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Geh ran, Jan: Leipzig-Premiere von Jan Plewkas "Sound of Silence"

Geh ran, Jan: Leipzig-Premiere von Jan Plewkas "Sound of Silence"

Wie am Donnerstag im Werk 2 zu erleben war, passt das Grunge-Jaulen des Selig-Sängers überraschend gut zum filigranen Folk-Pop des legendären Duos.

Jan Plewka, im Hauptberuf Sänger der Deutsch-Grunger Selig, wandelte schon in seinem Rio-Reiser-

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"Hallo Dunkelheit, alter Freund": Jan Plewka im Werk 2.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Wie am Donnerstag im Werk 2 zu erleben war, passt das Grunge-Jaulen des Selig-Sängers überraschend gut zum filigranen Folk-Pop des legendären Duos.

Jan Plewka, im Hauptberuf Sänger der Deutsch-Grunger Selig, wandelte schon in seinem Rio-Reiser-Abend auf der Grenze zwischen Konzert und Theater. Im jetzt nachfolgenden Simon-&-Garfunkel-Programm "Sound of Silence", das er und seine fabelhafte Band am Donnerstag erstmals in Leipzig aufgeführt haben, vergehen nun fast zehn Minuten, bis sich aus Schweigen, Satzbruchstücken und Geräuschen allmählich ein freejazziges Klavier und schließlich der fidel-traurige Gassenhauer "The Boxer" herausschält.

Zuvor sitzen da also fünf Männer in schwarzen Rollkragen-Pullis vor den knapp 200 Zuschauern im Werk 2. Und die Hauptperson sagt leicht unbeholfen, dass "wir für diesen Abend eine Anzahl von Texten vorbereitet haben". Nur ein paar Leselampen spenden Licht, so passt die erste Zeile des ersten Gedichts: "Hallo Dunkelheit, alter Freund". Man ahnt es, die Überschrift lautet "Klang der Stille". Rock'n'Roll hört sich anders an.

Mit festem Strahl markiert hier Regisseur Tom Stromberg sein Revier, ein Theatermann, früher Intendant des Hamburger Schauspielhauses. Und mit feiner Selbstironie untergräbt Plewka etwaige Erwartungen, er versuche sich daran, den Liedschatz des wegweisenden Folk-Duos originalgetreu wiederzugeben. Schon Rio Reiser imitierte Plewka ja keineswegs, obwohl beide Sänger eint, dass sie gewisse Schieflagen ihrer Stimmen charismatisch mit Kraft ausgleichen. Für den filigranen Gesang von Simon & Garfunkel aber hat die Natur Plewka nicht vorgesehen. Indem er sich die Kompositionen aneignet, gelingt es ihm dennoch und erst recht, sie zu einem mitreißenden Musiktheater zu collagieren.

Die Band hat entscheidenden Anteil daran. Gitarrist Marco Schmedtje etwa, der mal dem Vorbild gemäß zupft, dann aber ein druckvolles Grunge-Solo spielt. Schlagzeuger Martin Engelbach ebenso, der mal zusammen mit Bassist Dirk Ritz den Klassiker "Cecilia" rhythmisch aufbricht, jedoch plötzlich - zu "A Hazy Shade of Winter" - über die Saiten einer Bratsche streicht. Und vor allem Tastenmann Lieven Brunckhorst, der den psychedelischen Charakter dieser eigenwilligen "Cecilia" verstärkt, indem er auf einmal Querflöte spielt. Und der, als die übrigen vier sehr zart "Feelin' Groovy" interpretieren, mit einer Discokugel überm Kopf ein träumerisches 80er-Jahre-Pop-Saxofonsolo bläst.

Plewka wiederum demonstriert nicht nur, dass die Lieder Paul Simons auch gejault funktionieren, sondern sogar auf Deutsch. Zumindest, wenn man wie er im Geiste des Originals und zudem sparsam und kreativ mit dem Sprachenwechsel umgeht. "Home - wo die Gedanken fliegen. Home - wo meine Platten liegen", jauchzt er in "Homeward Bound". In "50 Ways to Leave Your Lover" rät er: "Schick sie zum Mars, Lars; wechsle den Bezirk, Dirk; geh nicht mehr ran, Jan."

Zwar deuten Stromberg und Plewka eine Geschichte, die mehr als die Liedtexte erzählt, allenfalls zwischen den Zeilen an, indem sich aus dem Off wiederholt Art Garfunkel zu Wort meldet - und zur tragischen Figur gerinnt. Aber ein paar schöne Regie-Einfälle trösten über diese theatrale Lücke hinweg: wenn Plewka beispielsweise eine Zuschauerin erwählt, sie aber nicht wie im Reiser-Programm zu Boden knutscht, sondern wie ein Magier unter einer Decke verbirgt und hinters Schlagzeug zaubert. Wunderbar gelingt "Mrs. Robinson" zudem mitnichten allein, weil das Lied so toll groovt. Darüber hinaus erwacht auf einer Leinwand überraschend Anne Bancroft als Mutter Robinson zu Leben, und Plewka nimmt Dustin Hoffmans Rolle als Benjamin Braddock ein, der eher unbeholfen auf ihre Verführungsversuche reagiert.

Ja doch, das ist Rock'n'Roll. Aus dem schwarzen Pulli ist Plewka da ohnehin längst geschlüpft.

Am 14. Mai, 20 Uhr, singt Jan Plewka im Werk 2 (Kochstraße 132) wieder Rio Reiser, Vorverkauf 25,20 Euro

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 15.02.2014

Mathias Wöbking

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