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21:24 08.04.2016
Videospiele, die Alltagsberufe simulieren, führen regelmäßig die Verkaufscharts an.
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Schon der kleine Drache Grisu wusste, was er einmal werden möchte: „Feuerwehrmann, Papa!“ Oder doch lieber ein Busfahrer, der für den reibungslosen Personentransport im städtischen Nahverkehr sorgt? Und was macht eigentlich diese Freiheit der Straße aus, von der waschechte Trucker-Kerle am Abend auf der Raststätte schwärmen? Das Erwachsenenleben hingegen spielt sich meist zwischen Bürowänden ab. Sogenannte Alltagssimulationen geben den Berufswünschen aus Kindertagen eine zweite Chance – zumindest in der virtuellen Realität.

Verkaufsschlager wie der „Landwirtschafts-Simulator 2016“, „Notruf 112“ oder die Brummi-Abenteuer „Bus-Simulator 2016“ und „American Truck Simulator“ haben dabei eines gemein: Sie faszinieren über verschiedene Generationen und Kulturen hinweg. Vor allem Deutsche und Skandinavier seien dem spielerischen Alltag erlegen, berichtet Pavel Sebor, Geschäftsführer von SCS Software.

Dem tschechischen Entwicklerstudio gelang 2012 mit dem „Euro Truck Simulator 2“ (ETS2) ein echter Überraschungserfolg. Mit dem im Februar veröffentlichten „American Truck Simulator“ versucht SCS nun auch in Übersee zu punkten. Das Spielprinzip bleibt dabei gleich: Tonnenschwere Gigaliner wollen durch die endlose Weite amerikansicher Westküstenlandschaften gefahren werden. Nur wer unfallfrei und zügig die Waren am Zielort abliefert, kann sein Speditionsimperium ausbauen.

Vom Bestellen virtueller Äcker

Die spielerischen Komponenten wie das erstaunlich knifflige Rückwärtseinparken eines Sattelschleppers locken neben dem klassischen Videospielpublikum auch eingefleischte Lastwagenfahrer an. Mehr als ein Drittel der zwei Millionen ETS2-Käufer seien auch im echten Leben Lkw-Fahrer, weiß Felix Buschbaum, Fachmann für Alltagssimulationen. Ganz ähnlich setze sich die Zielgruppe des „Landwirtschafts-Simulators“ zusammen. Neben Spielern, die die Herausforderung schätzten, einen Agrarbetrieb profitabel zu führen, seien vor allem echte Bauern daran interessiert, virtuelle Äcker zu bestellen.  

Guten Alltagssimulationen gelingt es, beide Gruppen gleichermaßen zu bedienen. Während einen Teil der Spielerschaft durchaus die ökonomischen Aspekte der Speditions- oder Bauernhofverwaltung reizen, lockt die spielerische Freiheit vor allem Berufserfahrene vom realen Steuer hinter das virtuelle Lenkrad, sei es die Möglichkeit, Gesetze und Vorschriften – vor allem der Geschwindigkeitsbegrenzung – gefahrenlos zu ignorieren oder einmal andere Strecken als die des Alltags zu befahren. Diese spielerische Vielfalt ist es laut Buschbaum auch, die den „Landwirtschafts-Simulator“ unter echten Landwirten so beliebt mache. Originalgetreue Nachbildungen Dutzender Erntemaschinen, die Simulation echter Anbauprozesse und unterschiedliche Verarbeitungsschritte vom Ackerbau bis zur Forstwirtschaft: Virtuell traut sich selbst der Bauer an Dinge, die er nicht kennt.

Vollständiger Verzicht auf Gewalt und Action

Als weiterer Grund für die Popularität des Genres gilt auch der vollständige Verzicht auf Gewalt und Action. Alltagssimulationen dienen häufig zur Entspannung. Den Blinker setzt man schließlich wie im Schlaf, und die optionale manuelle Gangschaltung ist für Europäer auch kein Buch mit sieben Siegeln. Wenn der Trecker ruhig seine Bahnen übers Feld zieht, Countrymusik aus dem Online-Radio des Lkw dudelt oder die nächste Bushaltestelle im „Bus-Simulator 2016“ bereits in Sichtweite ist, lässt sich’s leicht abschalten.

Stress kommt nur dann auf, wenn etwas Unvorhergesehenes eintritt. Etwa ein Stau, der die rechtzeitige Lieferung gefährden könnte. Berufsverkehr in der fiktiven Großstadt – als Busfahrer eine wahre Plage. Überhaupt würzt eine gehörige Portion Probleme und Problemchen den Alltag: Mal klemmt die Verriegelung der Tür und muss händisch wieder gelöst werden, mal wollen komplexe Wechselgeldberechnungen für unterschiedliche Fahrkarten gemeistert werden. Dabei sitzt die Stoppuhr virtuellen Busfahrern ständig im Nacken. Viel Zeit für Entspannung bleibt da nicht. Doch genau darin, einen öffentlichen Beruf, den zwar jeder Mensch kennt, aber den nur wenige ausüben, ungefiltert und eben nicht stressbereinigt erfahren zu können, liege für viele Spieler der Reiz der Alltagssimmulationen, erklärt Buschbaum. Zudem seien die Tücken des Berufes hier spielerische Herausforderungen – ganz ohne die folgenschweren Konsequenzen der Realität.

Löscheinsätze koordinieren und durchführen

Noch stärker rückt die Problembekämpfung die Feuerwehrsimulation „Notruf 112“ in den Mittelpunkt. Die Nachbildung des Arbeitsalltages der Mülheimer Kameraden ist schon per definitionem eine schwierige Aufgabe. Löscheinsätze wollen erst koordiniert und anschließend erfolgreich durchgeführt werden: vom Steuern der Einsatzfahrzeuge über die korrekte Handhabung der Hilfsgerätschaften und der punktgenauen Ausführung von Löscheinsätzen bis zur Unfallhilfe und Überschwemmungsbekämpfung.

Wie wichtig die Gemeinschaft der Spielenden ist, stellen die sogenannten Modding-Communitys der Simulatoren unter Beweis. Vor allem jüngere Spielende nutzen diese Möglichkeit, um eigene Fahrzeuge, Anhängertypen und Verarbeitungsprozesse zu entwerfen und mit anderen zu teilen, erklärt Buschbaum. Die intensive Beschäftigung mit dem Hobby sorgt zur Freude der Spielefirmen für eine ebenso intensive Kundenbindung. Gleichzeitig ruft sie aber auch Kritiker auf den Plan. Leser der amerikanischen Landwirtzeitschrift „Modern Farmer“ bemängelten unter anderem, auf eine konventionelle Landwirtschaft mit Monokulturen und chemischen Düngern festgelegt zu sein. Was zeigt: Für viele Fans ist das Schuften am Bildschirm mehr als nur ein Spiel. Es muss dem Anspruch genügen, ein möglichst originalgetreues Abbild ihres Alltags zu schaffen.

Jon Michael vom amerikanischen Spielemagazin IGN.com hat für den Erfolg von Simulationen mehrere Gründe ausgemacht. Für ihn ist es die Kombination aus treuen Fangemeinden, klarem und überschaubarem Spielprinzip, einfacher Bedienbarkeit der Spiele und der Möglichkeit, in der gewählten Rolle ein Stück weit Verantwortung zu übernehmen. Nicht zu vergessen: Der Spielspaß, den eine Alltagssimulation bescheren kann, entlohnt üppig für die investierte „Arbeitszeit“. Und darin dürfte der entscheidende Unterscheid zum tatsächlich eher mager bezahlten Job als Landwirt, Trucker, Busfahrer oder Feuerwehrmann liegen.

Von Benjamin Matthiesen

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