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13:55 29.09.2017
Herbert Blomstedt applaudiert seinem Orchester. Quelle: Kempner
Leipzig

Das Publikum steht und brüllt, das Orchester bleibt sitzen und klatscht ihm zu. Und weil derlei Herbert Blomstedt, obschon er mit seinen 90 Jahren gewöhnt sein müsste an solche Szenen, nicht ganz geheuer ist, dreht er kurzerhand dem Parkett den Rücken zu und applaudiert ebenfalls nach Kräften dem Gewandhausorchester zu.

Das ist einerseits in Ordnung, denn das Gewandhausorchester um Konzertmeister Sebastian Breuninger hat in der guten Stunde vor diesem Hexenkessel der Begeisterung tatsächlich sensationell musiziert. Andererseits ist es das nicht. Denn dass Bruckners Siebte, uraufgeführt 1884 unter Arthur Nikisch, in Leipzig und von genau diesem Orchester, von der ersten Naturtonreihe der Hörner und Celli über beinahe unhörbar sanft tremolierenden Geigen bis zum letzten brodelnden E-Dur-Tutti auf den Kopf zielt und den Bauch, nach der Seele greift und ans Gemüt, dass sie aufwühlt und betört, verstört und beglückt, dass ist vor allem das Verdienst des Ehrendirigenten Herbert Blomstedt.

Und es ist Magie: Man hört, dass er nichts dem Zufall überlässt, sich nicht gehen lässt oder Bruckner aufquellen. Aber man sieht es nicht. Sparsam schlagen die Hände, weit weniger sparsam hält indes sein Adlerblick die Fäden des großen Orchesterapparates beisammen, baut so klug wie sinnlich die gewaltigen Steigerungen – und baut jede anders.

Besonders deutlich wird dies an den Enden der Außensätze: 53 Takte vor dem Doppelstrich haben Bässe und Pauke im Kopfsatz „sehr feierlich“ ihr E erreicht und verlassen es nicht mehr. 23 Takte später ist auch der Rest des Orchesters „sehr ruhig“ in E-Dur angekommen, 30 Takte lang werden nun die vielfach variierten E-Dur-Akkorde „nach und nach schneller“ und lauter, bis 11 Takte vor Schluss das Ziel erreicht ist. Dreifaches Forte schreibt Bruckner hier vor (Posaunen und Tuba vorsichtshalber nur Fortissimo). Aber Blomstedt nimmt diese Final-Fläche nicht als Zielpunkt. Er steigert weiter, crescendiert bis zum Schluss – und hat auch hier das Orchester noch nicht an die Grenzen seiner dynamischen Möglichkeiten gebracht. Das hebt er sich für den Schluss des Finales auf, das über komprimierte 25 Takte ähnlich gebaut ist. Aber hier lässt Blomstedt kein weiteres Steigerungspotenzial, sondern lässt die Energie der vergangenen vier Sätze sich zusammenschieben zu einem gewaltigen Block aus E-Dur. Markerschütternd, schreiend, keinen Widerspruch duldend.

Dazwischen steuert die architektonische wie die emotionale Entwicklung konsequent auf den Höhepunkt des grandiosen, des überirdisch schönen und tiefgründigen Adagio zu, das Blomstedt „Sehr feierlich und langsam“ angeht, ohne es zu überdehnen – und trotz der Wagner-Tuben auch, ohne es zum Richard-Heiligenbildchen zu verkleinern. Folgerichtig kommt der Ehrendirigent auch auf dem Gipfel dieser Sinfonie ohne Becken und Triangel aus.

Auf diesem ganzen weiten Weg folgt ihm und seinem sehr anderen Schlag das Gewandhausorchester in blindem Vertrauen, mit vollem Risiko, vollendeter Homogenität und dennoch unerhört vielen subtilen Details von allen Ecken und Enden. Zu einem Bruckner, dem nichts Episodisches anhaftet, nicht Oberflächliches, nichts Unkontrolliertes, kein falsches Pathos und kein Schwulst. Ein spritiueller, ein Blomstedt-Bruckner eben. Einer für die Ewigkeit.

Diese monumentale Kraft erreicht Mendelssohns Violinkonzert vor der Pause naturgemäß nicht. Der großartige Leonidas Kavakos und das Gewandhausorchester unter Blomstedt legen es vielmehr spektakulär unspektakulär an. Silbrig singend, elegant und erlesen. Sehr offen im Klangbild und sehr transparent, wodurch jede minimale Wackelei hörbar wird. Was aber die klassizistische Schönheit dieser beherrschten, heiteren und gänzlich unsentimentalen Romantik nicht beschädigt. Wohltemperierter Jubel schon zur Pause.

Der Bruckner wird am morgigen Sonntag, 11 Uhr, wiederholt, dann aber kombiniert mit Beethovens Tripelkonzert. Auch dieses Konzert ist längst ausverkauft.

Von Peter Korfmacher

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