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Geist-Reiche - Wolfgang Kubin und seine "Schnaps-Essays"

Geist-Reiche - Wolfgang Kubin und seine "Schnaps-Essays"

Einmal hat Wolfgang Kubin China gerettet. Ansonsten hat er das Land vor allem bereist, an den Universitäten dort gelehrt. Und er hat getrunken. Am liebsten Schnaps.

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Wolfgang Kubin: Die Geschichte eines Flachmanns. Schnaps-Essays. Weidle Verlag; 172 Seiten, 19 Euro

Quelle: Weidle Verlag

Leipzig. Er macht da keine halben Sachen, mindestens 52 Volumenprozent Alkohol sollten schon drin sein. Um es gleich zu sagen: Der 68-jährige Sinologe, Dichter und Übersetzer trinkt auf dem "Boden der Langsamkeit, des Maßes und des Genusses". Das will gelernt, warum also soll es nicht beschrieben sein.

Kubins "Schnaps-Essays" sind unter dem Titel "Die Geschichte eines Flachmanns" im Weidle Verlag erschienen. Hier liegen bereits seine eigenen Gedichtbände vor sowie Übersetzungen chinesischer Dichter. Auch Essays, in denen er über Deutsch-Chinesische Wahlverwandtschaften schreibt.

Die Zuneigung beruht auf Gegenseitigkeit. 2007 hat Kubin den Staatspreis der Volksrepublik China erhalten - für besondere Verdienste bei der Bekanntmachung der chinesischen Buchkultur. Gefolgt vom Pamir International Poetry Prize, dem höchsten Literaturpreis Chinas. Und in der Heimat gab's 2013 den Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung, den die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung vergibt. Sie würdigt den Bonner "angesichts einer immer wieder drohenden Sprachlosigkeit" als einen der "wichtigsten kritischen Botschafter zwischen der deutschen und der chinesischen Kultur".

In seinen Essays lässt Kubin wortgewandt und pointiert keinen Zweifel daran, dass seine Begeisterung mehr der Kultur, den Menschen und dem hochprozentigen "Erguotou" gilt als der chinesischen Regierung. Schwärmte er in den 80er Jahren von einem Land, "wo Geld und Ansehen dem Gespräch über gute Politik und das richtige Leben untergeordnet waren", konstatiert er inzwischen das Ausbleiben solcher Gespräche, zeigt aber beim Besuch einer Fotoausstellung Verständnis für politische Blindheit seiner Gastgeber: "Doch sehen hieße verstehen, verstehen hieße leiden, leiden hieße kritisieren, kritisieren hieße weggesperrt werden. So werde ich der einzige Besucher sein, der einzige, der bange kommt und bänger geht."

Mehr Freude bereiten die Dichter. Sieht Kubin das Glas der Gesellschaft halb leer, scheint das der Kultur halb voll zu sein. Nur "vor dem Schnaps sind alle gleicht. Während er im fernen China "eine seltsame Trias" von "Geld, Schnaps und Frau" beobachtet, also "Suff, Liebe und Korruption", gehören für ihn Schnaps, Literatur und Fußball zusammen. Eine hierzulande durchaus üblich Verbindung, die den Sport zu einem Teil nicht nur der Trinkkultur macht. "Wir sind Helden oder Fußball und Schnaps" ist der Text überschrieben, in dem Kubin, der selbst auch spielt, ein paar Vergleiche wirken lässt.

Während hier "jeder Ball den Mann so lockt wie manche Frau ihren Liebhaber", wird dort die Partei herangezogen. "Beide, Ball und Partei, teilten und teilen dieselbe Leidenschaft: die höchsten Ideale schnell mal für einen billigen Tagesgewinn drangeben. Während die einen im Spiele sichere Siege verhökerten, verscherbelten die anderen im Alltagsgeschäft ihre blutig umkämpften Utopien. Stets ging es dabei um ein und dasselbe, um den lieben Mammon. Fußball und Partei halten und haben ihn selig."

Nun gut, dies ist nicht nur in China so, wie wohl auch überall Stadien "Stätte der Genugtuung" sein können. Kubin schreitet den Rasen der Assoziationen weiträumig ab: "Alles ist Ankunft, und wir fürchten uns vor dem Abschied. Ankunft meint, wo ist der Schnaps, wo ist der Fußballplatz. Abschied meint, den Fußball verstauen, den restlichen Schnaps in einen Flachmann leeren."

An anderer Stelle, nach einem Spiel zweier Lehrermannschaften in Shantou, ärgert er sich über die Verlierer: "Es fehlte ihnen der Geist, es fehlte ihnen die letzte Anstrengung. Man war im Kopf bei der nächsten Zigarettenschachtel, beim nächsten Parteistatut und bei dem nächsten Match mit chinesischen Charakteristika, als da sind: mangelnde Disziplin, mangelnder Siegeswille und mangelnde Konzentration." Beim Trinken, Spiel und für die Dichtung gilt: Ein bisschen Geist muss sein.

Kubin schwärmt von einem Schnaps, vornehmlich chinesischem, der nicht zu Kopf steigt, sondern Herz und Seele belebt, vom Reich der Sinne im Reich der Mitte. Das setzt voraus, dass der Trinkende kein Ertrinkender ist, der vor Alkohol gewarnt werden muss wie vor sich selbst. "Ob jung oder Mann, ein chinesischer Schnaps von hohen Prozenten erweist sich, wenn man nicht vorbereitet und abgesichert ist, wie ein deutscher Philosoph, als Alleszertrümmerer." Vorbereitet und abgesichert zu sein, das heißt unter anderem, auf jeden Tropfen Schnaps einen Tropfen abgekochtes Wasser oder Tee folgen zu lassen. Das rettet sowohl den Abend, als auch den kommenden Tag.

Apropos Rettung. Die Rettung Chinas trug sich folgendermaßen zu: Ein Kleinlaster fährt sich in weichem Boden fest. Keiner kann daran vorbei, ein Stau entsteht, doch niemand steigt aus, um zu helfen. Der Stau wächst, die Polizei trifft ein. Und tut: nichts. Schließlich legen Kubin und drei weitere Professoren Hand an "und retteten China. Andernfalls hätte der Stau inzwischen Peking erreicht".

Nüchtern betrachtet erzählt dieses geistreiche Buch gegen den Trend. In einer Zeit, in der das große "Ohne" gepredigt wird - ein Leben ohne Fett, Fleisch, Zucker, Sinn und Verstand -, geht es Kubin gar nicht ums "Schnapsen". Es geht um Haltung und Balance, das Bekenntnis zum Genuss, um das Glas in der Hand statt der Flasche im Keller.

Wolfgang Kubin: Die Geschichte eines Flachmanns. Schnaps-Essays. Weidle Verlag; 172 Seiten,19 Euro

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 10.06.2014

Janina Fleischer

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