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Kultur Getrommelte Liebesgedichte: Lars Eidinger und George Kranz mit Lyrik Thomas Braschs
Nachrichten Kultur Getrommelte Liebesgedichte: Lars Eidinger und George Kranz mit Lyrik Thomas Braschs
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00:18 21.01.2017
Sich nicht verstellen, sondern öffentlich entdecken: Schauspieler Lars Eidinger, 40, betätigt sich im Haus des Buches frei nach Thomas Brasch. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Wahrscheinlich hätte Lars Eidinger auch aus der Straßenverkehrsordnung vorlesen können, ausverkauft wäre es trotzdem gewesen. Der bei Studentin bis Schwiegerpapa auf Bühne, im Fernsehen und Kino gerade wie kaum ein Zweiter beliebte und gefeierte deutsche Schauspieler präsentierte am Dienstag im Haus des Buches aber doch Liebeslyrik von Thomas Brasch. Mit Schlagzeuger George Kranz stellte sich Eidinger dabei einen umtriebigen Profi an die Seite, der unter anderem schon mit Madonna auf der Bühne stand.

„Lyrik im Konzert“ nennt sich derlei Format, war Mitte der 70er mit Patti Smiths Gitarren-gestützten Lesungen ein Geburtshelfer des Punk und ist heutzutage eher zur Kategorie gutbürgerlich-intellektuelle Liebhaberveranstaltung geschrumpft. Der Promibonus füllt den großen Saal jedoch bis auf das letzte Zusatz-Sitzkissen. Als Eidinger im Hipster-Schlurf mit Mütze und Retro-Motiv-Strickjacke (wie passend: „Love“) den Saal betritt, jubeln die Fans.

Wo die Hierarchie geklärt scheint, schiebt sich im Laufe des Abends dennoch zunehmend des Dichters Wort in den Vordergrund. Natürlich merkt man Eidinger den Schauspieler an, aber in dem Sinne, dass dieser in sein Material eintaucht und es ernst nimmt. So gut wie nie streift sein Blick das Publikum, er heftet ihn beharrlich aufs Papier und widmet seine Stimme, so präsent wie ruhig, ganz Inhalt und Rhythmus der Worte. In dieser Konzentriertheit offenbart sich bald der spezielle, unaufgeregte Sound von Braschs Lyrik: Oft aphoristisch kurz, gehen Klarheit und Gefühl, Poesie und Präzision scheinbar widerspruchslose Symbiosen ein und sparen auch Humor nicht aus.

Nah an der Gegenwart

Der 2001 verstorbene Dichter ist dabei mitunter nah an der heutigen Lebenswelt, was nicht nur am zeitlos universellen Thema Liebe liegt: Da wird Hand in Hand durch postapokalyptische Zustände spaziert, was nur allzu gut die derzeitige „Hurra, die Welt geht unter“-Stimmung fasst, da füllt sich die ermüdende „Ich bin ja kein …, aber …“-Litanei endlich mit angenehmen Gedanken und Wendungen. Auch findet Eidinger sich selbst bei Brasch, zumindest seine Profession: „Mein Beruf heißt / Mich nicht verstellen / sondern öffentlich entdecken.“

Kranz kommentiert jedes Gedicht mit einer kurzen Percussion-Etüde, die sich nicht auf das Schlagzeug begrenzt, Body- und Stimmpercussion, die humorige Jazz-Schwester des Beatboxings, kommt ebenso zum Einsatz. Kurz vor Schluss steigert sich der bekannte Brasch-Versuch, die drei berühmten Worte „Ich liebe Dich“ ohne spezielle Betonung zu sprechen, zu einem Schlagzeug-Sprech-Solo irgendwo zwischen Trio und Freejazz.

Hat man das ostinate Spielprinzip von Eidinger und Kranz erkannt, droht nach einiger Zeit doch so etwas wie Monotonie. Wieder retten die Worte Braschs, die einen weitertragen, tief treffende Gefühlsbilder und pointierte Gedanken liefern, an denen man sich kaum satt hören mag. Ein bisschen Theater gibt es zur Zugabe dann doch noch, als das Bühnenlicht erlischt, Eidinger und Kranz durch die bodenlangen Erdgeschossfenster des Saales nach draußen treten und per Funkmikrofon die melancholisch nachtorange Straße zur Bühne für ihre letzten Gedichte erklären.

Von Karsten Kriesel

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