am Dienstag war der chinesische Dichter und Musiker Liao Yiwu im Leipziger Alten Rathaus zu Gast.

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Friedenspreisträger Liao Yiwu mit Übersetzerin Yeemei Guo im Festsaal des Alten Rathauses.

Quelle: Armin Kühne

Leipzig. Seine Frankfurter Rede ließ erneut scharfe Kritik an China wie auch am Westen erwarten – doch diesmal zeichnet Liao als Geschichtenerzähler ein Bild seines Landes. Dies war gleichzeitig die Eröffnung des 16. Literarischen Herbstes.

„Ich arbeite, und Du öffnest mir die Augen", hat ein Mitgefangener gesagt, der selbst ein Kämpfer sei, Liao Yiwu jedoch ein Dichter. Und Liao öffnet der Welt die Augen, indem er seinen Zeugenbericht aus Chinesischen Gefängnissen schreibt mit Schilderungen der Demütigungen, der Brutalität, des Alltags in Gegenwart des Todes. Dies ist ein menschlich, politisch und moralisch aufwühlendes Buch. Als „Für ein Lied und hundert Lieder" im Juli 2011 erschien, war er schon im deutschen Exil, also in Sicherheit. Frei allerdings fühlt Liao sich bis heute nicht, nicht so lange Familie und Freunde in seiner Heimat bedroht sind, dort, wo sein Name nicht genannt werden darf.

Kritik an der Heimat China

Gehör findet er dennoch. Seine Friedenspreis-Rede vom Sonntag kursiert in China als Abschrift und Mitschnitt, weiß Stephan Detjen, Moderator im Alten Rathaus, in dem sich die Festredner an den Herbst 1989 in Leipzig erinnert fühlen. Bei den Montagsdemonstrationen hatten viele die Bilder vom 4. Juni in Peking im Kopf und „im Herzen die Angst", sagt Oberbürgermeister Burkhard Jung. „Nicht umsonst wird der Ruf ,Keine Gewalt‘ zu einem der häufigsten Rufe der Demonstration." Es war die Angst vor einer „chinesischen Lösung".

Zwar habe sich, sagt Jung, in China viel verändert, doch ist das System das gleiche geblieben, ebenso sind es die Methoden, unliebsame Stimmen zum Schweigen zu bringen. Liao „in unserem Land zu wissen", nimmt er als „Glück, aber auch Verpflichtung". Unter anderem, weil dessen Worte dazu auffordern, unser Bild von China zu überprüfen.

„China ist mitten unter uns", mahnt Helmut Stadeler, Vorstandsmitglied im Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der den erkrankten Vorsteher Gottfried Honnefelder vertritt: „Denken Sie an die Smartphones, die Sie bei sich tragen." Er hat bei der Preisverleihung eine „Sternstunde der Demokratie, der Freiheit und der Menschenrechte" erlebt. Ein Empfinden, das er mit Liao teilt, der über die Paulskirche als Wiege der Demokratie sagt: „Hier liegen meine Werte."

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Friedenspreisträger Liao Yiwu im Festsaal des Alten Rathauses.

Quelle: Armin Kühne

Befragt, wie er die Wandlung vom Verfolgten zum Geehrten empfinde, antwortet er mit der Geschichte „Das Leben ist wie ein Traum", in der sich alles zum Guten wendet, bis der Träumende aufwacht – und noch nicht einmal der Reis auf dem Herd ist fertig. So kurz war das Glück.

Für ihn hat sich alles verändert. „Ich war ein Anarchist, ein Dichter, hatte keine politischen Ansichten, gar kein Interesse an Politik", sagt er. Der Dichter ist im Gefängnis zum Zeitzeugen geworden, auch sein Sprachstil hat sich verändert, er selbst nennt ihn „steinig".

Unverständnis über Literaturnobelpreis

Zur Frankfurter Buchmesse 2009 hat Liao nicht ausreisen dürfen. Drei Jahre später fährt er im Auto mit Bundespräsident Joachim Gauck, der ihm die ganze Zeit die Hand hält. Natürlich soll Liao sich zur Verleihung des Literaturnobelpreises an Mo Yan äußern. Wieder erzählt er eine Geschichte: Im Oktober 2010 saß er im Zug, war auf dem Weg zur Buchmesse, als er vom Friedensnobelpreis für den inhaftierten Landsmann und Freund Liu Xiaobo erfuhr. Da war er gerührt und glücklich. Auch jetzt saß er im Zug, wieder Richtung Frankfurt, erfuhr von der Entscheidung für Mo – und war „fassungslos". „Ich habe geglaubt, das Nobelpreiskomitee hatte uns ermutigen wollen. Und zwei Jahre später ehrt die Schwedische Akademie einen Staatsautor." Das westliche Wertesystem, sagt er, „ist in meinen Augen ganz schön diffus".

Deutlicher wird er nicht an diesem Abend, zumindest nicht im Gespräch mit Detjen. Um so heftiger sind die Ausbrüche im abschließenden Gedicht „Zum Tode verurteilte sprechen über den Tod", eines der „Liebeslieder aus dem Gulag" aus den Haftjahren 1990 bis 1994. Auch die Auszüge aus „Für ein Lied und hundert Lieder" sprechen eine deftige Sprache. Sie werden mit Schmackes gelesen von Schauspieler Florian Lukas, den Liao aus dem Film „Good Bye, Lenin!" kennt, der in China im Untergrund auf DVDs von Hand zu Hand ging und dort genauso populär ist wie „Das Leben der Anderen". Lukas weiß aus Gesprächen, dass die Innen- und Außenwelten in „Good Bye, Lenin!" in China gar nicht als witzig wahrgenommen werden.

Der Leipziger Herbst ist heute nicht mehr revolutionär, sondern – wieder – literarisch. Nach dieser Eröffnung stehen bis 23. Oktober „Ausblicke" auf dem Programm, verbunden mit der Frage „Was lesen wir morgen?" Wie sehr das vom heutigen Umgang mit der Vergangenheit abhängt, hat Liao deutlich gemacht.

Janina Fleischer

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