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Gemütliches Rätselraten: Performance „Zooropa“ von Friendly Fire aus Leipzig

Premiere Gemütliches Rätselraten: Performance „Zooropa“ von Friendly Fire aus Leipzig

Eine Theater-Safari der speziellen Art hatte am Donnerstagabend im Lofft Premiere. In „Zooropa“ lässt die Leipziger Performance-Gruppe Friendly Fire Tiere des 22. Jahrhunderts in die Vergangenheit zu den Spuren der ausgestorbenen Spezies „Mensch“ reisen.

Starker Moment: Der Chor der Tiere mustert schweigend das Publikum.

Quelle: Susann Jehnichen

Leipzig. Heiner Müller (ach, wie sehr er doch fehlt) zitierte einmal einen „klugen Franzosen“ mit dem Satz: „Der Beitrag der Deutschen zur Weltkultur ist der Tierpark“. Einen solchen kann man jetzt sogar im Lofft besuchen. „Zooropa“ heißt die neue Inszenierung der Leipziger Performancegruppe Friendly Fire. Eine Theater-Safari der speziellen Art. Donnerstag war Premiere.

Europa aus animalischer Perspektive. Es sind Tiere aus der Zukunft des 22. Jahrhunderts, die hier, gleichsam Forschungsreisende aus den Sphären anti- anthropologischer Bewusstseinsebenen, etwas betrachten, was als „das Mensch“ bezeichnet wird und nicht zufällig Ähnlichkeiten mit dem zahlreich erschienenen Publikum aufweist.

Welches dann für gut eine Stunde in einem Bühnenraum steht, in dem verschiedene Objekte (ein Gestell mit Masken, ein Kratzbaum-Pfahl, Reifenstapel) platziert sind, die in gekonnter Verfremdung an das Dekor in einschlägigen Tiergehegen erinnern (Bühne: Fabian Reimann). Und zwischen denen dann drei Performerinnen, bald verstärkt durch einen Chor, dem Publikum eine Art Textmassen-Fütterung verabreichen.

Vom Ende des Menschen als Geburt des Übertieres ist zu hören. Die Reise ans Ende der Nacht wird zur Erkenntnis „Wir sind die Nacht“. Verkündet wird zudem, dass dort, wo sonst Licht eindrang, es jetzt die Tiere sind („there is a crack in every thing that’s how the animals get in“), oder dass die alte Gewalt nicht zu alt ist, um neue Werte zu zeugen. Und so weiter.

Themen-Streichel-Zoo für Theaterwissenschaftler

Fraglos ein Textkonglomerat beeindruckender Belesenheit, verrührt aus zahllosen Zitat-Zutaten (Nietzsche, Celine, Leonard Cohen, Robinson Jeffers usw., usw.). Dass man sich allerdings noch während der Aufführung dabei ertappt, versuchsweise diese jeweiligen Zitate ihren jeweiligen Schöpfern zuzuordnen, ist heikel. Als Sonntagsrätsel gemütlichen Dechiffrierens war „Zooropa“ sicherlich nicht gedacht.

Um wieder bei Heiner Müller zu sein. Dessen Satz „Erfahrung kann man nur blind machen“ hier auch (und in Friendly-Fire-Inszenierungen nicht zum ersten Mal) zitiert wird. Von Texten, die „von ihrem Rhythmus leben und strahlen und die Information über diesen Rhythmus abgeben und nicht über die Mitteilung“, spricht Müller dann auch weiter in diesem Zusammenhang. Womit man bezüglich „Zooropa“ beim entscheidenden Punkt wäre: Just an Rhythmus, am Sprech-, aber auch Szenenrhythmus, nämlich fehlt es der Inszenierung. Und vielleicht auch an Erfahrungen (der Künstler), aus der Erfahrung (für das Publikum) im Sinne einer Irritation, einer Beunruhigung wachsen kann, die über Mitteilungen hinauswächst.

Wobei es diese Momente gibt. Bezeichnenderweise dann, wenn nichts gesprochen wird. Und stattdessen auf einer Scheibe über der Bühne Filmprojektionen zu sehen sind (Video: Eyal Segal, Peter Stamer), wie etwa die historische Aufnahme einer Schlachtung, das Ausbluten eines Tieres (eines Schweins), zu dem eine Performerin einen still-schmerzlichen Tanz vollführt. Oder wenn der Chor, Zukunftstiere mit faszinierenden Fell-und Filzmasken (Kostüm/Masken: Rebecca Löffler), einfach schweigend die Zuschauer mustert. Es sind Momente, in denen sich „Zooropa“ aus der allzu spürbaren Konzeption und Konstruktion befreit – in denen der Themen-Streichel-Zoo für Theaterwissenschaftler, die Farm der Tiere fürs intellektuelle Versatzstück-Jonglieren, zu einem Zerrspiegelspiel menschlicher Selbstentfremdung wird.

Weitere Aufführungen von „Zooropa“ Samstag, 20 Uhr, Sonntag, 18 Uhr, sowie 13. bis 15. Januar, Lofft (Lindenauer Markt 21), Eintritt 12/8 Euro

Von Steffen Georgi

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