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Games Kommt bald das Netflix für Spiele?
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15:00 19.10.2018
Der Xbox „Game Pass“ ist eine Flatrate für Spiele. Quelle: Foto: Microsoft
Hannover

Breitbeinig stapft der Cowboy in den Saloon. Staubflocken flirren im Licht der hereinfallenden Abendsonne. Der Cowboy macht einen Schritt auf den Barkeeper zu – aber dann wird ihm schwindlig. Sein Blick irrlichtert. Er steht, dann geht er, dann steht er wieder. Das Bild ruckelt. Eine Warnmeldung öffnet sich: schlechte Verbindung.

Sehen so Spiele im Zeitalter des Internetstreamings aus? Möglich ist das. Denn Streaming hat einen Hardwarevorteil. Viele Fernseher können Streamingangebote wie Maxdome, Amazon Prime, Netflix und Co. ohne Extra-Hardware nutzen. Um die meisten Videospiele zu spielen, braucht man dagegen einen Computer oder eine Spielekonsole, also ein Gerät, das Hunderte Euro kostet. Dazu kommt, dass die Kisten alle paar Jahre ausgewechselt werden müssen, sonst laufen die neuesten Spiele nicht.

In der Spieleindustrie setzt sich der Glaube durch, dass dieses Problem bald auf Wolken davonschwebt, dass spektakuläre, technisch aufwendige Spiele bald überall laufen. Denn statt der Konsole oder des Computers sollen Serverparks die Rechenarbeit übernehmen – also Computeranlagen mit Internetanbindung. Das Gamepad wird dann direkt an den smarten Fernseher angeschlossen, jeder Knopfdruck läuft vom Controller zum Server, und von dort kommt das Spielbild wie ein Video zurückgestreamt.

Cloud-Gaming ist nicht neu

Das ist kein Zukunftsszenario – grundsätzlich gibt es das mindestens schon seit 2010. Jeder vierte Deutsche kennt das sogenannte Cloud-Gaming. Aber die meisten Dienste sind gefloppt. Gehalten hat sich der Sony-Dienst „Playstation Now“: Hunderte Playstation-Spiele liegen auf den Servern bereit, alle starten auf Knopfdruck, ohne Kauf oder Installation. 15 Euro kostet der Spaß pro Monat. Er ersetzt allerdings keine Hardware, denn er läuft nicht auf Smart TVs – nur auf PCs und absurderweise auf der Playstation 4, die mit ihrer immensen Rechenleistung alle Titel auch ohne Server spielen könnte.

Wer Dienste wie „Playstation Now“ nutzt, der schaut einer Technologie beim Wachsen zu. Der Anblick kann schmerzhaft sein – Internetverbindungen sind in der Breite längst noch nicht so schnell und störungsfrei, wie sie es sein müssten. Deutschland ist auf dem Feld kein Spitzenreiter, aber auch der Spiele-Kernmarkt USA hat Probleme, schnelles, erschwingliches und zuverlässiges Breitbandnetz über die Landmasse zu verteilen. Denn die Anforderungen an Spielestreaming sind höher als bei Videostreaming. Netflix kann ein paar Sekunden Video vorausschicken. Hat die Verbindung einen kleinen Schluckauf, sieht der Zuschauer das zwischengespeicherte Video, bevor es ruckelt. Beim Spielestreaming ist das schwieriger, denn das Spiel weiß nicht, wann der Spieler welchen Knopf drückt. Jede Verzögerung wird sichtbar und spürbar. Videospiele leben von dem Gefühl, auf jeden Knopfdruck eine prompte Reaktion zu bekommen. Wenn aber die Verbindung stockt, dann weicht das gute Gefühl einem unguten Schwindel – wie bei dem Cowboy im Saloon.

Aber große Spielefirmen lassen keinen Zweifel an der Zukunft. „Eines Tages werden wir mit dem Streaming eine bessere Erfahrung haben, als wenn wir Maschinen kaufen und regelmäßig wechseln“, hat etwa Ubisoft-CEO Yves Guillemot noch vor ein paar Wochen auf der Gamescom prophezeit. Zusammen mit Google testet das Unternehmen einen Stream des Spiels „Assassin’s Creed Odyssey“. Auch EA glaubt an Streaming und entwickelt hinter verschlossenen Türen neue Technologien, mit denen sich sogar schnelle Actionspiele gut anfühlen sollen.

Doch ein grundsätzliches Problem kann keine Spielefirma alleine lösen: das Internet selbst. Solange kein Spieleentwickler die Kabel zu den Kunden selbst verlegt, müssen sie dieselbe Internet-Infrastruktur nutzen wie alle anderen auch. Wer heute „Playstation Now“ nutzen will, der bekommt von Sony erst einmal einen Test der Verbindung aufgebrummt. Ist das Netz zu langsam, kann auch Sony nichts tun.

Konsolen sind das neue Handy

Große Hoffnungen liegen deshalb auf der Zukunft. Das Internet soll ohnehin schneller werden, nicht nur wegen des Spielestreamings. Einige haben bereits die sogenannten 5G-Netze, also einen Haufen schnellerer Mobilfunkstandards, als die Lösung aller Probleme ausgemacht. Aber wer noch auf die Einführung und den Ausbau neuer Technologien warten muss, der sollte sich mit Ansagen zurückhalten. Wann das Streaming massenhaft Spiele-PCs und Konsolen ersetzt, das hängt von diesen technischen Voraussetzungen ab – nicht nur in Deutschland oder den USA, sondern einem Flickenteppich unterschiedlich wichtiger Märkte weltweit.

Auch Microsoft bereitet sich unterdessen auf eine neue, größere Zukunft vor, in der das Spielgerät unwichtiger wird. „Zwei Milliarden Menschen auf diesem Planeten spielen Videogames“, hat Microsofts Spielechef Phil Spencer kürzlich erläutert. „Denen werden wir nicht alle eine Konsole verkaufen.“ Gerüchten zufolge will der Konzern 2020 seine neue Konsole einführen – und als günstige Alternative eine kleine, billige und stromsparende Streaming-Xbox.

Ein bisschen auf Netflix macht der Konzern jetzt schon. Für 10 Euro im Monat können Xbox-Besitzer den „Game Pass“ abonnieren, mit dem sie Flatrate-Zugriff auf mehr als 100 Spiele haben. Die werden allerdings ganz herkömmlich heruntergeladen und auf der heimischen Xbox installiert, nicht gestreamt. Außerdem führt Microsoft in den USA mit „Xbox All Access“ ein Rundum-sorglos-Paket ein. Für 22 US-Dollar im Monat bekommen Spieler dort den „Game Pass“ gleich mit Konsole und mit dem Onlinedienst „Xbox Live Gold“ geliefert – der teure Hardwarekauf wird durch eine Monatspauschale ersetzt. Solange das schnelle Internet auf sich warten lässt, sieht so die Spielezukunft aus: wie ein Handyvertrag.

Von Jan Bojaryn

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