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Kultur Grassimesse in Leipzig: Unter alten Bekannten
Nachrichten Kultur Grassimesse in Leipzig: Unter alten Bekannten
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13:11 23.10.2017
Stofftiere von Maria Barleben. Quelle: Andre Kempner
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Leipzig

Tradition ist ohne jeden Zweifel einer der Begriffe, den man der Grassimesse fest zuordnen kann. Nicht allein wegen der annähernd einhundertjährigen Wurzeln, auch nicht nur wegen der nun genau zwanzig Jahre seit der Wiedergründung. Was hier in die Auswahl kommt, atmet den Geist uralten handwerklichen und künstlerischen Könnens. Innovative Einsprengsel bestätigen dieses Prinzip eher, als es zu widerlegen. Die Qualität ist – wie gewohnt – durchweg hervorragend. Doch bei dieser Ausgabe der ehrwürdigen Institution Grassimesse stellt sich am Wochenende für den notorischen Besucher doch stärker noch als im Vorjahr der Effekt des „Kenn ich schon“ ein. Dass von den rund 100 offiziellen Ausstellern lediglich sechs ihren Wohnsitz außerhalb der deutschen Grenzen angeben, mag dabei unerheblich sein. Allerdings war die Internationalität manchmal ausgeprägter.

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Die Grassimesse setzt in diesem Jahr vorwiegend auf Bewährtes. Fotos- André Kempner

Selbstverständlich ist auch bei manchen bekannten Gesichtern Neues zu entdecken. So hat Isabelle Enders, deren extravagante Pfeffermühlen vor Jahren der Hingucker waren, diesmal solche Gebrauchsgegenstände als farbenfrohe Zylinder gestaltet, gefertigt im 3D-Drucker. Und Beate Eismann, deren riesige Fingerringe 2015 auffielen, experimentiert nun mit Metallen, die ein Formgedächtnis haben. Andere Teilnehmer gehen den Weg der Beschränkung. Die Hamburgerin Karin Bablok ist quasi schon Veteranin der Messe. In diesem Jahr hat sie ihre mehrfarbig gestreiften wie auch geometrisch dekorierten Keramiken zu Hause gelassen, um die schwarz-weißen Objekte in den Vordergrund zu rücken. „Das Verhältnis von Innen und Außen ist mir hier wichtig“, sagt sie. Die dünnwandigen, fast durchscheinenden Porzellangefäße sind vor dem zweiten Brand beidseitig mit expressiven Pinselschwüngen bemalt worden. Das Spiel von leerer Fläche mit kräftigen Akzenten wirkt sehr asiatisch, doch Karin Bablok verweist darauf, dass auch der amerikanische Avantgardist Franz Kline zu den Ideengebern gehört.

Orientierung am Vergangenen

Die Orientierung am Vergangenen ist nichts Negatives. Im Unterschied zu vielen Kollegen, deren Prinzip „less is more“ der Klassischen Moderne entstammt, geht die in diesem Jahr mit dem höchstdotierten Preis der Messe geehrte Sonngard Marcks noch weiter zurück. Geradezu barock wirken ihre Keramiken im Überschwang der Formen und Bemalungen. Sie ist eine begnadete Zeichnerin, die sich ihre Anregungen direkt aus der Natur holt. Einige Zeichnungen, die zu den intensiven Vorarbeiten für die unikaten Objekte gehören, hat sie mitgebracht, ebenso bunte Insekten, aus Seiten der „Süddeutschen Zeitung“ ausgeschnitten. Recycling trifft Perfektionismus.

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Wieder wurden einige Hochschulen für Sonderpräsentationen eingeladen. Ein gewisses Gegengewicht zur edlen Handwerksware setzt dabei insbesondere die Kasselcollection. Studenten Jakob Geberts an der Kunsthochschule Kassel zeigen experimentelle Arbeiten. Bezeichnend für die Herangehensweise, Gewohntes in Frage zu stellen, sind die Brillenobjekte von Verena Hutter und Jennifer Witulla. Spiegelnde Bleche lenken den Blick in ungewohnte Richtungen.

Als spezielle Gäste sind Kunsthandwerker aus Wales dabei. Diese Präsentation wirkt nun wiederum ganz gediegen. Von archaisch anmuteten Steingutgefäßen Paul Wearings bis zu schrägen, aber keinesfalls außergewöhnlichen Silberboxen von Mary Ann Simmons reicht die Skala.

Schönes und Begehrenswertes

Einen echten Kontrapunkt setzt erneut der Sonderpreis, den die Agentur Culturtraeger vergibt. „Sitzen stehend Leute“ heißen die überdimensionierten Glieder von Fahrradketten, die zum Hinsetzen und Schwatzen einladen. Entworfen wurden sie von Amélie Ukas und Chris Walter, Studierende der Burg Giebichenstein Halle.

Wie immer lässt sich auf der Grassimesse viel Schönes und Begehrenswertes entdecken. Einen Weg, wie man zu viel Beschaulichkeit vermeiden kann, zeigt das in Connewitz ansässige Label „We are KAL“. Das Besondere sieht man den herrlich weichen Textilien nicht sofort an. So erklärt Catherine Allié geduldig den Besuchern, dass die Produkte direkt mit den Herstellern in Indien entwickelt werden. Nachhaltigkeit nicht als Etikett, sondern als gelebte Praxis ist ein Ansatz, der ohne flippige Effekthascherei Traditionen mit der Zukunft verknüpft.

Von Jens Kassner

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