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"Fußball? Gar nicht mitbekommen": Andreas Bourani im Leipziger Werk 2

"Fußball? Gar nicht mitbekommen": Andreas Bourani im Leipziger Werk 2

Es ist kurz nach zehn am Montagabend und das Konzert gut 70 Minuten alt, als jemand ein Keyboard sowie einen Hocker auf die Bühne trägt und Andreas Bourani den rund 1000 Zuschauern im Werk 2 eine scheinbar harmlose Frage stellt.

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Wer friert uns diesen Moment ein? Andreas Bourani (30) im Werk 2.

Quelle: André Kempner

"Was habt ihr denn im Sommer so gemacht?" Irgendwer vorne tut ihm den Gefallen und ruft: "Fußball geguckt!" - "Fußball?", gibt sich Bourani überrascht, "das hab ich gar nicht mitbekommen".

Bourani hat sich in Interviews sympathischerweise längst als Nicht-Fußball-Fan offenbart. Natürlich verdankt er es trotzdem nicht zuletzt der jüngsten Weltmeisterschaft in dieser Sportart, dass sein Auftritt von der kleineren Kulturfabrik-Halle D in die große Halle A verlegt worden ist. Aber warum setzt er sich an die Tasten? Doch nicht für den Riesenhit "Auf uns", die WM-Fernseh-Hymne, die nach dem deutschen Titelgewinn sogar im Maracanã-Stadion aus den Lautsprechern trällerte? Und zwar keineswegs als Klavier-Ballade.

Natürlich doch. "Wer friert uns diesen Moment ein?", setzt er an, und weil ihm da in der Tat eine sehr gelungene erste Textzeile eingefallen ist, fängt der Sänger das Lied in den folgenden zehn Minuten gleich dreifach an. Allein zum Klavier, dann in der gewohnt euphorisierenden Instrumentierung und schließlich nur zur Gitarre Julius Hartogs, der sich Melodie und Arrangement des Gassenhauers (und fast aller anderer Bourani-Titel) einfallen ließ. Schon äußerst clever, das Stück so zu strecken, zumal die mittlere Fassung dadurch eine Wucht entfaltet, auf die selbst Körper mit Gänsehaut reagieren, deren Besitzer sich derlei Pathos sonst lieber verschließen.

Wenn ein Künstler bei Konzerten - wie Bourani - einen Bereich für Kinder reserviert, muss sich in seiner Karriere etwas Entscheidendes getan haben. Seine Lieder dringen dann offenbar durch breite Kanäle zum Publikum. Dabei ist es nur knapp drei Jahre her, dass Bourani sein allererstes Konzert als Haupt­attraktion gegeben hat, in der Moritzbastei übrigens. Im fortgeschrittenen Newcomer-Alter von 30 ist er nun also auf großer Bühne angekommen, aber nicht alles hat sich verändert: Wieder ist es der Tourauftakt, den er mit Band in Leipzig feiert, weshalb "das auch für uns aufregend" ist, wie er erklärt. Zudem "war auch damals in der Moritzbastei so ein Lärm", sagt er und lacht - es ist als Kompliment gemeint, weil die Zuschauer gerade stürmisch seinen damaligen Hit "Nur in meinem Kopf" bejubeln.

Mit einem Hang zur Hymne, auch über "Auf uns" hinaus, eignet sich Bouranis Mutmach-Pop ohnehin prima fürs Live-Erlebnis, mögen auch Bassist Ralph Rieker und Schlagzeuger Jürgen Stiehle als Rhythmusfraktion ihrer Stammband Die Happy mehr Wumms entwickeln. Dafür ist ja aber der Chef mit seiner großartigen Stimme in der Lage, enormen Druck zu erzeugen. Spielend wechselt er in die Kopfstimme und zurück. Und dass er in jeder zweiten Nummer dazu auffordert, irgendein "Ooh, ooh, ohh" mit- oder nachzusingen, bereitet den Besuchern ebenso hörbare Freude. Jacob Brass, der Bourani als Hintergrundsänger wunderbar ergänzt und zuvor im Vorprogramm allein zur Wandergitarre sang, hat die Zuschauer da nicht umsonst mit der Begründung zum Ooh-ooh-ooh-Singen geködert, dass man für den Auftritt des Hauptakteurs üben müsse.

Außer der Mitsingerei besitzt ein Bourani-Konzert gegenüber einer Bourani-Platte einen weiteren Vorzug. Die Texte scheinen auf einmal gar nicht mehr nach dem Bendzko-Naidoo-Tawil-Erfolgsrezept geschrieben: so unkonkret, dass jeder eigenes Freud und Leid heraushören darf. Nein, vielmehr erzählt der Texter in teilweise liebenswert ausufernden Ansagen die persönlichen Entstehungsgeschichten. Die Erkenntnis aus "Alles beim Alten", dass "die Aussicht hier ... von Weitem" besser ausgesehen habe, hat er also selbst gewonnen, nachdem er von Augsburg nach Berlin gezogen war: "Ich gehör von ganzem Herzen dorthin, wo ich nicht bin." Und in seinem Appell aus "Hey", nicht allzu perfektionistisch zu sein, fasst er sich mithin vor allem an die eigene Nase.

Dass "Ultraleicht" seiner "Seelenverwandten" Elif Demirezer gewidmet ist, von deren einnehmender Persönlichkeit Bourani gern selbst ein bisschen mehr hätte, wie er sagt, leuchtet sofort ein, wenn man deren mitreißenden Auftritt vor einem Dreivierteljahr in Halle D miterlebt hat. Auch das Trennungslied "Auf anderen Wegen", mit dem Bourani zwei Abende zuvor beim Bundesvision-Song-Contest Sechster wurde ("ist doch nicht schlecht, oder?"), gewinnt gegenüber der TV-Version gewaltig an Eindringlichkeit.

Ja, sogar die etwas esoterische Ballade "Sein" als Teil umfänglicher Zugaben am Ende zweier kurzweiliger Konzertstunden berührt auf einmal - nachdem ihr Autor erzählt hat, dass er sie im Eindruck einer spontanen Wandertour dichtete. Sie hatte ihn mit zwei Berliner Freundinnen in Bayern auf einen Gipfel geführt, auf dem sie unverhofft keine andere Menschenseele trafen. Wahrscheinlich kam Fußball im Fernsehen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 24.09.2014

Mathias Wöbking

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