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Geld wider Willen – Ingo Schulze stellt seinen neuen Schelmenroman in Leipzig vor

Lesung Geld wider Willen – Ingo Schulze stellt seinen neuen Schelmenroman in Leipzig vor

Seit Jahren sind Biografien und Mentalitäten für den Schriftsteller Ingo Schulze ein Lebensthema, dem er literarisch wie auch in essayistischen Einmischungen auf der Spur bleibt. Am Mittwoch stellt er in Leipzig sein neues Buch „Peter Holtz“ im Haus des Buches vor – ein hinreißender Schelmenroman.

Einigkeit und Recht und D-Mark: Tag der Währungsunion in Leipzig. So ein Foto würde es von Peter Holtz nicht geben. Er hat ja nicht mal seinen Begrüßungs-Hunni abgeholt.
 
 
 

Quelle: Foto: dpa

Leipzig.  Es hat den Rheingau-Literatur-Preis gewonnen und stand auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Auch auf die Shortlist hätte dieses Werk gehört: Ein Roman, der es den Lesern nicht leicht macht und dabei bestens unterhält. Am Mittwoch stellt Ingo Schulze „Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst“ in Leipzig vor.

„Jeder Schein brennt auf seine eigene Weise“, erklärt Peter Holtz, als er einen Tausendmarkschein nach dem anderen anzündet. D-Mark. Eine Erfahrung, die er mit kaum jemandem teilt. Geld wird ja meist im übertragenen Sinn verbrannt, von Parteien, Investoren, Kommunen, Spekulanten, Konsumenten ... Selten mit Streichhölzern. Peter Holtz aber entscheidet sich für diese „Sprache der Tat“ als Versuch, die „Gesellschaft zu verbessern“. Nur das ist sein Ziel. Von Anfang an. Es geht ihm nicht um Anklage, sondern um die „Selbstreinigung des Kapitalismus“.

Das verstehen natürlich weder seine Therapeuten noch die Menschenmenge auf dem Alexanderplatz noch Gerhard Schröder, den Peter Holtz 1998 trifft. Der damalige Kanzlerkandidat ist nicht die einzige reale Person in dieser Fiktion, die der Realität deutsch-deutscher Umbrüche näher kommt als all die der westdeutschen Sozialisation verpflichteten Medien, die jeweils vor Wahlen die Ostdeutschen aufsuchen, um sich deren Wahlverhalten zu erklären.

Literarische Einmischungen

Für Ingo Schulze sind Biografien und Mentalitäten ein Lebensthema, dem er seit Jahren literarisch wie auch in essayistischen Einmischungen auf der Spur bleibt. Geboren wurde er 1962 in Dresden, hat in Altenburg gelebt, heute wohnt er in Berlin; seinem Debüt „33 Augenblicke des Glücks“ (1995) folgten unter anderem „Simple Storys“ (1998), der Roman „Neue Leben“ (2005) und „Unsere schönen neuen Kleider. Gegen eine marktkonforme Demokratie – für demokratiekonforme Märkte“ (2012).

Auch Peter Holtz ist Jahrgang ’62, ist 12 Jahre alt, als seine Erzählung im Sommer 1974 einsetzt. Ein altkluger Junge, der Propaganda-Sprüche stanzt und eine Diskussion anzettelt, warum er sein Eisbein nicht bezahlt, warum überhaupt „mir unsere Gesellschaft das Geld erst aushändigen soll, wenn dieses Geld doch über kurz oder lang sowieso wieder bei ihr landet?“, und der im Gästebuch des Ausflugslokals „mit sozialistischer Hochachtung“ verbleibt.

Er ist aus dem Kinderheim „Käthe Kollwitz“ abgehauen, um den ehemaligen Leiter Paul Löschau an der Ostsee ausfindig zu machen. Zufällig landet er im Wochenendbungalow der Familie Grohmann, die ihn postwendend adoptiert. Was Peter anfangs so nervig, zunehmend aber faszinierend wirken lässt: Er meint das alles ernst. Er ist kein Hochstapler – weder in moralischen noch in emotionalen Dingen. Schon gar nicht in finanziellen.

Ängste in Bonn

In kurzen Kapiteln springt die Handlung munter voran. Schon nach 50 Seiten ist Peter 14 Jahre alt, singt in einer Punkband Oktoberklub-Lieder, läuft mit wehenden Fahnen der Stasi in die Arme und auch gleich wieder raus, weil er seine Verpflichtung stolz herumerzählt. Peter Holtz darf das. Er ist der Schelm, der Gutes denkt in einem Schelmenroman, der hauptsächlich in Berlin spielt, ein bisschen in Dresden und ganz kurz in Frankreich. Immer mit Blick auf eine bessere Welt tritt Peter in die Ost-CDU ein, hält Reden, will ein Glühlampenwerk retten und den Wert der Kunst verstehen. Er hilft, wo er liebt. Sein Herz ist weit.

Nach gut 200 Seiten ist die Mauer gefallen, und der Roman nimmt weiter Fahrt auf, gewinnt an Relevanz, wenn Hoffnungen nicht mehr allein an Einheit und Währung gekoppelt sind (Peter hat sein „Begrüßungsgeld“ natürlich nicht abgeholt), sondern Erwartungen gegen Enttäuschungen antreten, Irrtümer gegen Illusionen, wenn Verunsicherungen auf Verluste treffen. Dazwischen liegt eine bewusstlose Zeit. So fällt Peter nach Helmut Kohls Kundgebung Ende ’89 in Dresden ins Koma, um wieder aufzuwachen, als CDU-Freund Joachim Lefèvre Ministerpräsident und die Sache im Grunde gelaufen ist, denn „in Bonn“ haben sie „Angst vor Veränderungen“.

Ingo Schulze

Ingo Schulze: Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst. Roman. S. Fischer Verlag; 576 Seiten, 22 Euro

Quelle: S. Fischer Verlag

Beim Abgleich von Haltung und Realität bleibt manches auf der Strecke. Peter Holtz aber trägt, in aller Unschuld, weiter seinen Glauben auf der Zunge. So wie der Kommunismus für ihn „nur die andere Seite des Christentums“ war, vertraut er auf die Marktwirtschaft und versucht, „mit kommunistischen Idealen Kapitalismus zu betreiben“, wie Stiefmutter Beate sagt, eine Bänkerin vorher und nachher. Die Häuser, die er sich im Osten schenken ließ, als sie mehr Kosten als Segen brachten, machen ihn zum millionenschweren Immobilien- und bei der Gelegenheit auch Bordell- und Galerienbesitzer. Der Held wider Willen hat Geld wider Willen.

Ernsthaft komisch

Es sind die Jahre vor der Ironisierung des Abendlandes, für Ironie hat diese Figur keinen Sinn, auch mit Humor fällt Peter Holtz nicht weiter auf. Dieser heilige Ernst ist es, der in irrwitzigen Situationen Komik erzeugt. Ingo Schulze komponiert Szenen emotionalen Slapsticks – etwa mit einem furzenden Dresdner Heldenbariton. Die Performance des alles zertrümmernden Künstlers Mihai ist beste Kulisse für einen kunst- und marktkritischen Dialog. Treuhand, Russen, Neonazis spielen ihre Rollen, und Peters leibliche Mutter taucht auf.

Stiefschwester Olga hofft am Ende: „Was im Osten ’89 gewesen ist, kann für uns alle ’98 werden.“ Das war, bevor Schröder Kanzler wurde. Der Glauben an Veränderung durch Wahlen ist geblieben, auch der an die Kraft des Geldes. „Wie schwer muss es sein, sich ratlos zu geben, statt das Richtige zu tun! Wer wissen will, kann wissen!“, sagt Peter Holtz und beginnt mit der Vernichtung der Tausendmarkscheine, damit sie keinen weiteren Schaden anrichten – nicht mit ihm und nicht bei anderen.

„Artprototo“ nennt er seine erste Verbrennungs-Aktion, pars pro toto weisen die knapp 600 Seiten dieses hinreißenden Romans über Zeit und Figuren hinaus, ohne der Gegenwart zu entkommen.

Ingo Schulze liest: am Mittwoch, 19.30 Uhr, Haus des Buches, Gerichtsweg 28; Karten (4/3 Euro) gibt es unter Tel. 0341 9954134 und an der Abendkasse

Ingo Schulze: Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst.Roman.S. Fischer Verlag;576 Seiten, 22 Euro

Von Janina Fleischer

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