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Kultur Gewandhausorchester debütiert unter Andris Nelsons
Nachrichten Kultur Gewandhausorchester debütiert unter Andris Nelsons
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14:04 27.04.2018
Anspielprobe im großen Saal der Elbphilharmonie: das Gewandhausorchester unter Andris Nelsons. Quelle: Steiner
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Leipzig

Natürlich ist Andreas Creuzburg dabei. Und der Vorsitzende der Gesellschaft der Freunde des Gewandhausorchesters ist nicht allein zum Debüt des ältesten bürgerlichen Orchesters der Welt im seit langem ausverkauften teuersten Konzertsaal der Welt angereist. Eine Sponsorendelegation hat sich aus Leipzig auf den Weg in die Hamburger Elbphilharmonie gemacht und eine ganze Busladung von Mitarbeitern und im Konzert nicht beschäftigten Musikern des Gewandhausorchesters. Sie alle hat der noch junge, aber überaus wirkmächtige Mythos der Elphi angezogen und, mehr noch, die Frage: Wie klingt er denn nun, dieser Saal?

In der Pause, Andris Nelsons hat gerade im Rahmen seiner ersten Tournee mit dem Orchester, dessen Chef er seit Februar ist, Thomas Larchers unerhebliches, aber sehr fein ausinstrumentiertes „Chiasma“ dirigiert und Mozarts berühmte g-moll-Sinfonie, findet Andreas Creuzburg darauf eine verblüffend knappe und präzise Antwort: „Wie im Tonstudio“.

Das trifft es ziemlich gut. Denn die subtile Detailfülle in diesem Saal ist schon ziemlich einzigartig. Da wandern und oszillieren bei Larcher die Klangflächen. Da beleben bei Mozart feinste dynamische Verästelungen und Abstufungen Nelsons‘ Schneckentempo und laden es gleichsam von innen mit Spannung auf. Da schwebt ein zarter Silberschleier über den Streichern um Konzertmeister Sebastian Breuninger, kann Nelsons nach Belieben dieses oder jenes Detail aus seinen Musikern herausstreicheln, die bereitwillig und in Echtzeit liefern.

Mehr noch kommen die analytische Präzision und Transparenz des Saales nach der Pause Tschaikowskis „Pathétique“ zugute. Die war schon bei den Großen Concerten im Gewandhaus grandios – und hier, hoch über dem Hamburger Hafen, legt das Orchester an allen Ecken und Enden noch ein wenig Intensität nach. Da perlen im Kopfsatz die Tränentropfen aus Katalin Stefulas Flöte direkt in die Seele der Zuhörer, nachdem Nelsons den düsteren Beginn mit schonungsloser Ruhe aus dem Nichts geholt hat. In erlesener Delikatesse tanzt der hinkende Walzer des Allegro con grazia vorbei, und ins Scherzo pumpt Nelsons so viel Energie hinein, dass sie sich – wie schon in Leipzig – am Satzende in spontanen Zwischenjubel entlädt.

Dafür bleibt es mucksmäuschenstill im Saal, wenn nach dem verebbenden Herzschlag des Finales der Gewandhauskapellmeister eine gefühlte Ewigkeit die Arme oben lässt. Und diese erschütternden letzten Worte in Tönen nehmen das Publikum seelisch so sehr mit, dass der ganz große Jubel erst im zweiten Anlauf losbrandet. Dann aber um so gewaltiger.

Auch das Klatschen hört man sehr schön und sehr fein aufgelöst in diesem Saal. Wie überhaupt jede Lebensäußerung der Menschen, die seine vielen Ränge bevölkern. Und weil Hanseaten und Elphi-Touristen aus aller Herren Länder ihre Bronchien auch nicht viel besser im Griff haben und ihr Bonbonpapier, steht dieser Befund auf der Sollseite der Saalakustik. Dahinein ragt auch der größte Vorzug des Saals, seine Transparenz. Denn wie im von Creuzburg assoziierten Tonstudio hört man hier alles, wirklich alles.

Das Gewandhausorchester muss sich in Sachen Balance und Präzision kaum etwas vorwerfen lassen bei seinem Elbphilharmonie-Debüt. Bei Larcher nicht, nicht bei Mozart, schon gar nicht beim so virtuosen wie intensiven Tschaikowski. Aber Yasuhisa Toyotas auch optisch aufregende eher graue als weiße Haut reicht jede Intonationstrübung, jeden Wackler, jedes Klappern nachgerade denunziatorisch auf dem Silbertablett herum. Und anders als im Studio ist im Nachhinein nichts mehr zu reparieren.

Dafür verbindet beide eine gewisse Unpersönlichkeit des Klangs, die, spielen weniger üppig, kraftvoll und lebendig musizierende Klangkörper als das Gewandhausorchester unter dem Klang-Alchemisten Nelsons hier, gewiss schnell in Kälte umschlägt. Und zweidimensional bleibt es auch mit dem Gewandhausorchester. Wie ein Röntgenbild, das zwar einen präzisen Blick in die Tiefe erlaubt, die dritte Dimension aber verweigert.

Knapp 170 Euro kosten die Tickets fürs Gewandhaus-Gastspiel in der teuersten Kategorie. Lässt man den Blick auf dem nicht wirklich sensationellen Erste-Kategorie-Sitz in Block N im 15. Stock kreisen, gibt es offenbar nur wenige Plätze, die nicht in die teuerste Kategorie fallen. Sie alle eint das weitgehende Fehlen von Knieraum – was wiederum den 2100-Plätze-Saal mit Bayreuth verbindet. Doch da gibt es tatsächlich die beste Akustik der Welt. Jedenfalls für Opern, wenn sie aus der Feder Richard Wagners kommen.

Dennoch: An der Hamburger Klang-Holographie herumzumäkeln ist schon Jammern auf hohem Niveau. Die meisten Musiker sagen, auf der Bühne fühle der Saal sich fabelhaft an. Und in der Liga der Berliner Philharmonie, des Gewandhauses, von Luxemburg und Luzern spielt die Elbphilharmonie allemal. Aber grundlegend besser ist sie eben nicht.

Dafür entschädigt die spektakuläre Architektur, die auf dem weiten Weg nach oben, zur Kunst, immer wieder großartige Blicke auf Hamburg und seinen bis zum Horizont reichenden Hafen eröffnet. Das und die Mär von der besten Akustik der Welt werden noch lange dafür sorgen, dass praktisch alles ausverkauft ist, was in diesem Saal stattfindet, und dass die Optimisten, die sich in großer Zahl dennoch an der Abendkasse einfinden, nur bis zur Plaza kommen und keinen Eingang finden ins grandios bis spektakelhaft inszenierte Allerheiligste der Musik.

Nelsons erste Tournee mit dem Gewandhausorchester führt nach Stationen in Wien, Hamburg, Amsterdam, Brüssel noch nach Baden-Baden, Köln, Dortmund, Luxemburg, Paris und Madrid. Das nächste Große Concert im Gewandhaus steht dann am 17. Mai an. Dima Slobodeniouk dirigiert Werke von Dusapin und Rimski-Korsakow, Solisten sind Viktoria Mullowa und Matthew Barley.

www.gewandhausorchester.de

Von Peter korfmacher

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