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Große Kunst und eine seltsame Kunstfigur

Lachmesse-Fazit Große Kunst und eine seltsame Kunstfigur

Seit dem späten Sonntagabend ist die 27. Lachmesse Geschichte. Geschäftsführer Frank Berger zieht ein positives Fazit unter das achttägige Festival, das mit frischen Formaten neues Publikum gewann. Viele Kabarettisten lieferten starke Politsatire. Nur eine etablierte Künstlerin fiel mit fragwürdigen Formulierungen negativ auf.

Großartige Stimmung: Die Comedy-Musik-Band LaLeLu in der Oper bei der Lachmesse-Gala.
 

Quelle: Kempner

Leipzig.  Frank Berger hat ja durchaus damit gerechnet, dass die zwei Gala-Vorstellungen in der Oper am Sonntag einen schönen Schlusspunkt unter das Festival setzen würden. „Meine Erwartung wurde aber weit übertroffen – das war fantastisch“, resümiert der Geschäftsführer der Lachmesse glücklich. Wie er überhaupt ein positives Fazit zieht nach acht Tagen Humor und Satire satt.

Moderiert haben die Gala erstmals Katrin Weber und Lars Redlich. So glanzvoll, dass Berger die beiden im nächsten Jahr wieder verpflichten möchte. Thomas Freitag sorgte wieder mal als Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki für Tränen, Michael Mittermeier lief zu Höchstform auf, die Gruppe LaLeLu begeisterte mit parodistischem Gesang.

Eine runde Sache also. Im Fall von Simone Solga sah das am selben Abend anders aus. Schon mit ihrem Programm „Im Auftrag ihrer Kanzlerin“ eckte sie an, als beispielsweise 2016 in Starnberg Buh-Rufe ertönten und Zuschauer den Saal verließen. Auch ihr neues Solo mit dem prophetischen Titel „Jetzt gibt’s Ärger“, das sie am Sonntag in ihrer früheren Wirkungsstätte Pfeffermühle spielte, dürfte das Publikum spalten.

Zum einen brilliert die 54-Jährige mit knackigen Zuspitzungen und musikalischen Nummern. Zum anderen häufen sich im Verlauf diskutable Formulierungen. Martin Schulz als „trockengelegten Buchhändler“ auf seinen überwundenen Alkoholismus zu reduzieren: billig. Die siebenfache Mutter von der Leyen auf „schnelle Brüterin“: alt wie ein Baum. Andrea Nahles auf „Stradivari unter den Arschgeigen“ und sexuelle Notlösung: teppichflach. Die General-Botschaft, dass alle Politiker Pfeifen sind: fantasielos.

Besonders angreifbar macht sich Solga, wenn sie Felder düngt, auf denen der Rechtspopulismus wuchert. Das Votum für die AfD sei eher „eine kollektive Unmutsbekundung“, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Flüchtlinge nennt sie betont ironisch „herkunftsvariable Neubürger“. Durchaus mutig, denn zumindest im Kabarett liegt das weitab von Mainstream und Kodex. Von differenziertem Denken allerdings ebenso.

Nach der Pause bedient die in Gera geborene Künstlerin erzkonservative Ansichten in Sachen Kindererziehung, Gender-Diskussion sowie Vegetarismus („Rohkost ist ein anderes Wort für Biomüll“) und singt ein Loblied auf das Altwerden mit argwöhnischem Blick auf die Jugend. Pures Seniorenkabarett, dazu der grandiose Vorschlag, über hungernden Afrikanern statt Mais lieber Dresdner Stollen abzuwerfen.

Zweieinhalb Stunden stellt sich die Frage, ob sich Solga vom Anbiederischen ihrer Kunstfigur, der Kanzlerin-Souffleuse, am Schluss distanziert und das Unreflektierte auflöst. Im Gegenteil: Sie offenbart sich als „besorgte Bürgerin“ und wettert zum Schluss über Fernseh-Redakteure, die ihre Texte als politisch unkorrekt ablehnen. Immerhin fällt nicht das Wort „Lügenpresse“. Ihre Bezeichnung als „rechte Hand der Kanzlerin“, sie bekommt dennoch eine unschöne Bedeutung.

Ausverkauft ist der Abend, an dem viel applaudiert wird, so wie mehrfach bei der Lachmesse. Trotz eines lange spätsommerlichen Wetters und Massenphänomenen wie die fünfmal ausverkaufte Helene Fischer oder das Champions-League-Heimspiel von RB Leipzig konnte sich das Festival in der Gunst der Zuschauer behaupten. Hier und da hätten es mehr sein können (Alfred Mittermeier, Archie Clapp, sogar beim „Sächsischen Wort des Jahres“ mit Tom Pauls), doch in den meisten Fällen spielten die Künstler vor gut gefüllten bis ausverkauften Rängen. Mit allen Lachmesse-Veranstaltungen 2017 kommt Berger wie im Vorjahr auf rund
20 000 Zuschauer.

Ob weiterhin die enorme Schlagzahl von 150 Künstlern in rund 90 Vorstellungen an 8 Tagen gehalten werden kann, dürfte sich in naher Zukunft entscheiden. Analog zur Einwohnerzahl Leipzigs scheint jedenfalls auch das konkurrierende Kulturangebot zu wachsen. Berger ist optimistisch und denkt nach vorn: „Das Festival weiterzuentwickeln, ist und bleibt eine meiner Aufgaben für die kommenden Jahre“, betont er.

Geschafft hat er schon jetzt, das Genre Slam Poetry ins Festival für Humor und Satire zu integrieren, damit eine Struktur aufzubrechen und junge Leute für die Lachmesse zu interessieren. „Das hat richtig gut geklappt“, freut er sich. Für Verjüngung und Belebung sorgten der Wettstreit Poetry gegen Kabarett. der interaktive Horny Comedy Slam, die Newcomer-Show „Jugend forsch“ und erneut der Kupferpfennig-Wettstreit.

Schon eine gute Gewohnheit, dass die Lachmesse künstlerisch die Erwartungen summa summarum erfüllt hat. Mit dem Wahlausgang gehen die stets politisch orientierten Künstler wie Preisträger Helmut Schleich gelassen und süffisant um. Das Phänomen AfD nötigt aber nicht nur ihnen ein Statement ab, sondern auch manchen, denen man das nicht unbedingt zugeschrieben hätte. Komiker und Paradiesvogel Archie Clapp streut neben einigem Blödeln ein, was er von Ausländerfeindlichkeit und Panikmache hält.

Beim erwähnten Duell zwischen Poetry und Kabarett trägt Slammerin Bonny Lycen einen wütenden Brief an ihren Vater vor, der zur Bundestagswahl bei der AfD sein Kreuz gemacht hat. Seriengängern der Lachmesse mögen die Statements inflationär erscheinen – andererseits gibt es einen Grund für die Distanzierung: Man möchte die Partei gar nicht erst zu einer fatalen Selbstverständlichkeit werden lassen. Besonders klug und entwaffnend gingen HG Butzko und Aydin Isik mit dem Thema um.

Bemerkenswert: Die von Männern dominierte Kunstform wurde in diesem Jahr kräftig von Frauen aufgemischt, vor allem bei den Solo-Produktionen: 13 weibliche Alleingänge gab’s. „Erfreulich, dass immer mehr Frauen in die obere Liga drängen“, bemerkt Frank Berger.

Nun gilt es, den neuen Löwenzahn-Preisträger zu bestimmen. Dazu fließen die Voten von Lachmesse-Vereinsmitgliedern, der LVZ-Leserjury und Berichterstattern ein. Die Entscheidung darüber, wer zur Eröffnung der 28. Lachmesse am 21. Oktober 2018 die Trophäe überreicht bekommt, fällt im November.

www.lachmesse.de

Von Mark Daniel

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