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"Geld ist nicht alles": Heaven Shall Burn vor dem Impericon-Festival im Interview

"Geld ist nicht alles": Heaven Shall Burn vor dem Impericon-Festival im Interview

Vom kleinen Saalfeld in die große Welt: Heaven Shall Burn sind die Speerspitze des neuen deutschen Metals und mittlerweile auf großen Bühnen zu Hause. Heute erscheint das neue Album der Thüringer: "Veto".

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Einfach himmlisch, diese fünf Thüringer: Heaven Shall Burn feiern morgen in Leipzig ihr neues Album "Veto", links der interviewte Gitarrist Maik Weichert.

Quelle: Christian Thiele

Leipzig. Morgen sind sie Headliner des Impericon-Festivals in Leipzig. Gitarrist Maik Weichert gibt vorab Einblicke in den HSB-Kosmos.

Frage: Jedes neue HSB-Album steigt höher in die Top Ten ein, die vorderen Charts-Plätze sind quasi schon für euch reserviert - wie fühlt man sich denn so als Rockstar?

Maik Weichert:

Ich dachte auch immer: Man fühlt sich da irgendwie, alles wird anders. Die Wahrheit ist: Eigentlich passiert gar nichts, im Leben ändert sich so gut wie nichts. Man bekommt weiterhin Strafzettel, muss beim Einkaufen bezahlen. Eigenartig - aber auch ziemlich angenehm. Nur in Asien ist es uns tatsächlich schon passiert, dass die Fans wie verrückt kreischen. Normalerweise läuft das bei uns nicht so starmäßig ab, in der Metal- und Hardcore-Szene sind die Begegnungen mit Fans ja eher kumpelhaft.

Ihr könntet eigentlich von eurer Musik leben. Warum macht ihr das nicht?

Im Prinzip leben wir ja auch von der Musik. Das Geld spart man eben oder macht etwas Schönes, was man sich sonst nicht leisten könnte. Dass wir nebenbei noch unsere Jobs - vom Krankenpfleger, über Ergotherapeuten bis zum BWLer und Juristen - haben, erdet uns in gewisser Weise. Da spielst du einen Abend als Headliner vor 30000 Fans, die total abfeiern - und dann muss beispielsweise unser Sänger Marcus vier Stunden später im Krankenhaus mit seiner Frühschicht anfangen und wird im besten Fall von der Oberschwester zusammengefaltet.

Andere Bands in eurer Liga sind viel häufiger unterwegs, weil sie eben nur Musik machen.

Klar, aber wir können uns die Rosinen raussuchen. Bands von unserem Status spielen normalerweise zwischen 200 bis 250 Konzerte im Jahr. Doch Geld ist nicht alles. Wir machen 60 bis 70 Konzerte, das reicht. Das bietet uns den nötigen Freiraum. Es gibt genug Musiker, die keine Kumpels außerhalb ihrer Szene mehr haben. Da haben wir keinen Bock drauf. Es ist schon befreiend, wenn man weiß: Diese Tour musst du jetzt nicht unbedingt machen, nur um die Miete überweisen zu können.

Das Impericon-Festival ist gleichzeitig die Release-Show für "Veto". Beim ersten Hören fällt auf: Das Album ist aggressiver als die Iconoclast-Triologie, aber auch viel abwechslungsreicher.

Genau, weil wir diesmal emotionaler als auf den Vorgängern sein wollten. Das heißt: Beim Aggressiven ist es aggressiver als sonst, und wenn es melancholisch oder melodisch wird, werden auch diese Seiten ausgebaut. Wenn du so willst: Die Kurven in der Achterbahn sind steiler geworden - nach oben wie nach unten.

Eine der neuen Live-Hymnen dürfte "Valhalla" sein, in der ihr Blind Guardian covert ...

... und für die wir noch jede Menge die Gitarren-Soli üben müssen, damit es überhaupt ein Live-Hammer wird. Im Studio kann man da so einiges tricksen. Aber ob wir den Song morgen in Leipzig spielen - das wird sehr schwer.

Warum ausgerechnet Blind Guardian?

In einer Zeit, in der es ganz viele Leute cool finden, Justin Timberlake oder Lady Gaga zu covern, besinnen wir uns auf die alten Werte. Blind Guardian haben mich über viele Jahre auf Postern in meinem Kinderzimmer angeguckt, sie sind 1992 mein erstes Konzert gewesen.

Das Album heißt "Veto" - wogegen richtet ihr euch?

Das ist die Beschreibung des Covers, der Legende von Lady Godiva, die widersprochen hat. Es steht einfach dafür, seine Meinung zu sagen, eine Haltung anzunehmen. Man sieht so viele Menschen, die gebückt rumlaufen und sich um nichts mehr scheren. Bei Bands beobachten wir das auch immer mehr: Die wollen niemanden vergraulen, nur ganz vielen gefallen. Uns ist eben nicht egal, wer auf unseren Konzerten rumläuft. Die Leute wissen: Wenn sie zu uns kommen, unterstützen sie auch einen Haufen Zecken. Das sticht aus dem Einheitsbrei raus, das ist wohl so.

Eigentlich hattet ihr aber einen anderen Album-Titel geplant.

Im Zusammenhang mit dem Cover von Lady Godiva hatten wir "Nackt unter Wölfen" geplant. Auch, weil es zu unserer regionalen Identität gepasst hätte. Weil wir großen Respekt vor der Geschichte haben, hatten wir den Verlag angefragt, ob wir den Titel verwenden dürfen. Rechtlich hätten wir das nicht machen müssen, moralisch lag uns aber viel daran. Das Resultat war: Der Verlag fand die Verwendung bei einer Metal-Band nicht ganz so gut - und hat quasi sein Veto eingelegt. Deshalb haben wir verzichtet.

Ihr versteht euch als politische Band?

Ganz klar. Ich habe angefangen, Musik zu machen, um meine Meinung transportieren zu können. Als Schüler habe ich irgendwann festgestellt: Mir hören mehr Leute zu, wenn ich eine Gitarre in der Hand habe, als wenn ich Flyer verteile oder Artikel schreibe. Natürlich geht es bei uns nicht nur um die Meinung, wir sind auch eine unterhaltsame Band. Deshalb funktionieren unsere Songs auch für Leute, die nur Musik hören und Spaß haben wollen. Doch wer das weiterführende Angebot annehmen möchte, wer die Geschichten, die wir erzählen, hören möchte, kann jede Menge entdecken.

Gibt es "Veto"-Songs, die dir in dieser Beziehung besonders am Herzen liegen?

Rein musikalisch nicht. Textmäßig ist es der Song über Walter Schilling, einen Pfarrer und DDR-Bürgerrechtler aus Saalfeld, der im Osten vor und nach der Wende eine ganz wichtige Rolle gespielt hat - aber eben kein Selbstdarsteller wie manch anderer gewesen ist. Deshalb kennt man ihn kaum. Am Herzen liegt mir auch "53 Nations". Hier geht es um die internationalen Brigaden, die 1936 gegen den faschistischen Machthaber Franco gekämpft haben. Bis vor einigen Jahren gab es sogar Bundeswehrkasernen, die nach Werner Mölders, einem Jagdflieger aus der Nazizeit und Franco-Kämpfer benannt waren - aber an jene, die die Demokratie verteidigt haben, wird nicht erinnert.

Ihr transportiert auch eine Lebenseinstellung, die auf dem ersten Blick nicht so recht zum althergebrachten Metal zu passen scheint: ohne Alkohol, ohne tierische Produkte.

Ha, da kann ich endlich mal mit diesem Gerücht aufräumen, das sich seit 15 Jahren hält: Wir sind nie eine Band von Anti-Alkoholikern gewesen. Bei uns gibt es genauso Party-Leute in der Band, wie andere, die eben keinen Alkohol trinken. Ganz klar unterstützen wir aber Vegetarier und Veganer, das ist unsere Einstellung. In der Metal-Szene sind in dieser Beziehung mittlerweile viele unterwegs, so wie das bei modernen Menschen auch immer mehr ankommt.

Das dritte Impericon-Festival findet morgen ab 10.30 Uhr auf dem Agra-Gelände (Leipzig, Bornaische Straße 210) statt. Neben Heaven Shall Burn sind Szene-Schwergewichte wie Callejon, Emmure, August Burns Red und Architects am Start - allerdings sind sämtliche 5000 Tickets seit Wochen ausverkauft.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 19.04.2013

Andreas Debski

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