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Kultur „Gefährliche Liebschaften“ am Gohliser Schlösschens
Nachrichten Kultur „Gefährliche Liebschaften“ am Gohliser Schlösschens
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00:26 06.06.2018
„Gefährliche Liebschaften“ im Gohliser Schlösschen. Quelle: Rolf Arnold
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Leipzig

„Mit der Scham ist es wie mit der Liebe: Sie tut nur beim ersten Mal weh“, sagt die Marquise de Merteuil. Sie hat der eigenen Lebenserfahrung einige Weisheiten abgerungen über das Leben und die Liebe. Und als Zuschauer fragt man sich, wohin sich die von der Marquise besagten Schmerzgrenzen verschoben haben in den letzten 250 Jahren. Im Vorrevolutionären Frankreich hat Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos seinen Briefroman „Gefährliche Liebschaften“ angesiedelt, der die Amoral der adeligen Gesellschaft entlarvte und zum Klassiker der Französischen Literatur avancierte.

Der Brite Christopher Hampton wiederum hat die Vorlage in eine Theaterfassung verwandelt. Die gespielt wird vom Schauspiel Leipzig im Hof des Gohliser Schlösschens. Am Samstagabend war Premiere des Sommertheaters in der Regie von Markus Bothe.

Das erste (und einzige) Bild des Abends deutet noch ein leichtes Retro-Sommervergnügen an. Steht da doch ein Kettenkarussell in der Mitte des Schlosshofes, im Halbrund von den Zuschauerreihen umgeben, das aus einer Zeit zu stammen scheint, als Jahrmarktsvergnügen noch Zauber besaßen und ohne aufs Brechzentrum zielende Hochgeschwindigkeitsmultirotationsmaschinen auskamen.

Ein grandioses Bühnenbild, weil es sich als so trügerisch wie die Protagonisten des Abends erweist. Weil es symbolhaft das langsam Tempo aufnehmende Gefühlskarussell und die Fliehkräfte der Herzen andeutet. Und, vor allem: Weil es als partielle Drehbühne überraschend präzise und vielseitig die jeweiligen Stimmungen übersetzt. Zunächst führt es die Figuren mit verspielter Leichtigkeit zusammen, später unterwirft es sie mit maschineller Gnadenlosigkeit seiner Bahn.

Sabine Blickenstorfer, für Bühne und Kostüme verantwortlich, verpasst den Frauen auf den Spuren des Rokoko zur Seite auskragende Reifrockweite und Rüschen. So begegnet die Marquise de Merteuil (Anne Cathrin Buhtz) mit Turmfrisur dem Vicomte de Valmont (Tilo Krügel im langen Mantel). Zwei einst liierte Spielernaturen, die sich frei von moralischen Zwängen nur ihren Gelüsten folgend durch die Gesellschaft bewegen. Merteuil als eine Dame, die mit ihren Liebhabern jongliert. Valmont, der sich einen legendären Ruf als Verführer aufgebaut hat. Und deshalb von Merteuil zum Instrument ihrer Rache gewählt wird: Valmont soll die Klosterschülerin Cécile (Alina-Katharin Heipe) entjungfern. Damit gedenkt die Marquise einen ihrer ehemaligen Liebhaber zu düpieren, der vor der Ehe mit Cécile steht. Der Vicomte lehnt ab. „Ich kann nicht. Es ist zu leicht.“

Ein Satz, der alles sagt. Bedenken sind nicht moralischer Natur, sondern allein seiner zweifelhaften Reputation geschuldet, sie sich eher dadurch steigern ließe, die tugendhafte Präsidentin de Tourvel (Katharina Schmidt) zu verführen.

Eine intrigante Wette verbindet Marquise und Vicomte zu einer Seilschaft, die letztlich gegeneinander spielt. Und dabei eine Lawine lostritt, die sie am Ende selbst mitreißt. Die Lust ist am größten, wo das Risiko lauert. Buhtz und Krügel zelebrieren ihre Rollen, psychologisch genau gespielt, erst selbstsicher, dann lauernd – und zuletzt zum Teil nur noch Hülle, als die Kontrolle über die Ereignisse und die eigenen Gefühle entglitten ist.

Insgesamt überzeugt das Ensemble. Gaby Pochert spielt Cécils Mutter, die von den Machenschaften, deren Opfer ihre Tochter ist, nichts merkt. Brian Völkner als Chevalier Danceny, erneut als etwas naiver Junge besetzt, liebt Cécil, und ersticht den Vicomte am Ende in einer sehenswerten Fechteinlage. Ellen Hellwig, wieder hinreißende Komödiantin, schlüpft in eine Doppelrolle als Prostituierte und als Tante des Vicomtes, der ein paar Trippelschritte und eine Unschuldsmiene auf offener Bühne genügen, um in der Fantasie eine ganze Szenerie ihres gescheiterten Lauschangriffs entstehen zu lassen.

Regisseur Bothe besitzt reichlich Opernerfahrung und setzt die Wirkung von Musik (Biber Gullatz und Lukas Kiedaisch) subtil als Stimmungsverstärker ein in diesem sich verdüsternden Reigen der Begierde, der nichts auslässt, aber nichts plakativ ausmalt. Wenn Cécil sich im drehenden Karussellsessel windet, nicht entkommen kann, dann wird in theatraler Übersetzung klar, dass die Nacht mit dem Vicomte die Tat eines Vergewaltigers ist – würde er es auch so niemals nennen. Und die Tourvel, als sie sich endgültig verfangen hat im Gespinst des Valmont, versteinert innerhalb der kreisenden Sitze wie in einem Käfig gefangen. So wird das Karussell in den eindrücklichsten Momenten des Abends fast zum Akteur und Erzähler.

Die Inszenierung gönnt sich als Zugeständnis an das Sommertheater neben Kostüm-Opulenz die eine oder andere harmlose Frivolität, verhandelt über zwei Stunden Spielzeit aber sehr konzentriert den Stoff aus dem 18. Jahrhundert. Eine gut austarierte Balance. Schon allein weil nichts komödiantisch verharmlost oder veralbert wird, schielt die Inszenierung unterschwellig ins Heute. Wenn sich der Vicomte bedient, für den eigenen Ruhm andere ruinierend, und Cécile mit seinen Methoden gefügig macht, dann kommt man gedanklich an Weinstein und der „Me too“-Debatte nicht ganz vorbei.

„Gefährliche Liebschaften“: bis 8. September am Gohliser Schlösschen (Menckestr. 23); Termine und Karten unter Telefon 0341 1268168 (Schauspiel) und auf www.schauspiel-leipzig.de; in der Ticketgalerie (LVZ Foyer, Peterssteinweg 19; Barthels Hof, Hainstr. 1), unter der gebührenfreien Telefonnummer 0800 2181 050 und auf www.ticketgalerie.de

Von Dimo Riess

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