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Genital-Gags und Gesellschaftskritik: Michael Mittermeier meistert den Spagat

Haus Auensee Genital-Gags und Gesellschaftskritik: Michael Mittermeier meistert den Spagat

„Wild“ heißt das Programm. Wie passend, kennt man die bayerische Rampensau doch für seine aufgerissenen Augen und seine vermeintlich ungesteuerte Motorik. Am Donnerstagabend im fast ausverkauften Haus Auensee zeigte der heisere Fast-50-Jährige über zweieinhalb Stunden lang, dass er weder zum alten Eisen gehört noch sich verzweifelt bei der Jugend andienen muss.

Michael Mittermeier, 49, im Haus Auensee.
 

Quelle: André Kempner

Leipzig.  „Wild“ heißt das Programm. Wie passend, kennt man die bayerische Rampensau doch unter anderem für seine aufgerissenen Augen und seine vermeintlich ungesteuerte Motorik. Und schon mit seiner „Paranoid“-Tour hatte Mittermeier ein feines Händchen beim Sezieren der menschlichen Psyche und ihrer Abgründe bewiesen.

Am Donnerstagabend im fast ausverkauften Haus Auensee zeigte der heisere Fast-50-Jährige über zweieinhalb Stunden lang, dass er weder zum alten Eisen gehört noch sich verzweifelt bei der Jugend andienen muss. Denn er kennt die Lebenswelten und liefert die meisten Gags generationenübergreifend.

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„Wild“ heißt das Programm, mit dem Michael Mittermeier am Donnerstag im Haus Auensee sein Leipziger Publikum verzückt hat.

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Duellierende Spielplatzkinder, provokante Pubertierende, aber auch Rentner, deren Fleisch man doch verkaufen und daher auf Farmen halten müsste – alle bekommen ihr Fett weg. Regionale Feinheiten nimmt er ebenfalls ins Fadenkreuz: „Scheiße, der Osten kommt auch nicht mehr hoch“, so sein Eindruck der leicht verlebt aussehenden Gruftis beim Wave-Gotik-Treffen. Auch vor seinen eigenen Landsleuten macht der gebürtige Oberbayer nicht Halt. Als Obama ein urbayerisches Dorf samt englisch­unkundigem Bürgermeister besuchen soll, treiben die Übersetzungen beinahe die Scharfschützen in den Wahnsinn. Aber Weißwurstzutzeln heißt dann für den schwarzen US-Präsidenten eben „Suck the white sausage“

Überhaupt die Sprache an sich ist Mittermeiers Kaleidoskop, das er immer wieder dreht und neu betrachtet. Das kann dann zuweilen auch etwas unappetitlich werden wie bei der sprachübergreifenden linguistischen Analyse von „am Arsch lecken“, aber man verzeiht dem herzlichen Wortjongleur an diesem Abend auch die Bilder, die man ungern im Kopf behalten möchte. Man lernt außerdem, dass das bayerische „Grüß Gott“ eigentlich gar nicht so nett gemeint ist. Dazu gesellen sich eine Vielzahl von Wortspielen und Figuren wie der „Dschi-Hazi“, der „Albache“ und Merkels eigene Rockergang, die Hell’s Angies.

Die Hell’s Angies

Mittermeier fühlt millisekundengenau, wie lang jede Sprechpause sein muss, damit jeder Einfall sich optimal entfalten kann. Jede Geste sitzt und unterfüttert die Performance. Das Publikum quittiert die Feinjustierung mit großem Applaus. Das ganz große Können offenbart sich aber in Mittermeiers Kunst der Selbstreferenz, denn seine ein Mal rausgehauenen Pointen tauchen später als Querverweis in neuem Kontext immer wieder auf, wie etwa Darth Vader.

Apropos dunkle Seite: Mittermeier leistet es sich, in diesem Wirbel von Witz und Worten auch zwischendurch einen klaren Break zu machen und völlig ernst seine politische Botschaft rüberzubringen: Gut ist es, für seine Meinung einzustehen, aber zu trennen zwischen „sich Sorgen machen“ und Ausländerhetze. Im Programm schafft er dann auch den schwierigen Spagat zwischen Genital-Gags und Gesellschaftskritik. Man merkt am Ende: Auch Wildheit braucht Struktur, um sich komplett zu entfalten. Und wünscht sich, dass der bayerische Spaßbeauftragte sich nicht so bald zähmen lässt.

Von Markus Gärtner

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