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Großartiger Ingo Börchers bei der Lachmesse

Humor- und Satirefestival Großartiger Ingo Börchers bei der Lachmesse

Für einen Glanzpunkt bei der 27. Leipziger Lachmesse hat am Mittwochabend der Kabarettist Ingo Börchers mit seinem Programm „Ferien auf Sagrotan“ gesorgt. Im Academixer-Keller feuerte er Pointen quasi im Sekundentakt ab, regte aber ebenso zum Nach- und Weiterdenken an.

Starkes Programm: Ingo Börchers mit „Ferien auf Sagrotan“.
 

Quelle: Kempner

Leipzig.  Jemand sollte eine Statistik in Auftrag geben: Wie viele Besuche braucht es, um sämtliche Pointen, Wortspiele und gedanklichen Winkelzüge im Programm „Ferien auf Sagrotan“ mitzubekommen, die Ingo Börchers – selbst ein Freund von Zahlenspielen – innerhalb von zwei Stunden ins Publikum pfeffert? Müsste ziemlich bald eruiert werden, denn auf dem Tourplan des Kabarettisten, der zur Lachmesse am Mittwoch den Academixer-Saal rockte, steht inzwischen häufiger das neue Solo „Immer ich“.

 Schon ohne Pointenzählung machen Besuche bei Börchers eine Menge Arbeit – die vorstellbar schönste allerdings. Man kann nur hinterherhecheln, wenn die Geistesblitze zickzacken beim Monolog eines Hypochonders, der sich aus Furcht vor Bazillen, Viren und Sepsis auf die Bühne geflüchtet hat und Desinfektiöses aus der Flasche in die Luft sprüht und der Voltaire als Erfinder von Voltaren ausmacht. Ein Skeptiker und Pessimist, der sein Credo „Leben hat Nebenwirkungen“ eher warnend als tröstend meint. Hin und wieder setzt seine Figur, ein Sonderling in braun-karierter Klamotte, das Skalpell der Satire an gesellschaftlichen Geschwüren an. Online-Banking, so stellt er fest, wird uns als Zugewinn von Freiheit verkauft, macht uns jedoch für kurze Zeit eigentlich bloß zum Mitarbeiter eines Kreditinstituts. Brillant und typisch für den Stil Börchers’, der auf einen saukomischen Kalauer im selben Atemzug ein fieses Sticheln folgen lässt.

Seine Analysen rattert der Mann aus Bielefeld stellenweise im selben Tempo herunter wie das Fernsehen den Hinweis, Arzt oder Apotheker nach Risiken und – da sind sie wieder – Nebenwirkungen zu fragen. Er staunt über die Welt und deren Schöpfer, dem er Pfusch am Bau vorwirft, als er auf den Toilettengang zu sprechen kommt: Wie absurd sei es doch, beim Menschen die Abwasserleitung mitten durchs Vergnügungszentrum zu legen. Börchers spielt, sinniert, fragt und fantasiert großartig, die spontane Interaktion mit dem Publikum baut er so locker und treffsicher ein, wie es wenige können.

Schleichend verabschiedet er sich nach der Pause von seiner phobischen Figur. Das erscheint inkonsequent, führt aber zu weiteren beträchtlichen Nebenwirkungen: Die Sozialkritik gewinnt an Schärfe – und das Sentiment rückt in den Vordergrund. Der 44-Jährige philosophiert über Zusammenhänge zwischen Armut und Krankheit, ätzt gegen Europa, das nur noch vom Geld zusammengehalten wird, straft den Billigwahn im Verbraucherverhalten, der das Verwenden von Medikamenten in Tierkörpern forciert: „Manche Metzgereien bieten ja schon Pharmaschinken an!“

Ein Kracher und Lacher, doch Sekunden darauf wird’s berührend und gleichsam entlarvend, wenn Börchers eine Gesellschaft nicht verstehen will, die niedliche Babys in Windeln vergöttert und demente Senioren in Windeln als Belästigung ins Heim abschiebt. Im Wenigerwerden hätten die Alten das Recht, den Geist aufzugeben, konstatiert er, und es ist still in den Reihen. Der ph-Wert der Moralinsäure steigt, ohne aufzustoßen, weil der Künstler glänzend beschreibt und zuspitzt. Große Kunst. Kabarett voller Neben- und Nachwirkungen.

Ingo Börchers kommt am 8. März mit seinem neuen Programm „Immer ich“ wieder zu den Academixern (20 Uhr). Karten unter der Nummer 0341 21787878 oder über www.academixer.com.

Von Mark Daniel

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