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Gewandhausorchester: Am Ende einer Zeit - aber auf deren Höhe

Gewandhausorchester: Am Ende einer Zeit - aber auf deren Höhe

Allen Ankündigungen zum Trotz, in jedem seiner Programme müsse die Neue Musik einen Platz finden, hat Gewandhauskapellmeister Riccardo Chailly in den knapp zehn Jahren seiner bisherigen Amtszeit die Flanke der Moderne oft ungedeckt gelassen.

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Riccardo Chailly und Fabio Vacchi mit der Partitur von "Der Walddämon".

Quelle: André Kempner

Vielleicht erklärt darum Ann-Kathrin Zimmermann im Programmheft zu den drei Großen Concerten dieser Woche so wortreich, man müsse keine Angst haben vor tönender Moderne.

Viele Leipziger haben sie offenbar doch, denn am Donnerstag ist der Große Saal zwar gut besucht. Aber sonst ist er bis auf den letzten Platz gefüllt, wenn der Chef am Pult steht. Er hat, da hat er Wort gehalten in den letzten Jahren, wieder die Uraufführung eines Gewandhaus-Auftrags im Gepäck: Nach solchen von Wolfgang Rihm (2005, 2008), Bernd Franke (2006, 2007), Steffen Schleiermacher (2006, 2009, 2011), Hans Werner Henze (2008), Laurent Mettraux (2010), Friedrich Cerha (2011), Carlo Boccadoro (2011), Colin Matthews (2011), Bruno Mantovani (2011), Daniel Schlee (2012), die nach 2011 zweite von Fabio Vacchi, Jahrgang 1949: "Der Walddämon". Eine gute halbe Stunde Musik, aufgebrochen in acht Sätze nebst vier Zwischenspielen und einem Postludium, modelliert nach einem Märchen von Amos Oz.

Das tut wirklich nicht weh. Im ersten Satz "Villagio", Dorf, brauchen das Gewandhausorchester und sein Chef noch ein wenig, um die komplex zwischen die Taktstriche gekanteten Schichten und Flächen des groß besetzten Klangkörpers mit dem etwas zu geschwätzigen Rauschen der sechs Schlagwerker in Balance zu bringen. Aber je länger die Bögen sind, zu denen sich die Motivzellen verhaken, desto mehr fühlen die Leipziger sich wohl mit dem farbigen Reichtum dieser Partitur.

Vacchi ist einer von denen, die quer stehen zur Nachkriegs-Avantgarde. Seine Musik folgt nicht abstrakten Konzepten, sondern sinnlichen. Das erlaubt es ihm, tief in die Kiste des Illustrators zu greifen, Tierstimmen und Naturlaute einzubeziehen, sich auch in de Vergangenheit ausführlich umzusehen: Feuervogel und Swing, Neoklassik und Peter und der Wolf, postromantische Wallung und filmischer Effekt - alles drin. Alles als Teil einer gut gebauten Geschichte in Tönen, die sich nicht im programmmusikalischen Nacherzählen genügt, sondern formal wie klanglich ihren Eigenwert behauptet - wenngleich mit leichtem Hang zur Überfrachtung. Und so gellen, nachdem Konzertmeister Frank Michael Erben das Postludium in jenes amorphe Nichts zurückgeführt hat, aus dem die Einleitung sich entwickelte, die Bravi für diese im umfassenden Sinne schöne Uraufführung.

Umfassend schön ist auch Rachmaninoffs Vocalise, deren Orchesterfassung Chailly an den Beginn des Programms stellt. Kaum länger als fünf Minuten, strömt da eine meist den ersten Violinen anvertraute Melodie. Aus einfachen Zellen ist sie gebaut, jede Wendung klingt vertraut, und doch wiederholt sich da beinahe nichts. Dazu entwickelt das restliche Orchester unter Chaillys weich den Klang formenden und fordernden Händen auf kleinstem Raum jene kontrapunktische Erotik der Mittelstimmen, die jeden Rachmaninow kennzeichnet.

Wie die Vocalise erzählt und schwärmt, eigentlich auch Vacchi, so singt das Adagio von Rachmaninows größtenteils in Dresden entstandener Zweiter Sinfonie das wehmütige Lied von der Sinnlichkeit. Für das weit ausschwingende Klarinetten-Solo dieses Satzes allein lohnte es sich, dieses Instrument zu lernen. Aber Edgar Heßke gibt sich nicht mit dem warmen Zauber einer unendlichen Melodie zufrieden, die das Orchester von allen Seiten zärtlich umschmeichelt. Minimal raut er seinen herrlichen Ton auf, gibt sich nicht mit dem Augenblick zufrieden, sondern hat fest ein Ziel vor Augen.

Diese Musizierhaltung prägt auch den Rest der Sinfonie. Rachmaninoffs Sinfonik ist nicht eben gut beleumundet, weil viele Interpreten es mit der Üppigkeit übertreiben. Dann kippt Melancholie ins Sentimentale, versickert Süffigkeit im Plüsch. Chailly dagegen, der auf die emotionale Magie seiner Linken setzt, derweil die Rechte mit unerbittlicher Präzision die komplexe Chose beisammenhält, geht die Partitur eher von der klassizistischen Seite an. Wie, historische Aufnahmen beweisen es, auch der Komponist es wollte. In der Folge stehen das düstere Largo, das kraftvolle Allegro moderato, das irisierende Scherzo, das Adagio, das wuchtig-virtuose Finale sozusagen am Ende einer Zeit - aber auf deren Höhe.

Rachmaninoffs Instrumentationskunst musste, obschon noch immer auf der Suche nach dem vollkommenen Mischklang, keinen zeitgenössischen Vergleich scheuen. Wie Chailly und seine Musiker, in allen Registern, an allen Pulten, immer neue Farben finden, immer wieder neu schattieren, jedes der vielen Crescendi anders atmen lassen, das ist ganz großes Orchesterkino und macht unbedingt Lust auf die entstehende Decca-Box mit den sinfonischen Werken des großen Russen. Auch hier: ausdauernder Jubel, durchsetzt mit ekstatischen Bravi.

Heute, 20 Uhr, wird das Große Concert wiederholt. An der Abendkasse oder unter Tel. 0341 1270280 gibt's noch Restkarten.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 31.01.2015

Peter Korfmacher

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