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18:02 28.09.2017
Eindrucksvolle Drei-Seiten-Projektion: Bernd Gengelbachs Lichtdesign für die Museumsnacht in Halle 2015 im Lindenhof der Franckeschen Stiftungen – mit Texten aus Schriften von August Hermann Francke. Quelle: Foto: Screenshot
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Leipzig

Am Samstag wird es passieren. Im Schlosshof von Belantis werden Torbögen durch eine Sternenlandschaft huschen. Zu mystischer Musik und beschwörender Stimme formen sich die Konturen des Baus wie gezeichnete Fäden, verdeutlichen sich bis zum naturalistischen Abbild – um sich in kantigen Formen wieder aufzulösen, hintereinander gefächert wie ein Echo aus Geometrie. Das ist das Intro der Installation, die Bernd Gengelbach für den Freizeitpark gezaubert hat. Ein Kunstwerk aus Licht, das die Thementage „Dunkelfunkeln“ abschließt. Und ein Beispiel für das, woran der 53-Jährige arbeitet.

Doch eben nur eines von vielen – aus gutem Grund kündet die Startseite seiner Homepage „Von der Unmöglichkeit, nur eines zu tun“. Denn das Erschließen von Wegen, die man auch noch gehen kann, scheint diesen Mann um- und anzutreiben. Lichtdesign, Technik für Veranstaltungen, Entwürfe zum in Leipzig seit Jahren umstrittenen Thema Einheitsdenkmal, Tourbegleiter von Musikern, Audio-Bastler, Werbe-Grafiker – es ist das Tüfteln, das Ausmessen und (Er-)Finden, das Gengelbachs Arbeitsfelder vereint.

Schon der Platz seiner Geburt ist kein gewöhnlicher. Im früheren Pferdestall des Luise-Henrietten-Stifts entfährt ihm der erste Schrei. Seine Mutter hat dort als Schwesterschülerin gearbeitet und sich aus Verbundenheit für diesen Ort der Niederkunft entschieden. Als ihr Junge vier Wochen alt ist, geht es zurück nach Leipzig. Nach der Schule absolviert Gengelbach eine Lehre als Stahlbau-Schlosser, in seiner Freizeit blüht die Liebe zum Theater auf. Regelmäßig fährt er die Technik im Beyerhaus für das Ensemble Solidarität der Uni. Als 22-Jähriger ergattert er einen Platz für eine Reise nach Vietnam mit „Jugendtourist“, dem Reisebüro der FDJ. „Diese hungernden Menschen zu sehen, hat mein Denken verändert“, sagt er rückblickend. Bis , so betont Gengelbach, kommt er mit dem manchmal nur Meter voneinander entfernt liegenden Kontrast zwischen Armut und Überfluss nicht klar. Ungerechtigkeit und Gewalt sind Phänomene, die ihn wahnsinnig machen können.

Nach der Armeezeit verdient der Leipziger sein Geld als Schlosser und Autokranfahrer, dann hebelt die Friedliche Revolution alles aus, das Leben wird neu justiert. Für einen großen Hersteller verkauft er Werkstatt-, Montage- und Befestigungsartikel. „Das war allerdings nicht mein Ding.“ Lieber engagiert er sich für das Beyerhaus, kümmert sich um die Technik im Poetischen Theater. Als er seinem Chef mitteilt, den Betrieb zu verlassen, ist der gar nicht mal so verwundert. „Ich hab’s immer gewusst – du bist eben ein elender Theaterfuzzi!“ Gengelbach arbeitet als ABM-Kraft im Haus an der Ernst-Schneller-Straße, 1995 wechselt er ins Werk 2. Ein Jahr später setzt er den Beschluss um, selbstständig als Veranstaltungs-Techniker zu arbeiten.

Bei Engagements an der Schaubühne Lindenfels werden sowohl Nina Hagen als auch später Ulla Meinecke aufmerksam auf das, was der Leipziger am Pult veranstaltet – und buchen ihn als Tournee-Techniker. Erfahrungen, die er nicht missen möchte, weder menschlich noch fachlich. „Mit Ninas Unberechenbarkeit sind einige schwer zurechtgekommen, für mich war das unproblematisch“, erzählt er. Mit Meinecke verbindet ihn bis heute eine Freundschaft. Als „High-End-Erlebnis“ bezeichnet Gengelbach die Live-Shows, die er für Herman van Veen fuhr – „persönlich und professionell ist das ein unglaublich angenehmer Mensch“. Das Duo Ursus und Nadeschkin oder Steffen Schleiermacher sind weitere Künstler, die er betreut.

Mit den Jahren wächst sein Faible für Lichtdesign. 1996 ersinnt der Autodidakt für eine Ausstellung der Franckeschen Stiftungen in Halle eine neue wirkungsvolle Beleuchtung für die Kunst- und Naturalienkammer. Der damalige stellvertretende Direktor ist begeistert; weitere Aufträge folgen, mehrfach setzt er die Museumsnacht des Hauses ins richtige Licht. Seitdem hat Gengelbach viele Großprojekte gestemmt – unter anderem für die Uckermärkischen Bühnen Schwedt und das Festival Genius Loci in Weimar. Mit einem zwinkernden Vergnügen nennt er sich inzwischen „Hofilluminator“ – eine Bezeichnung, die König Ludwig II. von Bayern dem Beleuchter seines Schloss in Neuschwanstein gab. Und es verblüfft, wie oft er tatsächlich Höfe in Kunstlicht taucht: im Sommer beispielsqweise den Hof vor dem Luther-Haus in Wittenberg, nun den von Belantis.

Die auf der Website besagte Unmöglichkeit, nur eines zu tun, verhindert die komplette Aufzählung all dessen, was dieser Mann fabriziert. Gengelbach entwirft und baut Bühnen, kümmert sich um Audio- und Videoproduktionen, ist seit knapp 20 Jahren technischer Leiter des Theaterfestivals Euro-Scene. Unter anderem, anderem und anderem.

In vielfacher Hinsicht vereint der liierte Vater einer zehnjährigen Tochter Eigenschaften, die sich bei anderen ausschließen: Im Privaten diese tiefe Verwurzelung in Leipzig bei gleichzeitigem Fernweh, das ihn zum Beispiel mehrfach nach Nicaragua trieb. In der Kunst dieses sensible Gespür für Nuancen, fürs Hineinfühlen – und parallel die Fähigkeit, technisch die entscheidenden Punkte zu fixieren, die ein bestechendes Gesamtbild ergeben. Realist ist er ebenso wie ein Träumer. Und Bernd Gengelbach gehört zu den Menschen, die um ihr Können wissen, ohne dabei das Zweifeln zu verlernen. „Aufgeregt bin ich immer wieder, wenn das, was ich am Computerbildschirm erdacht habe, zur Aufführung kommt.“

Am Samstag ist es wieder soweit: Im Hof des Freizeitparks werden Bilder und Lichtkonstruktionen Illusionen schaffen. Und lange dürfte es nicht dauern, bis Bernd Gengelbach ein neues Faible entdeckt. Soll ja auch nicht langweilig werden, dieses Leben.

www.hofilluminator.de

Von Mark Daniel

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